Was macht für mich einen guten Science-Fiction-Roman aus?

Ein befreundeter Science-Fiction-Autor fragte in kleinem Kreis, was für uns einen guten SF-Roman ausmache. Was es an Zutaten bräuchte, dass uns ein SF-Roman besonders ansprechen würde. Welche Erwartungen wir hätten. Meine Antwort ist etwas länger geworden, und so habe ich einen Blogeintrag daraus gemacht.

Ich glaube nicht, dass ich die Frage zur Zufriedenheit des Fragestellers beantworten kann. Mir kommt es in erster Linie nicht auf die inhaltlichen Elemente an, sondern vor allem darauf, wie die Geschichte erzählt wird. Und das kann ich am Besten nur anhand von Beispielen erklären. Indem ich darauf eingehe, was mir an meinen Lieblings-SF-Büchern so gefällt.

Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger

Zeitreisen sind eigentlich ein ausgelutschtes Thema, aber Niffenegger schafft es trotzdem, daraus eine originelle und bewegende Geschichte zu machen. Der Protagonist leidet an einem Gendefekt, der ihn vorübergehend und unangekündigt in der Zeit zurückreisen lässt, wo er immer wieder derselben Frau (zunächst ist sie noch ein Mädchen) begegnet, aber eben in unterschiedlichen Jahren und nicht in chronologischer Reihenfolge. Später heiraten sie und es kommt zu dramatischen Entwicklungen. Das alles wird unheimlich bewegend und anrührend geschildert. Und genau das, macht es für mich zu einem besonderen Buch, die Grundidee mit den Zeitsprüngen ist originell und ansprechend, die hat mich das Buch kaufen lassen, aber erobert hat es mit über Emotionen, die für mich auch maßgeblich über den Stil transportiert werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist Blumen für Algernorn von Daniel Keyes (Spoiler in diesem Absatz). Da geht es um einen Ich-Erzähler (Charly) von verminderter Intelligenz, was sich durch die vielen Rechtschreibfehler und die einfache Sprache zeigt. Der nimmt dann an einem Experiment teil, durch das seine Intelligenz immer weiter ansteigt, gleichzeitig werden seine Rechtschreibfehler weniger, die Sätze werden länger und komplexer, ebenso seine Gedanken. Der emotionale Dreh kommt, als sich bei der Maus (Algernorn), an der das Experiment zuerst getestet wurde, Anzeichen bemerkbar machen, dass die Intelligenz wieder zurückgeht. Wodurch Charly, inzwischen hochintelligent, weiß, dass er wieder »dümmer« wird, die Tragik dieses Prozesses kündigt sich durch seinen Schreibstil an.

Ein weiteres meiner Lieblingsbücher ist Bedenke Phlebas von Iain Banks, eine rasante und actionreiche Space Opera, deren Besonderheit im von Banks erschaffenen Kultur-Universum liegt, wo künstliche Intelligenzen im Prinzip alles übernommen haben und das Leben der Menschen und anderer Wesen sanft steuert (siehe diesen Artikel über den revolutionären Optimismus im Kultur-Universum). Dazu kommen einfach sympathische und coole Figuren sowie ein gewisser Sense of Wonder, der mir bei Weltraum SF wichtig ist. Ideen, die ich so woanders noch nicht gelesen habe. Was nicht heißt, dass sie neu sein müssen, da ich ja nicht alle existierenden SF-Geschichten gelesen habe. Aber sie sollten zumindest so selten sein, dass sie mir eben noch nicht in dieser Form begegnet sind.

In Robert Charles Wilsons Spin (hier meine Besprechung) beobachten drei Kinder ein faszinierendes und weltbewegendes Ereignis: eines Nachts verschwinden die Sterne. Das ist die Ausgangslage des Romans, doch erzählt wird die Geschichte über die massiven gesellschaftlichen Auswirkungen und Hintergründe dieses Ereignisses anhand der Biografie dieser drei Kinder. Wilson präsentiert die faszinierende Idee nicht mit dem Holzhammer, sonder bettet sie in eine bewegende Familiengeschichte ein. Und genau das macht den Roman für mich so besonders.

Aber gutes Buch heißt ja nicht gleichzeitig auch Lieblingsbuch. Es gibt auch Bücher, die ich für gut halte, obwohl sie mir persönlich aus unterschiedlichen Gründen nicht gefallen haben, oder die ich eben nur als gut bezeichne, ohne dass dabei meine Augen vor Begeisterung leuchten.

Ben Bovas Mars behandelt zum Beispiel auf faszinierende, realistische und nachvollziehbare Art den Versuch einer Marsbesiedelung. Das hat mich thematisch angesprochen, weil ich eben von der Raumfahrt und der dahintersteckenden Wissenschaft fasziniert bin. Stilistisch ist routiniert erzählt, hat mich aber jetzt keine Luftsprünge machen lassen. Dafür verleiht Bova aber seinen Figuren durch Flashbacks einiges an Persönlichkeit, die sie für mich interessant und lebendig machen.

Themen und Zutaten können ein Grund sein, warum ich mir ein Buch genauer ansehe, ein Grund, es mir zu kaufen. Aber um mich so richtig für sich gewinnen zu können, muss mir das Buch Figuren mit Tiefe bieten, muss originell und/oder mitreißend erzählt werden, muss Emotionen transportieren. Deshalb gefallen mir zum Beispiel Heftromane nicht, die oft (zumindest in den Beispielen, die ich gelesen habe) ganz auf die Handlung fixiert sind, in einem normierten Stil und Satzbau, ohne den Figuren Raum für Tiefe zu geben.

