Mut zur Gelassenheit – Über Verteidigungsreflexe in der Phantastikszene

Momentan reitet eine kleine Empörungswelle durch das phantastische und literarische Deutschland, deren Ursprung ein kurzer Radiobeitrag von Carsten Otte auf SWR 2 ist. Nun könnte man sagen: „Endlich ist etwas Leben in der Bude!“, und ich bin eigentlich der Meinung, dass es in der deutschen Phantastik viel zu wenig kontroverse Diskussionen gibt. Aber kaum ist mal eine interessante Diskussion angeregt, greifen direkt Verteidigungsreflexe und Lagerdenken, die eine sachliche Diskussion in erregter Hitzigkeit direkt überspringen und zu einer Folge aus Angriffen und Gegenangriffen führen, die schnell unter die Gürtellinie gehen und am Thema vorbeischießen.

Zugegeben, der Ursprungsbeitrag von Herrn Otte sabotierte von Anfang an eine sachliche Diskussion aufgrund seiner polemischen Wortwahl („nackte Hasen in Pornoposen“) und der Forderung, jugendliche Mangafans von ernsthafter Literatur auszugrenzen, und es gab durchaus sachliche und gelassene Erwiderungen wie jene von Lena Falkenhagen oder Margarete Stokowski (denen ein gewisses Lagerdenken allerdings auch nicht abging), doch insgesamt scheinen sich hier eher zwei (oder mehr) unversöhnliche Lager eingegraben zu haben, ohne jegliche Bereitschaft von ihrer Stellung abzuweichen und auf die Argumente des anderen auch nur einzugehen (hier gibt es einen guten Überblick und Kommentar von David Jung)

Ähnlich lief es kürzlich in der Diskussion über das neue (alte) Reglement bzw. den Ablauf des Deutschen Phantastik Preises ab, wo direkt auf die Organisatoren eingeschlagen wurde, oft von Leuten, die beleidigt waren, weil sie bzw. ihre Werke nicht auf der Vorschlagsliste standen, ohne sich überhaupt auf eine sachliche Diskussion einzulassen, ohne Bereitschaft, sich in die Lage der Organisatoren mit der Problematik hineinzuversetzen. Oder die Diskussion bezüglich der Nicht-Aufnahme von Self-Publishern bei PAN.

Wieso ist es nicht möglich, sich in der Sache hart anzugehen, ohne dabei persönlich zu werden und der Gegenseite unlautere Motive zu unterstellen? Wo sind die Zeiten geblieben, in denen man sich hitzige Wortgefechte über ein bestimmtes Thema lieferte, danach aber zusammen ein Bier (oder eine Cola) trinken ging. Das Problem findet sich natürlich überall im Internet und auch sonst wo in der Gesellschaft, aber ich will mich mal auf die Phantastikszene beschränken.

Die Ursachen für eine gewisse Empfindlichkeit in der Phantastik liegen einige Jahrzehnte zurück, in der gerade der Fantasy ein gewisses Schmuddelimage anhaftete (an dem gewisse Kettenhemdbikinischönheiten-Cover von Frank Frazzetta und Co. nicht ganz unschuldig waren). Als jemand, der seinen Lebensunterhalt hauptsächlich damit verdient, Science-Fiction zu übersetzen, sehe ich mich auch ganz konkret noch Vorurteilen gegenüber, keine richtige Literatur zu übersetzen. Auch bei den Profis in Verlagen ist ein gewisses Schubladendenken noch weit verbreitet, das es mir als Übersetzer schwer macht, mal was anderes als Genreliteratur und insbesondere Science-Fiction zu übersetzen.

Aber Vorurteile baut man nicht ab, indem man den anderen angreift, beleidigt und herabwürdigt, alte Klischees und Vorurteile bemüht (gegen die man sich selbst ja gerade wehrt) oder pauschalisiert, sondern indem man zeigt, dass sie unbegründet sind. Das ist natürlich leichter gesagt als getan und kann sich als frustrierende Sisyphusarbeit herausstellen, da sich viele Menschen nur ungern von ihrem festgefahrenen Weltbild abbringen lassen (um selbst mal zu pauschalisieren 😉 ). Doch der Frust lässt sich deutlich reduzieren, wenn man gelassener an die Sache herangeht.

So weit ein paar erste grobe Gedanken zu der Thematik. Ich werde versuchen, in der nächsten Zeit einen noch etwas ausführlicheren Beitrag dazu zu verfassen.

Ein Gedanke zu “Mut zur Gelassenheit – Über Verteidigungsreflexe in der Phantastikszene

  1. Danke Dir für diesen Beitrag – #mangagate – wie es von einigen genannt wurde – ist ein Peinlichkeit vor dem Herrn und zeugt mehr von Lager- und Kaderdenken, als von dem, was doch die Phantastik immer wieder für sich fordert: Dass man ihr endlich mit Toleranz und Verständnis begegnen und sie doch bitte endlich mal ernstnehmen möge.

    Was Carsten Otte geschrieben hat, ist in der Formulierung offensichtlich mehr als unglücklich, aber die gesamte andersseitige Kritik und das Einprügeln auf das tote Pferd (Anglizismus, ick hör dir trapsen) war nicht nur peinlich, sondern auch in vielerlei Hinsicht erschreckend – banalisierende Klischées, Vorwürfe, die überhaupt nichts mit dem Thema zu tun haben und bei denen man beim Deutschaufsatz „5 – setzen“ gesagt hätte, weil eben Thema verfehlt. Otte hat nämlich nirgendwo gesagt, dass Manga/ Anime keine Literatur seien, sondern er hat die Frage gestellt, ob die Cosplayer in Leipzig noch ins Konzept passen – oder nicht. Die Frage ist mehr als berechtigt; wer die Augen davor verschließt, kommt offensichtlich nicht aus seiner Halle raus.

    Du hast natürlich recht, dass man im Allgemeinen oft noch mit den Vorurteilen gegenüber der Phantastik zu kämpfen hat. Muss man aber nicht. Wenn man die weltweiten Erfolge eben der „Fantasy“ in allen Medien sieht, müssen wir uns keinen Kopf machen, ob und wie das wird – es wird. Dass hier aus persönlichen Befindlichkeiten heraus eine Welle an Hass, Verachtung und Verunglimpfung über einen Journalisten ausgegossen wird, lässt mich vielmehr daran zweifeln, dass die andere Seite noch in der Lage ist, eine sachliche Diskussion zu führen.

    Frei nach dem Cosplayer-Zitat: „Wir sind ne Army. Das sollte Dir eine Lektion sein.“

    Ja, Kritik an den Cosplayern geht halt nicht. Und die hätten – wie alle anderen Gruppierungen der weiteren Phantastik – ein wenig Selbstreflexion sicherlich nötig.

    „Veranstaltungen ohne Cosplay sind lame. Nur Veranstaltungen mit Cosplay sind gut.“ Den Satz habe ich mehr als einmal gehört; bis zu dem Zeitpunkt hatte ich noch gedacht, ‚lame‘ wäre nur ein TV-Topos, den doch niemand wirklich benutzen könne …

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