„Nevernight: Die Prüfung“ von Jay Kristoff

Mia Corvere ist erst zehn, als ihr Vater hingerichtet wird, weil er die Republik vor einem Diktator bewahren bzw. die aktuelle Regierung stürzen und eine Monarchie errichten wollte – je nach Perspektive. Auch den Rest ihrer Familie verliert Mia, und ihre geliebte Katze wird vor ihren Augen umgebracht, sie selbst kommt nur knapp mit dem Leben davon. Infolge kommt sie bei einem alten Assassinen unter, der ihr alles beibringt, was man über das Handwerk des Tötens wissen muss, bevor sie dann ihre Ausbildung in der Roten Kirche vollenden soll. Alles mit dem Ziel, sich irgendwann an dem verbrecherischen Konsul und seinen Schergen zu rächen.

Die Rote Kirche ist eine Art Hogwarts für Psychopathen, wo ein Assassinentodeskult einer dunklen Göttin huldigt, indem er Menschen umbringt. Nevernight ist also im Prinzip eine Internatsgeschichte wie Harry Potter oder Hanni und Nanni, nur etwas blutiger. Dafür hat Autor Jay Kristoff eine Welt entworfen, die vom politischen System her der römischen Republik in den Zeiten von Julius Cäsar gleicht. Es gibt einen Konsul, der anstrebt Imperator zu werden, die Luminatii gleichen der Legion und das Imperium ist auch ganz ähnlich mit Garnisonen usw. aufgebaut.

Technisch und wissenschaftlich ist die Welt allerdings deutlich weiter. Es gibt Brillen, gedruckte Bücher, Laboreinrichtungen, Langschwerter, Armbrüste uvm. Und Magie gibt es auch, denn Mia ist eine Dunkelinn, die die Schatten beherrschen kann. Einer dieser dämonischen Schatten ist ihr Gefährte Herr Freundlich, der ihr stets zur Seite steht.

Wie schon erwähnt, das Buch ist vor allem eine Internatsgeschichte, die mit der Abschlussprüfung endet. Mia lernt Freunde in ihrem Alter kennen, macht sich Feinde und hat strenge Lehrer, die ihr schon mal den Arm abschlagen. Es ist eine Entwicklungsgeschichte in einer düsteren Welt voller Blut, Tod und schwarzer Magie. Unterhaltsam, abwechslungsreich und trotz der finsteren Grundstimmung durchaus humorvoll erzählt. Neben den Internatsgeschichten erlebt Mia aber auch einige Abenteuer, auf denen es das ein oder andere Monster zu bezwingen gilt.

Einziger Kritikpunkt: Die Fußnoten gingen mir tierisch auf die Nerven und bremsten alle paar Seiten meinen Lesefluss. Ich mag Fußnoten, wenn sie zum Beispiel als ironisches Stilmittel wie bei Terry Pratchett oder Jonathan Stroud (Bartimäus) eingesetzt werden, was Kristoff durchaus auch versucht, aber zu 80% bestehen sie aus elendig langem Infodump, der ihm als Weltenbau dient. Was ich als eine etwas faule Lösung erachte, da er so umgeht, den Weltenbau elegant in den Text einzubauen. Stattdessen bekommt man die Informationen plump als Fußnoten eingehämmert, die einen beim Lesen ständig ins Stolpern bringen.

Ganz so schlimm ist es aber nicht, irgendwann habe ich mich halbwegs an die nervigen Einschübe gewöhnt und dem Spaß an der Geschichte tun sie im Großen und Ganzen keinen Abbruch. Bei Nevernight: Die Prüfung handelt es sich um eine klassische Rachegeschichte, die mit diesem Buch nicht endet, da Mia hier erst ihre Fertigkeiten erhält, die ihr später die Rache ermöglichen werden. Im Mittelteil leidet die Spannung ein wenig darunter, was der Autor aber durch zwei unterschiedliche Zeitebenen ausgleicht: eine, auf der erzählt wird, wie es dazu kam, dass Mia plötzlich ohne Familie und auf der Straße dastand; und eine, die von ihrer Ausbildung in der Roten Kirche erzählt. Dazu betreibt der Erzähler, der wohl an den Ereignissen beteiligt war, aber noch anonym bleibt, gelegentlich auch etwas Foreshadowing, um die Leser bei der Stange zu halten.

Nach einigen Monaten Fantasyabstinenz und Unlust hat mir diese originelle Variation bekannter Themen und Settings (trotz der Fußpilznoten) richtig Spaß gemacht. Obwohl es sich um jugendliche Protagonisten handelt, ist es aber kein Jugendbuch, dafür gibt es zu viel Blut und Sex – was mir als Jugendlichem natürlich richtig gut gefallen hätte. Die Übersetzung von Kirsten Borchardt liest sich ausgezeichnet. Nur ein Lesebändchen habe ich bei diesem ansonsten ganz wunderbar gestalteten Hardcover vermisst. 😉

3 Gedanken zu “„Nevernight: Die Prüfung“ von Jay Kristoff

  1. Klingt nach einer schrägen Kombi.

  2. Verdammt. Ich schleiche schon seit Monaten um das Buch herum und dachte bisher „ach, lass es lieber, du und Jugendbücher, das funktioniert nicht“. Und jetzt ist es gar kein Jugendbuch… Ich fürchte die Bestellung ist damit so gut wie unterwegs.

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