Kurzkritiken: Cleave, Louis, Gregory, Thiemeyer und Kiernan

Liebe in diesen Zeiten (Everyone Brave is Forgiven) – Chris Cleave (Übersetzung Susanna Goga Klinkenberg)

Chris Cleave kann schreiben (und Susanna Goga-Klinkenberg übersetzen). Hier stimmt jedes Wort, jeder Satz ist unterhaltsam, jeder Dialog vom trockenen oder bissigen bis schwarzen britischen Humor geprägt. Jede einzelne Figur entwickelt schon nach wenigen Worten eine eigene Persönlichkeit. Und Cleave findet genau den richtigen Ton für und die richtige Balance zwischen Komödie, Romanze und den herzergreifend tragischen Schicksalen während des Zweiten Weltkriegs.

Im Prinzip geht es um eine Dreiecksgeschichte während des Zweiten Weltkriegs, in der wir die tragischen Schicksale der drei Protagonisten während des Blitz in London (als die Bomben fallen und alles in Schutt und Asche versinkt) und des Kriegseinsatzes in Frankreich und auf Malta verfolgen. Der Star des Buches ist sicher die unerschütterliche und unermüdliche junge Mary North, die sich für den Kriegseinsatz meldet, unfreiwillig Lehrerin wird, Spaß an der Sache findet und nach dem fast alle Kinder aus London evakuiert wurden, mit denen zurückbleibt, die keiner will, mit Behinderungen, Beeinträchtigungen, schwarzer Hautfarbe und anderen „Makeln“, die die armen Kleinen in der versnobten britischen Gesellschaft zu einem Club der Verlierer abstempeln.

Das Ende von Eddy (En finir avec Eddy Bellegueule) von Éduard Louis (Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel)

Ähnlich wie Didier Eribon (dem das Buch auch gewidmet ist) in Rückkehr nach Reims, erzählt Édouard Louis von der schwierigen Kindheit eines homosexuellen Außenseiters in einfachen (sozial Schwachen) Verhältnissen auf dem Land in Frankreich. Obwohl viele Jahrzehnte zwischen Eribons und Louis‘ Kindheit liegen, scheint sich nicht viel verändert zu haben. Rassismus, Intoleranz, Gewalt, Hass auf die da oben, Städter, feine Pinkel und alle, die anders sind.

Ich bin zwar in auf einem Dorf aufgewachsen, aber die Lebensverhältnisse, die Louis hier schildert, keine Glühbirnen auf den Zimmern, kein Teppichboden, kaum Türen im Haus, dafür jede Menge Schimmel und Feuchtigkeit, sind ziemlich schockierend. So etwas hätte ich eher in den 50er Jahren vermutet. Dass so was vereinzelt noch vorkommt, klar, aber so massiv in so vielen Haushalten in einem Dorf … Dazu die alltägliche Gewalt, der Eddy an der Schule ausgesetzt ist, das konstante Mobbing der gesamten Dorfgemeinschaft (auch wenn es nicht immer böse gemeint ist) und sogar aus seiner Familie. Das alles schildert Louis beeindruckend und bewegend, in einer einfachen aber effektiven Sprache, ähnlich wie Eribon, nur ohne die soziologische Analyse und etwas unmittelbarer, weil er direkt aus der Kindheit erzählt.

Es gibt aber auch Widersprüche in der Geschichte. Auf der einen Seite heißt es, sie hätten kein Telefon zuhause, weshalb Eddy stundenlang in der Telefonzelle mit seiner Freundin telefoniert hätte, ein paar Seiten später ruft ihn dann seine Mutter abends zuhause an, um Bescheid zu geben, es würde etwas später werden.

Ein heftiges, brutales und schonungsloses Buch über einen Teil der Gesellschaft, der vermutlich so gut wie allen die zu dem Buch greifen oder meinen Blog lesen vollkommen fremd sein mag. Jenem Teil der Gesellschaft, der nach der Wahl Trumps in den USA und den aktuellen Erfolgen des Front National (zumindest in der Auslandspresse) wieder viel Aufmerksamkeit erhält, ohne das er aber wirklich verstanden wird.

