„Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch

Das Buch ist nicht nur wegen der 868 Seiten ein gewaltiger Brocken. Mulisch verknüpft hier ein ganzes Füllhorn an Themen und Ideen, wie die Entstehung des Universums per Big Bang, Astronomie, Architektur, Religion und Bibel, der Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Musik, Politik und vieles mehr zu einer wagemutigen und komplexen Mischung, die bisweilen gar phantastisch anmutet und dem Leser einiges abverlangt, ihn aber auch reichlich belohnt.

Von den anfangs unsympathisch daherpolternden Protagonisten – dem lauten und sehr von sich eingenommenen Onno und dem Don Juan Max – sollte man sich nicht abschrecken lassen, im Verlauf der epischen Geschichte zeigen sie noch ganz andere Seiten von sich. Diese beiden Männer, die den Zweiten Weltkrieg noch als Kinder erlebten, als junge Erwachsene schnell zu akademischen Würden kommen, als Pseudorevolutionäre auf Kuba landen, einige stürmische Liebschaften und Lieben erleben und deren späteres Dasein sich um ein ganz besonderes Kind drehen wird, sind mit ihrer einzigartigen Freundschaft der Dreh- und Angelpunkt dieser Erzählung, deren Erzähler von wahrlich göttlichem Antrieb beseelt ein schier unglaubliches Garn zusammenspinnt.

Damit wären wir auch bei der Metaebene des Buchs, die man entweder als phantastisches Element lesen kann, oder eben als Reflexion eines mehr als selbstbewussten Autors über seine Rolle als Gott, der nach belieben in die Leben seiner Figuren eingreifen kann. Und dadurch blüht gerade den Frauen im Buch oft ein grausames Schicksal, was auch fast mein einziger Kritikpunkt wäre. Wobei es den Männern auch nicht viel besser ergeht.

Für mich war es vor allem interessant, die Nachkriegsgeschichte mal aus holländischer Perspektive zu lesen. Neben Tonke Dragts Der Brief für den König und Der wilde Wald ist dies, glaube ich, mein erstes Buch aus dem Niederländischen. Für manche Leserinnen kann es stellenweise schon recht anstrengend sein, da es auch ein kleines Angeberbuch ist, in dem Harry Mulisch sein breitgefächertes Wissen zu den unterschiedlichsten Themen detailliert nutzt, aber es ist auch ein unheimlich anregendes Buch, das wie eine Wundertüte daherkommt, bei der man nicht weiß, was man als Nächstes erhält. Absurd komische Episoden, wie der Besuch auf Kuba, wechseln sich mit bedrückenden Passagen, wie Max‘ Besuch in Auschwitz, ab, gefolgt von tragischen Ereignissen, dann wieder luftig leichtem Alltag bis hin zu den göttlichen Einschüben.

Die Übersetzung von Martina den Hertog-Vogt liest sich ausgezeichnet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s