Lesesplitter und Stand der Dinge Februar 2017

Eigentlich wollte ich nur ein paar Bücher lesen, doch dann geschah etwas Unglaubliches:

1. Bruce Springsteen – Born to Run
2. Antoine Laurain – Liebe mit zwei Unbekannten
3. Anne Berrest – Emelienne oder die Suche nach der perfekten Frau
4. Didier Erebon – Rückkehr nach Reims
5. Oliver Plaschka – Marco Polo: Bis ans Ende der Welt
6. Ben Aaranovitch – Der böse Ort
7. Nathan Hill – Geister

Ich habe noch mehr Bücher gelesen. 😉

Sieben Bücher, drei davon mit jeweils über 800 Seiten. Mein bester Lesemonat seit langem, wobei ich Born to Run zu 90% noch im Dezember gelesen habe. Trotzdem macht sich doch deutlich bemerkbar, dass ich momentan mehr Zeit habe. Im zweiten Halbjahr 2016 steckte ich mit beiden Ohren tief in zwei Übersetzungsprojekten (eines mit 800 Normseiten), so dass mir nicht so viel Zeit zum Lesen blieb. Nach Abgabe von Die Neunte Stadt hatte ich eigentlich vier Wochen Weihnachtsurlaub geplant, doch dann kam am 23.12 noch eine Druckfahne zur Korrektur rein, die mich bis in den Januar beschäftigt hat, gefolgt vom Lektorat der großen Übersetzung und einigen anderen Kleinigkeiten. Die vier Wochen Urlaub am Stück haben also nicht so ganz funktioniert (aber immerhin ein wenig; 2016 hatte ich gar keinen Urlaub). Und wirklich Urlaub war es auch nicht, da ich die Zeit genutzt habe, an einem eigenen Projekt weiterzuschreiben.

An eigenen Texten zu schreiben (zumindest was diesen Roman angeht) funktioniert für mich nicht so, wie zu übersetzen. Da kann ich mich nicht vor den Schreibtisch hocken und sechs bis acht Stunden (mit kleinen Pausen natürlich) am Stück loslegen (bzw. erst wenn es an die Ausarbeitung der Ideen und Szenen geht). Die guten Ideen kommen nicht per Knopfdruck, sondern vor allem, wenn ich mich mit etwas anderem beschäftige. Und die größte Inspiration liefern mir (neben Filmen und Dokumentationen) eben Bücher. Es kann passieren, dass ich mir es gerade erste mit einem Buch gemütlich gemacht habe, und mir nach drei Seiten ein toller Einfall kommt, der mir dann drei gute Seiten oder so verschafft. Für solche Inspiration braucht man aber auch die richtigen Bücher, und da war der Januar ein guter Monat.

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Die Titel 1 bis 4 in der Liste oben habe ich ja schon hier, hier und hier besprochen. Zu Oliver Plaschkas Marco Polo will ich noch eine ausführliche Rezension schreiben, aber bisher ist mir nichts Vernünftiges eingefallen. Es handelt sich um einen ausgezeichneten historischen Abenteuerroman über einen der größten Abenteuerer der Geschichte, der trotz seiner 800 Seiten durch seine clevere Erzählstruktur mit der Geschichte in der Geschichte und einem unverlässlichen? Erzähler, sowie dem Spiel mit Wahrheit und Identität, eine Dynamik besitzt, die dafür sorgt, dass es in dem stilistischklaren und eleganten Roman an keiner Stelle Längen gibt. Absolute Empfehlung für geistige Weltenbummler!

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Der böse Ort von Ben Aaranovitch ist der vierte Teil in der Serie um den magisch begabten Police Constable Peter Grant, der sich in dieser Episode mit den Folgen zauberhafter Architektur und dem großen bösen Widersacher auseinandersetzen muss, wobei die Geschichte in diesen Büchern eher nebensächlich ist, da der große Reiz vor allem in dem freundschaftlichen Geplänkel zwischen PC Grant und seinen KollegInnen liegt, sowie dem scharfsinnigen und humorvollen Blick des Autors auf das moderne London.

