„No und ich“ von Delphine de Vigan

Mit dem Helfen ist das so eine Sache. Das findet auf die vielfältigsten Arten und aus den unterschiedlichsten Gründen statt. Und oft sind die Gründe, die dahinter stecken, gar nicht die, die man glaubt zu haben. Und häufig läuft es auch anders ab als erwartet. Dann steht man plötzlich ganz ernüchtert da, und fragt sich, ob man wirklich der andere Person helfen wollte, oder es eher für sich selbst tat? Wollte sich die andere Person helfen lassen? Konnte man ihr langfristig gesehen wirklich helfen?

Ganz ähnlich ergeht es Lou im Roman von Delphine de Vigan (Das Lächeln meiner Mutter), als sie die achtzehnjährige No am Bahnhof trifft, die auf der Straße lebt, all ihre Habseligkeiten in einem kaputten Rollkoffer aufbewahrt und starr vor Schmutz ist. Vorsichtig nimmt Lou mit der scheuen und misstrauischen No Kontakt auf, die sich letzten Endes darüber freut, dass einfach jemand mit ihr redet. Die hochbegabte Lou ist fasziniert, fragt sich, warum wir Menschen auf den Mond schicken können, aber No auf der Straße leben muss?, und möchte helfen. Und weil Lou erst Dreizehn ist, kann man ihre Naivität gut nachvollziehen, und ihre Entschlossenheit nur bewundern. Denn es gelingt ihr, No durch ihren Schutzwall hindurch zu erreichen (wenn auch nie ganz).

Das dem Helfenden auch geholfen wird ist gar nicht so überraschend, denn Geben und Nehmen sind nie Einbahnstraßen, und so gelingt es Lou durch ihre Hilfsaktion auch das durch einen Kindstot erstarrte Leben ihrer eigenen Eltern wieder mit Lebendigkeit und gelegentlicher Freude zu erfüllen.

Delphine de Vigane ist hier ein ganz wunderbarer Roman über eine Freundschaft und eine Familie gelungen, deren Schicksal sie mit viel Einfühlungsvermögen meisterhaft schildert. Als jemand, der in seinem früheren Berufsleben im Suchtbereich auch viel mit jungen Obdachlosen gearbeitet hat, bin ich beeindruckt von den Beschreibungen des Straßenlebens (»uff Platte« heißt das bei uns), die sehr authentisch wirken und keine falsche Romantik in Bezug auf junge rebellische Außreißer aufkommen lassen. Da ist die Autorin ganz schonungslos mit ihren Schilderungen der jungen Frau, die ohne Perspektive und Unterstützung völlig hilflos am System scheitert. Und sie ist auch schonungslos, was die Komplexität des Helfens angeht, indem sie zeigt, dass eine Wohnung und ein Job alleine oft nicht reichen, um einem Menschen zu helfen, der aus der Bahn geworfen wurde.

Mich hat das Buch tief berührt und bewegt, in dem wunderbar klaren und einfachen Stil der Übersetzung von Doris Heinemann.

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