Kurzkritiken Juli 2017

Joe R. Lansdale – Die Wälder am Fluss

Nicht so gut wie Ein feiner dunkler Riss, dennoch ein eindrucksvolles und atmosphärisch dichtes Coming-of-Age-Porträt der rassistischen 1930er-Jahre in Texas, wo ein Serienkiller sein Unwesen treibt, dem der Sohn des örtlichen Constables und Frisörs auf die Spur kommt. Eigentlich gut übersetzt von Mariana Leky, aber das Lektorat hätte etwas sorgfältiger arbeiten müssen: Da wird aus einem Gewehr eine Pistole ein Gewehr und wieder eine Pistole.

Rebecca Hunt – Everland

Großartig geschriebener Abenteuerroman in der Antarktis, der auf drei zeitlichen Ebenen spielt, auf denen jeweils eine Gruppe aus drei Leuten im Mittelpunkt steht, die unter extremen Bedingungen eine unheilvolle Dynamik entwickeln. Im Jahr 1912 geraten drei Seeleute und Expeditionsteilnehmer, die die Insel Everland erkunden wollen, in Seenot und sitzen dann unter frostigen Bedingungen und gesundheitlich angeschlagen auf der Insel fest. Die Forscher, die die gleiche Insel ein Jahrhundert später erkunden will, muss feststellen, dass sich die Natur von moderner Ausrüstung nur wenig beeindrucken lässt – und dass es ins Unglück führt, wenn man aus falschem Stolz Schwächen und Fehler verbirgt. Geschickt konstruiert, mit viel psychologischer Tiefe – ein Kammerspiel, das unter die Haut geht. Ausgezeichnet übersetzt von pociao.

Jean-Michel Guenassia – Eine Liebe in Prag

Guenassias Debüt Der Club der unverbesserlichen Optimisten habe ich vor einem Jahr begeistert verschlungen, seinen Nachfolger habe ich aufgrund des (irreführenden deutschen!) Titels bisher gemieden. Denn in den letzten 12 Monaten habe ich mich vor allem für Frankreich interessiert, weniger für Prag. Nur spielt das Buch größtenteils gar nicht in Prag, und um eine Liebe geht es auch nicht. Viel mehr wird die Lebensgeschichte von Josef Kaplan erzählt, den es schon bald von Prag nach Paris führt, wo er seinem Medizinstudium noch eines der Biologie anhängt, danach für das Pasteur-Institut über Jahre in Algerien arbeitet und dort mit seinen Freunden den Zweiten Weltkrieg aussitzt. Erst nach Ende des Krieges führt es ihn mit seiner Freundin Christine über Umwege nach Prag zurück, wo er zunächst einen rasanten politischen Aufstieg hinlegt, dann aber an den willkürlichen Auswüchsen des kommunistischen Systems scheitert.

Wobei der Originaltitel La vie révée d’Ernesto G. auch etwas irreführend ist, denn der dieser berühmte Ernesto tritt erst im letzten Viertel des Romans auf, wobei er dort einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Ganz so wie sein Debüt konnte mich Eine Liebe in Prag nicht begeistern, eine tolle und mitreißende Geschichte ist es aber trotzdem, und gerade gegen Ende, wo viele Romane schwächeln, dreht dieser noch mal richtig auf und entwickelt sich von einer guten Geschichte zu einer großartigen. Und ein gewisser Schachclub aus Paris darf auch noch eine kleine Rolle spielen, was mir ein breites Grinsen auf das Gesicht zauberte. Gut übersetzt von Eva Moldenhauer.

2 Gedanken zu “Kurzkritiken Juli 2017

  1. Joe R. Lansdale mag ich sehr gerne. Dieser Roman scheint mir auf der Kurzgeschichte „Tollwutsommer“ zu basieren, der in „Gekreuzigte Träume“ zu finden ist. Dort ist mir zumindest der Fehler mit „Gewehr“ und „Pistole“ nicht aufgefallen.

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