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Geister von Nathan Hill ist ein komplexes Familiendrama und Psychogramm, das geschickt die 68er-Proteste in Chicago mit der Gegenwart von 2011 und den Occupyprotesten verbindet. Stilistisch teilweise recht experimentell, mit sehr, sehr viel Liebe zum Detail und zahlreichen hervorragend herausgearbeiteten Figuren. Toll geschrieben, aber teilweise etwas zu altbacken („Burschenschaftler“ für „sorority members“, „das UCLA“) und holprig übersetzt und lektoriert (ich vermute mal, dass es am Zeitdruck lag, damit habe ich auch so meine Erfahrungen). An drei Stellen heißt es, „sie zogen Fahnen Schwinglend durch die Straßen“. Da der Name Schwingle im Buch auftaucht, vermute ich hier mal ein Malheur mit der Ersetzen-Funktion. 🙂 Trotzdem ein ganz großer Roman über Einwanderung, Familie, Protestbewegungen, das College und die perverse Logik der Medien.

Wie man sieht lese ich momentan sehr wenig auf Englisch, und ich versuche auch, vor allem sprachlich und stilistisch gut geschriebene und übersetzte Werke zu lesen, da ich hoffe, dass sich diese positiv auf meinen eigenen Stil auswirken wird, bzw. mir sprachliche Inspiration verleiht. Liest man zu viel auf Englisch, könnte man sich (gerade beim Übersetzen) unbewusst englische Satzstrukturen angewöhnen bzw. sich nicht ausreichend von ihr lösen.

Meine aktuelle Lektüre ist aber trotzdem auf Englisch, weil ich da auch nicht aus der Übung kommen möchte, und mich das von Stephen King jüngst auf Twitter empfohlene Darktown von Thomas Mullen auf den ersten Blick fasziniert hat. In dem historischen Krimi geht es um eine der ersten schwarzen Polizeieinheiten in den USA, die 1948 in Atlanta Georgia mit acht Officers/Wachtmeistern gegründet wurde. Die durften allerdings nur zu Fuß im Schwarzenviertel der Stadt patrouillieren (immerhin mit Schusswaffen) und bei Vorfällen mit Weißen mussten sie weiße Kollegen hinzuziehen. Die ersten 13% haben ich gestern Abend begeistert verschlungen.

Daneben lese ich noch meinen ersten Manga von Jiro Taniguchi.

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In der zweiten Jahreshälfte 2016 habe ich versucht, verstärkt Bücher von Frauen zu lesen, was auch halbwegs gut funktioniert hat, aber auf meiner aktuellen Leseliste dominieren wieder eindeutig die Männer. Was vor vermutlich daran liegt, dass ich meine Lektüre hauptsächlich themenorientiert aussuche, und irgendwie sind es meist Bücher von Männern, die mich ansprechen. Den Aaranovitch und den Hill habe ich gelesen, weil ich zum ersten Mal seit Monaten wieder unsere Gemeindebücherei besucht habe, und das die einzigen beiden Bücher waren, die mich interessiert haben. Trotzdem stehen auch einige Frauen auf meiner Leseliste. Vor allem von Delphine de Vigan will ich demnächst noch mehr lesen.

Ausblick:

Nachdem ich 2016 gar keinen Urlaub gemacht habe, hatte ich für 2017 eigentlich eine dreiwöchige Reise in die USA im September geplant (unter der Prämisse, dass ihr wisst schon wer nicht Präsident wird), aber aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen ist mir das zu riskant. Momentan lässt sich nicht kalkulieren, ob ich dann überhaupt ins Land kommen würde (oder wieder raus), oder ob es sich bis September zu einer Autokratie/Diktatur entwickelt (momentan halte ich alles für möglich). Außerdem hoffe ich, dass viele Menschen aus Protest ihre Reise in die USA absagen (wie z. B. die Autoren Matt Haig und Kai Meyer), und sich dies empfindlich auf den Tourismus auswirken wird (was zu noch mehr innerpolitischem Druck führen könnte) – viel mehr kann unsereiner hier in Europa ja nicht tun, was Amerika angeht.