Die Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel liest sich ausgezeichnet, vor allem auch in Bezug auf die Schimpfworte und Umgangssprache, da ich die Sprache gerade lerne, freut es mich auch, dass er einige interessante Begriffe auf Französisch erklärend im Text belassen hat.

After Party von Daryl Gregory (Übersetzung Frank Böhmert)

Neurochemikerin verlässt auf eigene Verantwortung die Psychiatrie, um herauszufinden, wer plötzlich wieder die Droge auf den Markt bringt, die sie überhaupt erst in die Geschlossene gebracht hat und an deren Herstellung sie mitgewirkt hat. Eine Droge, die dafür sorgt, dass einem Gott erscheint (bei jedem in einer anderen Manifestation) und nicht mehr verschwinden will. Daraus entwickelt sich dann eine Mischung aus Gangsterstory und Road-Movie, die mir für meinen Geschmack anfangs zu ziellos dahinplätschert. Erst gegen Ende, wenn die Storyfäden um die titelgebende Afterparty zusammenlaufen und sich die Geschichte als Krimi entpuppt, kommt sie so richtig in Fahrt. Schlecht fand ich das Buch nicht, aber meine hohen Erwartungen hat es auch nicht erfüllt. Dafür wird nicht genügend auf diese wirklich interessante Droge eingegangen, die zwar kein McGuffin ist, aber von der ich mir gewünscht hätte, dass der Autor etwas näher auf sie eingeht, bzw. sie zu einem zentraleren Bestandteil der Geschichte macht. Der letzte Teil des Buches mit dem Mädchen hat mir richtig gut gefallen. Auf den ganzen Gangsterkram hätte ich aber gut verzichten können. Da hat mir Harrison Squared von Gregory deutlich besser gefallen. Die Übersetzung von Frank Böhmer liest sich ganz ausgezeichnet mit prägnanten kurzen Sätzen, genau auf den Punkt geschrieben.

Babylon von Thomas Thiemeyer

Seit Medusa 2004 erschien, bin ich Thomas Thiemeyer in seinen Einzelromanen aber auch bei seiner Reihe um die Archäologin Hannah Peters treu geblieben, auch wenn mir der Band 3 Valhalla nicht so gut gefallen hat, da dort viel zu viel Wert auf die rasante aber auch oberflächliche Action gelegt und die wirklich interessante Hintergrundgeschichte völlig vernachlässigt wurde. Aber Babylon dürfte mein Abschiedsband gewesen sein. Auch dieses Buch beginnt als rasanter Actionroman, in den Thiemeyer mit dem Handlungsort Syrien und in Form eines IS-Schergen noch eine politische Komponente einbaut, doch leider bleibt diese auf dem Niveau eines amerikanischen B-Actionmovies. Und im letzten Drittel dreht die Geschichte dann vollends Richtung Erich von Dänniken ab. Und das Ende sorgt dafür, dass alles, was vorher passiert ist, im Prinzip für die Katz war, und dass es mir als Leser völlig egal ist, was mit den Figuren passiert. Die ersten beiden Drittel des Buchs habe ich immerhin noch flott weggelesen, ohne mich zu langweilen, doch als es dann Richtung Präastronautik und Esoterik ging, musste ich mich regelrecht durch das Buch quälen. Da hat jeder Satz wehgetan. Wobei ich es gar nicht prinzipiell ablehne, wenn ein Abenteuerthriller völlig ganz phantastisch wird (wie z. B. Korona), aber das hier ist einfach nur inkohärenter Murks.

Agents of Dreamland von Caitlan R. Kiernan

Eine Tor.com-Novelle, die im englischsprachigen Raum viel Lob erhalten hat. Von der Form her ist das Buch auch ganz wunderbar geschrieben und konstruiert, sprachlich auf höchstem Niveau, allein die Akte-X-artige Geschichte, mit Lovecrafteinflüssen konnte mich nicht so richtig packen. Ob es an der unkonventionellen Erzählstruktur lag? Ich weiß es nicht. Auch wenn es nicht schlecht zu lesen war.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s