„Die Verräterin: Das Imperium der Masken“ von Seth Dickinson

Im Original heißt das Buch The Traitor Baru Cormorant, und ich liebe diesen Titel, denn der verlockte mich damals bei Erscheinen dazu, das Buch zu kaufen. Sehr schade, dass man für die britische und deutsche Ausgabe den Titel geändert hat. Der ist nämlich wirklich ein Alleinstellungsmerkmal, das aus der Masse der generischen Fantasytitel herausragt und Neugierde weckt.

Und er ist Programm. Denn es geht um die junge Baru Komoran (in der deutschen Ausgabe wurde der Nachname übersetzt), die im Laufe der Geschichte Verrat begehen wird. Wann, wo, wie und an wem sei an dieser Stelle nicht verraten.

Und als Warnung vorweg an die Fantasypuristen: In diesem Buch gibt es weder Magie noch irgendwelche Fabelwesen. Würde es nicht in einer erfundenen Welt spielen, könnte es sich auch um einen historischen Roman handeln. Die wirkliche Fantasie liegt in den von Dickinson entwickelten Gesellschaftssystemen.

They sentenced me to twenty years of boredom
For trying to change the system from within
I’m coming now, I’m coming to reward them
First we take Manhattan, then we take Berlin

Leonard Cohen

Langweilig wird es Baru in der Geschichte jedenfalls nicht, zettelt sie doch die ein oder andere Revolution an und nimmt mehrere Städte ein. Die große Frage ist nur, gegen wen da wirklich rebelliert wird, wem die Pläne auf lange Sicht nutzen und wer hier wen manipuliert.

Baru wächst mit zwei Vätern auf einem kleinen Inselparadies in einfachen, aber nicht rückständigen Verhältnissen auf. Bis das Imperium der Maskerade auf den Plan tritt, die Insel kolonisiert und den Menschen ihre gesellschaftliche Konventionen aufzwingt. Wer gegen diese verstößt, wird grausam bestraft.

Doch die Römer haben ja bekanntlich nicht nur unterdrückt, sondern auch den Aquädukt gebracht, und so erhält Baru von der Maskerade eine Ausbildung und macht Karriere im Verwaltungsapparat des Imperiums. Ein Weg, auf dem sie viele Kompromisse eingehen und oft gegen ihr Herz entscheiden muss.

Dickinson erzählt hier durchaus eine epische Geschichte, wählt aber, wie so mancher Fantasyautoren mit einer Agenda, eine recht distanzierte Erzählweise, die nicht jedem gefallen wird, dafür aber originelle Abwechslung zu den üblichen Fantasybüchern bietet.

Wer wissen will, was ich mit Agenda meine, dem empfehle ich den (von mir übersetzten) Essay von Seth Dickinson zu seinem Buch, indem er darauf eingeht, was ihn beim Verfassen angetrieben hat. Könnte allerdings interessanter sein, ihn erst nach Lektüre des Buchs zu lesen, um zu vergleichen, ob man das Buch auch ohne Dickinsons Erläuterungen ähnlich gelesen hat.

Doch diese Agenda wird zum Glück nicht mit dem Holzhammer präsentiert, sondern dezent in die Struktur des Romans eingewoben, ohne aufdringlich zu wirken. Die Welt ist einfach so, da macht Dickinson keine große Sache draus, obwohl es entscheidenden Einfluss auf den Handlungsverlauf nimmt.

Kleiner Kritikpunkt: Trotz der sehr hilfreichen Karte des Reichs Aurdwynn mit seinen unzähligen Herzogtümern gibt, die auch persönlichen Anmerkungen Barus zu jedem davon enthält, habe ich irgendwann den Überblick verloren, wer hier mit wem koaliert oder intrigiert. Eine Flut aus Namen, die Dickinson gerne in schneller Abfolge aneinanderreiht. Zumal viele dieser Figuren nur kurze Auftritte erhalten.

Gelesen habe ich das Buch zu 60% im englischen Original und zu 40% in der ausgezeichneten Übersetzung von Jakob Schmidt. Warum ich das Buch seinerzeit zur Seite gelegt habe, weiß ich nicht mehr, es lag jedenfalls nicht daran, dass es mir nicht gefallen hätte.

Fantasy für LeserInnen, die keine Magie und Fabelwesen brauche, ohne Orks und Elfen, eher Social Fantasy mit distanzierter Erzählweise, wie z. B. auch bei David Anthony Durhams Acacia. Auf jeden Fall mal was Anderes im Einheitsbrei der großen Fantasyverlagsprogramme.

Nachtrag: Lapismont hat mit seinerm Kommentar noch zwei wichtige Punkte angesprochen, die ich nicht erwähnt hatte: Emotional hat mich das Buch nicht so richtig angesprochen. Eher auf einer sachlichen Ebene. Keine Ahnung, ob da noch ein Band kommt. Die Geschichte kann man als abgeschlossen lesen.

Nachtrag 2: Vom Verlag wurde mir mitgeteilt, dass es eine Trilogie werden soll.

3 Gedanken zu “„Die Verräterin: Das Imperium der Masken“ von Seth Dickinson

  1. Klingt aber nicht so, als könne man sich mit Baru identifizieren. Ist das ne Reihe?

    • Baru ist eine sehr ambivalente und undurchsichtige Figur. Emotional hat mich das Buch nicht so richtig angesprochen. Eher auf einer sachlichen Ebene. Keine Ahnung, ob da noch mehr kommt. Die Geschichte kann man als abgeschlossen lesen (guter Hinweis, sollte ich noch ergänzen).

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