Stattdessen möchte ich im Mai eine Woche nach Paris reisen, da ich gerade einen Französischkurs an der Volkshochschule mache und es zu meinem Schreibprojekt passt. Eventuell werde ich mir dann im September noch mehr von diesem schönen Land ansehen (vorausgesetzt, dass Le Pen nicht die Präsidentschaftswahl gewinnt, was aktuell leider gar nicht so unrealistisch ist, da die Konservativen ja anscheinend nicht in der Lage sind, ihre Amtsprivilegien nicht für ihren eigenen Vorteil zu missbrauchen, und die Sozialisten nach der Nullnummer lieber auf einen unrealistischen Träumer setzen, der für die politische Mitte zu radikal ist).

Was Übersetzungen angeht, kann ich für 2017 noch nichts ankündigen (ich habe also noch Kapazitäten frei 😉 ), außer dass im April die von mir übersetzen Bücher The Ark und Die Neunte Stadt erscheinen werden. Ganz untätig bin ich aber nicht, nächste Woche geht es für ein paar Tage nach Berlin, wo ich in eine kleine geekige Nebentätigkeit eingearbeitet werde.

Ansonsten werde ich diesen Blog eventuell ein wenig vernachlässigen, um mich mehr auf mein Schreibprojekt zu konzentrieren.

P.S. Ach ja, kennt jemand ein gutes Buch über die Geschichte von Paris. So in der Art wie Peter Akroyds London – Die Biographie? Oder generell gute Sachbücher über Paris (Geschichte, Kultur usw.)? Über Empfehlungen wäre ich sehr dankbar (am besten auf Deutsch oder Englisch, mein Französisch ist dafür noch lange nicht gut genug).

Und zum allgemeinen Stand der Dinge und zur Aufheiterung überlass ich jetzt das Wort Kate Tempest:

8 Gedanken zu “Lesesplitter und Stand der Dinge Februar 2017

  1. Den Plaschka will ich auch noch lesen.
    Mein Lieblingsbuch über Paris ist leider kein ganz so perfekter Reiseführer für das 21. Jahrhundert (Hugos Glöckner von Notre Dame).
    Auf jeden Fall ist die alte Dame eine wunderbare Stadt.

  2. Hm, der Marco Polo tät mich auch reizen, glaub ich …

    Was ist denn das für ein „eigenes Projekt“, an dem du schreibst – verrätst du etwas darüber?

  3. Zwei Aspekte finde ich total interessant. Zum einen würde ich mir als Lektorin viel mehr Übersetzer wünschen, die selbst Übersetzungen lesen, weil es nämlich stimmt: Die Gewöhnung an die Strukturen(!) der Ausgangssprache sind ein Riesenproblem, das ich übrigens inzwischen auch bei vielen deutschen Autoren beobachte, die ganz zeitgeistig zB alle Serien im Original gucken. Ich verstehe natürlich, warum man das tut. Und dann schreiben beide, Übersetzer wie Autoren, irgendwann gern mal Sätze hin wie: „Das ist, wer wir sind.“ Oder: „Ich bin für Dich hergekommen.“
    Ich selbst schaue mir Serien aus genau diesem Grund übrigens immer synchronisiert an. Ja, die sind manchmal nicht besonders gut. Ja, auch da folgt die Struktur oft der Originalsprache, der Lippenbewegungen wegen. Aber erstens sind die Synchros tatsächlich oft besser als ihr Ruf. Zweitens sind mir Serien, was Feinheiten diese Art angeht, echt schnurz. Keine Serie, kein Film kann mir so wichtig – und auch nicht so lieb – sein wie mein Beruf. Und wenn ich bei so vielen beobachte, dass es ihre Sprache verändert, wie kann ich voller Hochmut annehmen, dass es mir nicht genauso erginge? Und ich finde es eben auch gut, Übersetzungen zu lesen. Natürlich möglichst gute, soweit man das im Vorfeld ermitteln kann. Und auch ältere. In möglichst vielen verschiedenen Genres.

