„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

Während ich gerade den Rückblick auf mein Lesejahr 2017 verfasse, stelle ich fest, dass deutschsprachige AutorInnen kaum unter den 68 Büchern vertreten sind (nur 8, und davon spielt nur ein Buch im Deutschland der Gegenwart). Es zieht mich literarisch wohl eher in die Ferne, in ferne Länder, ferne Zeiten und ferne Welten. Passend zu dieser Erkenntnis habe ich gerade Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky gelesen – ein Roman, der im Westerwald spielen soll, also direkt bei mir vor meiner Haustür.

Aber so ganz stimmt das nicht, zwar wird ein paar Mal erwähnt, dass die Handlung im Westerwald stattfände, doch bei mir regt sich der Verdacht, dass die Autorin einfach die erstbeste Region, die ihr eingefallen ist, als Handlungsort gewählt hat. Regionale Bezüge gibt es überhaupt nicht, könnte auch in der Eifel oder im Taunus spielen. Alle Figuren sprechen lupenreines Hochdeutsch, das Dorf heißt einfach Dorf, die Kreisstadt einfach Kreisstadt. Einzig die „Uhlheck“ könnte als Platt durchgehen.

Nun bin ich gar kein Fan von Regionalkrimis und Büchern, in denen die Handlung nur Kulisse für regionale Bezüge darstellt, die ortsansässige (oder urlaubswütige) LeserInnen in Verzücken setzen sollen, doch gekauft habe ich mir dieses Buch dann doch, weil es eben im Westerwald spielt. Doch das tut es nicht wirklich, vielmehr spielt es in einer nicht ganz so fernen Parallelwelt, die unserer Zeit leicht entrückt oder zumindest verschoben scheint, in der die Uhren und Menschen etwas anders ticken. Einzig Japan, Sibirien und Alaska bieten konkrete Ortsangaben, wenn der reissüchtige Vater mal wieder über eine schlechte Leitung anruft, um sich nach dem Wohlbefinden des Hundes Alaska zu erkundigen.

Nachdem die erste Enttäuschung überwunden war und der etwas sperrige Einstieg in die Geschichte gemeistert (Leky beginnt das Buch gleich mit den kompliziertesten und komplexesten Sätzen), habe ich richtig Gefallen an diesem kleinen Kammerspiel gefunden, bei dem ich mir die Häuser stellenweise so auf dem Boden aufgemalt vorgestellt habe, wie in Lars von Triers Dogville.

Erzählt wird die Geschichte von Luise, die über alles Bescheid weiß und in dem Dorf unter der Obhut ihrer Großmutter Selma (die wie Rudi Carell aussieht, was aber lange keiner merkt) und des Optikers (der wie der Optiker aussieht, was alle sofort merken) aufwächst, während ihr Vater infolge einer Psychoanalyse versucht, die Welt hereinzulassen und gleich von ihr fortgerissen wird, und ihre Mutter vom Eiscafébetreiber Alberto eingelassen wird und sich ansonsten ganz ihren Blumenkränzen widmet.

Eine idyllische Welt, durch die ein Hauch magischer Realismus weht; fast eine heile Welt, wenn Selma nur nicht vom Okapi träumen würde. Denn immer wenn sie davon träumt, stirbt innerhalb von 24 Stunden jemand, und auch ansonsten gibt es Unfälle, Unglücke, geladene Gewehre, einbrechende Böden und schlechte Laune.

Es gibt ja diese vielzitierte afrikanische Weisheit, dass es ein ganzes Dorf benötigen würde, um ein Kind aufzuziehen. Und so wird Luise auch von der abergläubischen Elsbeth, dem Einzelhändler, dem versoffenen Palm und der depressiven Marlies (in die ich mich direkt verlesen habe, so viel schlechte Laune finde ich ganz charmant) erzogen. Und wozu sollte man bei einer so schrulligen aber liebenswürdigen Dorfgemeinschaft noch die Welt hereinlassen, da ist die nächste Kreisstadt doch schon aufregend genug.

Mir hat das Buch gut gefallen, aber die höchste Begeisterungsstufe konnte es nicht erzeugen, dafür hat mir etwas gefehlt, dass ich nicht so ganz genau definieren kann. Vermutlich lag es am etwas holprigen Einstieg, dafür entwickelt es am Ende eine tolle Dynamik und steckt voller kluger und schöner Sätze. Der Humor kommt knochentrocken daher, mit wunderbarer Ironie für alle Lebenslagen, von der auch zukünftige Generationen noch zehren können.

Und die tollen Figuren nicht zu vergessen, allen voran Selma und der Optiker, dem schönsten auf-das-sie-sich-ewig-nicht-kriegen-und-doch-schon-haben-Paar seit Mulder und Scully. Mariana Leky verleiht diesen Personen eine Tiefe, die manch einem Leser vor lauter Finesse und Feinsinn entgehen könnte, wenn es mit der eigenen Empathie ein wenig hapert. Doch wenn man diese kleine schrullige Welt hereinlässt, wird man mit einer Geschichte aus dem Leben belohnt, dass man vielleicht nicht selbst leben möchte, dem man aber mit Freude beiwohnt. Die Welt per Bücher hereinzulassen ist auch viel bequemer, als selbst hinauszuziehen. Außerdem kann man sich manch verborgenen und unangenehmen Wahrheiten schon mal auf Probe stellen und testen, ob sie einem selbst ein Bein stellen.

So, und jetzt haut ab und lasst mich in Ruhe, hier wartet eine Dose Erbsen auf mich und meine Buchempfehlungen sind sowieso alle scheiße. 😉

P. S. mit Mon Chéri kann man mich jagen, aber an Weihnachten gab es bei uns eine ganze Torte voll damit. Für mich gab es aber Rehrücken – gebacken, nicht geschossen.

P.P.S. sehr gefreut habe ich mich übrigens über das Lesebändchen, das zum Glück nicht lang genug ist, dass man sich daran erhängen könnte.

6 Gedanken zu “„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

  1. Es geht quasi um eine Dorfbewohnerin, die herumläuft?

  2. Pingback: Von der Liebe | Frau Lehmann liest

  3. Lieber Markus,

    Deine Buchbesprechung gefällt mir inhaltlich und stilistisch sehr gut und sie harmoniert vorzüglich mit meiner Einschätzung von Mariana Lekys Roman.

    Für mich ist „Was man von hier aus sehen kann“ ein ganz besonderer Leseleckerbissen, und das habe ich auch ausführlich in meiner Rezension dargestellt, wenn Du da mal reinlinsen magst:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/22/was-man-von-hier-aus-sehen-kann/

    Mariana Lekys Sprache ist von berührender, ja, zu Herzen gehender Transparenz. Wir lesen hier keine rosa Liebeszuckergußromanze, sondern gefühlsechte, menschenkenntnisreiche, reife Herzensqualität. Die Geschenke und Verluste des Lebens gehen in diesem weisen Roman harmonisch Hand in Hand, Gefundenes wird verloren und Verlorenes wird gefunden, Vertrauen umarmt Verletzlichkeit.

    Die Autorin charakterisiert und inszeniert ihre Figuren mit einer bewundernswerten psychologischen Tiefenschärfe und einem feinen Sinn für Humor. Eine überaus zärtliche, sinnlich-schwebende Sprachmelodie und augenzwinkernde Verspieltheit erleichtert die Schwerkraft des Schicksals.

    Dieser Roman hat so viele zitierwürdige Lieblingsstellen, daß man nur schwer eine Auswahl treffen kann. *schwärm*

    Bibliophile Grüße 🙂
    Ulrike von Leselebenszeichen

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