„Bonjour tristesse“ von Françoise Sagan

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Um zu verstehen, warum Bonjour tristesse nicht nur ein riesen Erfolg wurde, sondern auch ein Skandalroman, muss man es im Kontext der Zeit sehen, in der es erschienen ist. 1954, die Jahre zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder beziehungsweise der Entstehung der Konsumgesellschaft. Nach den entbehrlichen Kriegsjahren dürstete es die jungen und junggebliebenen Franzosen nach Unterhaltung, am linken Seine-Ufer entstanden die Cabarets, in denen Truppen wie die Frère Jaques auftraten und das Chanson mit Künstlern wie Barbara, George Brassen, Jacques Brels oder Léo Ferré seine Blütezeit erlebte, während am rechten Ufer die Touristenläden und Restaurants brummten und die Music-Halls gefüllt wurden. Es war die Zeit der wilden und freien Jugendkultur, bevor die Yéyé-Musik kam und alles kommerzialisiert wurde. Die junge Pariser genossen das Nachtleben und das Leben allgemein. Nachts ging man aus und im Sommer fuhr man in den großen Ferien ans Meer (wobei der Winter 54 zu einem der härtesten Winter in der Geschichte von Paris gilt, in dem viele Obdachlose erfroren sind).

Doch viele Auswüchse wurden von der bürgerlichen Gesellschaft – der Bourgeoisie (vom rechten Seine-Ufer) – mit Skepsis und Verachtung betrachtet. Die jungen Leute verstießen gegen das Savoir-vivre, das gute Benehmen, lebten in ihren Augen zügellos und in Sünde. Man darf nicht vergessen, das Frankreich ein zutiefst katholisches Land ist. Da verwundert es nicht, dass der Erfolg von Bonjour tristesse, diesem lasterhaft Buch, geschrieben von „einem jungen Ding“, auch zum Skandal wurde.

Nach Jahren der Entbehrung in einem katholischen Pensionat genießt die junge Cécile, die gerade ihre Abschlussprüfung verhauen hat, das Partyleben mit ihrem 40-jährigen Vater, der ein echter Lebemann ist, und die Sommerferien mit seiner Tochter und seiner jungen Geliebten in einer Villa am Meer verbringt. Bis dann eine alte Freundin von Céciles verstorbener Mutter auftaucht, die sich langsam in das Leben der kleinen Familie einschleicht und immer mehr die Kontrolle übernimmt, was Cecile wiederum ihren Spaß nimmt. Also schmiedet sie einen Plan, der im Unheil enden wird.

1954 ist das Buch erschienen, doch sein Alter merkt man ihm nicht an. Es ist so lebendig und spritzig geschrieben, dass es mich auch mit meinen heutigen Lesegewohnheiten noch mitreißt. Als leidenschaftlicher Fan langer Sommerferien und eines lockeren, unverkrampften Lebensstils leide ich mit Cécile, die nicht nur ihr leichtes und spaßiges Leben davonschwimmen sieht, sondern auch die Liebe ihres Vaters, dessen für ihn untypisches Verhalten sie schon fast als Verrat versteht. Veränderungen machen Angst und schmerzen.

Der Übersetzung von Helga Treichl merkt man ihr Alter durchaus an, was Wortwahl und einige Begriffe und Satzkonstrukte angeht, doch das finde ich gut. Ich will nicht alles in einer modernen Einheitssprache neu übersetzt lesen.

Dazu empfehle ich noch Sagan, Paris 54 von Anne Berest.

Ein Gedanke zu “„Bonjour tristesse“ von Françoise Sagan

  1. Das habe ich auch schon lange auf meiner Liste. Deine Besprechung macht wirklich Lust auf das Buch.

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