    Der zweite Aspekt betrifft die Reise in die USA. Wir wollten im letzten Herbst hin, und das ging dann leider aus mehreren Gründen nicht. Wir haben die Reise um ein Jahr verschoben, und tatsächlich bin ich noch gar nicht auf die Idee gekommen, das nun jetzt und hier anders zu sehen. Im Gegenteil: Ich bin ziemlich gespannt, wie ich das dann alles erleben werde. Vermutlich muss ich mich auf heftige Kontrollen gefasst machen: Meine drei Namen, also zwei Vor- und ein Nachname, stammen aus drei verschiedenen Sprachen, ich sehe nicht biodeutsch aus und bin es ja auch nicht. Aber so lieb es mir gewesen wäre, der Trip hätte letztes Jahr geklappt: Dieses aktuelle Amerika wird mir vermutlich ganz neu erscheinen, und darauf bin ich tatsächlich gespannt, obwohl es mich natürlich gruselt.

    • Ich finde es total schade, wenn mir Übersetzer erzählen, dass sie selbst keine Übersetzungen lesen. Da frage ich mich immer, ob sie ihren eigenen Beruf nicht sehr schätzen?

      Was Serien und Filme angeht, muss ich gestehen, dass ich sie mir auch nach Möglichkeit immer im Original ansehe. Ich kann mich einfach nicht mehr daran gewöhnen, die Schauspieler mit anderen Stimmen als den eigenen zu hören. Zum anderen liebe ich auch andere Sprachen und höre gerade solche gerne, die in Betonung, Satzrhythmus usw. so ganz anders sind (Japanisch z. B.), die dann mit Untertitel. Einen Film von Ghibli muss ich im Original sehen, sonst geht für mich ein Stück Atmosphäre verloren.

      Die USA-Reise habe ich auch nicht komplett gestrichen. Aber ich warte lieber erst mal ab, wie sich die Dinge entwickeln. Ich würde ja auch nach China, den Iran oder in andere autoritäre Länder reisen, wo es auch ganz viele tolle und interessante Menschen gibt. Ein weiterer Grund für die Verschiebung ist auch, dass ich (anders als im letzten Jahr) bisher noch nicht weiß, wie es dieses Jahr bei mir auftragsmäßig aussehen wird. Da muss ich erst mal abwarten, wie es sich entwickelt.

    • Thema Zielsprache/Muttersprache:

      … und vor allem auch: deutsche Originale lesen! Muss ja nix Dickes, Langweiliges sein – ein Band mit den jeweiligen Meistererzählungen reicht. Einfach, um zu sehen, wie die deutsche Sprache funkeln kann. (Dafür liebe ich zum Beispiel den fast vergessenen Robert Neumann.)

      Ich bin übrigens auch so ein Synchronisationen-Gucker.

  4. Oh, natürlich auch deutsche Autoren. Da empfehle ich Ferdinand von Schirach, die ersten beiden Kurzgeschichtenbände, jedenfalls wenn es um elegante und dennoch auffallend einfache Knappheit geht.

    Zu den Synchros: Mir sind die Feinheiten der Atmosphäre egal. Mir fehlt da nichts, einfach, weil es eh „nur“ Filme/Serien sind. Alles nett, alles nicht so unglaublich wichtig. Verglichen mit Musik und Literatur hängen diese Medien bei mir einfach auf ziemlich abgeschlagenen Plätzen rum. Natürlich mag ich manche Sachen sehr(!), aber das ist nicht der Punkt.

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