„Meine geniale Freundin“ von Ellena Ferrante

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Das Hypebuch der Saison. Ist mir aber egal, wenn mich ein Buch interessiert lese ich es, und wenn es mir gefällt, dann empfehle ich es weiter, Hype hin oder her. Wenn mich ein Buch jenseits des Hypes anspricht, dann hat das vor allem inhaltliche Gründe. Ich liebe Coming-of-Age-Geschichten, die man in der deutschen Literaturkritik als Entwicklungsroman bezeichnet, und in den Folgebänden geht es sich auch über das Coming of Age hinaus, aber meine geniale Freundin erzählt seine Geschichte vor allem durch Kinderaugen.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, weiß, dass ich mal in Brasilien ein Fotoprojekt mit Jugendlichen in einer Favela durchgeführt habe. Wir haben damals Einwegkameras an Jugendliche verteilt, weil ich überzeugt war, dass wir aus deren Perspektive den ehrlichsten und authentischsten Blick auf das Leben in der Favela bekommen würden, denn durch die Augen von Kindern schimmert eine Wahrhaftigkeit, die wir Erwachsene im Laufe der Jahre verloren haben. In meiner Diplomarbeit habe ich diese These bestätigt.

Durch diese Kinderaugen erleben wir also nicht nur Abenteuer, Streiche, Spiele und Zankereien auf dem Schulhof, sondern auch einen Einblick in das Leben der Gemeinschaft, wie er intimer nicht sein könnte. Es gibt eine Simpsons-Folge, in der die Kinder von Springfield den Aufstand gegen zu strenge Regeln proben, indem sie über einen Piratensender intime und peinliche Details aus dem Leben ihrer Eltern verraten. »Wir kennen all eure Geheimnisse«.

Es sind die Kinder, die man nicht beachtet, die ungestört an der Wand zum Elternbett lauschen können, die von ihren Freunden viel erzählt bekommen. Und so bietet die Perspektive der Protagonistin Elena einen Blick auf das Zusammenleben in dem kleinen Stadtteil Neapels, den ein Erwachsener nicht liefern könnte. Die Kinder erfahren so vieles Geheimnisse, und darunter auch schreckliche, die sie fürs Leben zeichnen.

Die Kindheit sollte ein Ort der Geborgenheit sein, die uns vor den Grausamkeiten der Welt schützt, doch Elena wächst an einem Ort der Gewalt aus, wo sich die Kinder mit Steinen bewerfen, wo die Freundin von ihrem Vater aus dem Fenster geschmissen, die Mutter verprügelt wird. Wo sich zwei eifersüchtige Rivalinnen im Streit um einen Mann bis aufs Blut bekriegen. Wo das Messer schnell gezückt und der Abzug schnell gedrückt ist.

Insgesamt werden vier Teile erscheinen, alle drei Fortsetzungen sind für 2017 angekündigt. Dieser Band dreht sich vor allem um die Jugendzeit von Elena und ihrer Freundin. Wie die beiden zusammen aufwachsen, sich ihre Wege aber teilweise wieder trennen, weil nicht alle Eltern es gerne sehen, wenn ihre Kinder eine höhere Schulbildung erlangen, als sie selbst.

Sprachlich ist das Ganze in der Übersetzung von Karin Krieger recht nüchtern und pragmatisch geschrieben, ohne große Poesie, sich dabei aber auf die Figuren und ihre Geschichte konzentrierend, ohne viele Spielereien.

Es geht vor allem um die Freundschaft zwischen Elena und Lila, die nicht immer harmonisch abläuft und von Neid geprägt ist. Wie unter den Erwachsenen ist auch das Sozialleben unter den Kindern und Jugendlichen ein Hauen und Stechen. Und genau diese ambivalenten Schilderungen der Jugendfreundschaft ist die große Stärke des Romans, die bar jeder Sozialromantik keinen idealisierten, sondern vermutlich einen sehr realistischen Blick auf die Kindheit zurück wirft.

An der Stelle muss ich die Besprechung jetzt mal ganz untypisch unwirsch abbrechen, da meine Lektüre inzwischen einige Wochen zurückliegt, ich aber nicht zum Weiterschreiben gekommen bin, weil ich selbst gerade eine 700-Seiten-Übersetzung in recht sportlicher Zeit stemme. Um das Buch jetzt noch angemessen vertieft zu besprechen, habe ich inzwischen zu viel Distanz zum Buch bekommen, die Namen müsste ich schon nachschlagen. Und zu diesem Buch gibt es sicher genügend ausführliche Rezensionen, die man leicht googeln kann.

Meine geniale Freundin ist kein Buch, das mich begeistert und mitgerissen hat, das ich aber trotzdem gerne gelesen habe, vor allem wegen der plastischen Schilderungen der Kindheit im Neapel der 50er Jahre, der präzisen Beschreibungen des Stadtteilkosmoses und einer Generation, in der nicht alle Eltern möchten, dass ihre Kinder es einmal besser haben sollen als sie selbst.

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