Ein aktuelles Beispiel ist Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (hier meine Besprechung). Das konnte mich total begeistern, obwohl es keine originelle Grundhandlung hat. Da fliegt ein Tunnelbauschiff von A nach B und erlebt unterwegs ein paar mehr oder weniger aufregende Abenteuer. Was das Buch für mich und auch für viele LeserInnen (hat sich bei Fischer Tor dank Mundpropaganda zu einem Longseller entwickelt) besonders macht, sind die liebenswürdigen Figuren und ihr durchaus konfliktreiches Miteinander. Chambers hat auf diesem Tunnelbauschiff einen grundsympathischen Mikrokosmos geschaffen, in dem ich einfach gerne Zeit verbringe. Das war zur Abwechslung mal Wohlfühl-SF.

Anspruchsvolle und intellektuell herausfordernde Science Fiction, wie sie zum Beispiel Neal Stephenson oder Dietmar Dath schreiben, in die sie viele mathematische, philosophische und physikalische Konzepte und Ideen packen, finde ich auch überaus faszinierend und lese sie gerne, aber bei meinen Lieblingsbüchern landen sie eher selten.

Das war jetzt sicher nicht das, was der Fragesteller hören wollte, aber anders kann ich die Frage, was für mich ein gutes SF-Buch ausmacht, nicht erklären. Für mich als Leser ist die Science-Fiction nur ein Genre von vielen. Ich lese auch gerne Fantasy, Thriller, historische Romane, Klassiker, allgemeine Belletristik und Sachbücher. Und was für mich das Wichtigste ist, ist der Stil des Autors, seine Erzählstimme, die Art, zu erzählen. Wenn mich das nicht anspricht, breche ich schnell ab. Ist das aber vorhanden, lese ich auch Bücher, die mich rein vom Thema her nicht interessiert hätten.

Ein großer Pluspunkt kann es auch sein, wenn ein Buch nicht meinen Erwartungen entspricht. Wenn es mich überrascht. Ist doch langweilig, wenn man immer nur das bekommt, was man erwartet. Ich will überrascht und aus den Socken gehauen werden.

Im Idealfall ist es ein abgeschlossener SF-Roman. Vor einiger Zeit habe ich mit erstaunen festgestellt, dass keine angefangene SF-Reihe oder Serie in meinem Bücherregal über Band 3 hinausgeht, weshalb ich sie inzwischen auch kaum noch anfange, wenn schon feststeht, dass es Fortsetzungen geben wird. Ich brauche Abwechslung. Deshalb lese ich auch selten zwei Bücher aus einem Genre hintereinander.

Manche Bücher haben aber auch einfach das Pech, dass ich sie zum falschen Zeitpunkt anfange und einfach nicht in der Stimmung bin, um mich auf sie einzulassen. Andersherum kann es auch passieren, dass mir ein Buch besser gefällt, weil ich gerade durch einen Film, einen Artikel oder sonst was auf ein bestimmtes Thema Lust bekommen habe. Passiert mir gelegentlich mit Archäologiethrillern oder Sachen Richtung Dan Brown oder anderen Abenteuergeschichten.

Manchmal möchte ich auch was lesen, was mich an die Leseerlebnisse der Kindheit erinnert, da spielt dann bei der Wertung auch ein gewisser Nostalgiefaktor eine Rolle, wenn es dem Buch gelingt, mich emotional in eine passende Stimmung zu bekommen. Was aber eher selten passiert. Wenn, lese ich lieber noch mal die Bücher von damals, die dann aber außer Konkurrenz laufen, weil ich bestimmte Erinnerungen mit ihrer Lektüre verknüpfe.

Ich würde mich aber auch nicht zum typischen SF-Leser zählen, der vor allem in diesem Genre liest. Wie viel SF ich lese, schwankt von Jahr zu Jahr, aber selten macht sie mehr als 20% der Bücher eines Jahres aus. In diesem Jahr waren bisher 7 von 60 Büchern Science Fiction.

Insofern kann ich keine klaren Zutatenwünsche für einen guten SF-Roman liefern, der meinen Ansprüchen genügt. Das ist jedes Mal eine neue, individuelle Entscheidung, die von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt.

3 Gedanken zu “Was macht für mich einen guten Science-Fiction-Roman aus?

  1. Mit anderen Beispielen untermalt käme bei mir fast dasselbe heraus.
    Gerade den Hinweis, dass man ein Buch zwar gut finden kann, es aber dennoch nicht zu den Lieblngsbüchern rechnen würde, halte ich für wichtig.

  2. Ich stimme dir da in jedem Punkt zu. Für mich muss ein guter SF-Roman zunächst mal ein guter Roman sein, die SF ist dabei die Sahne auf dem Pudding. Oft sind es Bücher von Autoren, die man sonst nicht mit SF verbindet und die deshalb einen völlig anderen Blickwinkel oder einen sehr eigenen Stil mitbringen, die mir besonders gefallen (z.B. „The road“ von Cormack McCarthy oder „Rant“ von Chuck Palahniuk). Bei „echten“ SF-Autoren gefallen mir meist Bücher von Autoren, die ein festes Thema von immer wieder neuen Blickwinkeln aus betrachten (wie z.B. Dick oder Asimov) und Serien mit mehr als 3 Büchern lese ich grundsätzlich nicht.

  3. „Mars“ habe ich auch gerade ausgeliehen bekommen. Da bin ich mal gespannt.

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