Ein paar spontane Gedanken zur Wahl

Überrascht bin ich nicht, schockiert aber trotzdem. Wer jetzt glaubt, dass es vielleicht doch nicht so schlimm werden wird, weil der Präsident ja weniger Macht besitzt, als allgemein angenommen wird – Obama hat ja auch vieles nicht durchsetzen können -, der sollte sich vor Augen halten, dass die Republikaner zum ersten Mal seit 1929 (glaube ich) in allen Häusern (Kongress, Senat und dem Weißen Haus) die Mehrheit haben (damals folgte die Große Depression). Während Obama konsequent von den republikanischen Mehrheiten blockiert worden ist, gibt es jetzt niemanden, der Trump blockieren kann. Und anders als Obama wird Trump sicher nicht darauf aus sein, den Konsens zu suchen, um die Nation nicht weiter zu spalten.

Ist aber auch kein Grund in Panik auszubrechen, ich vermute, dass Trump nicht ganz so dumm ist, wie er sich im Wahlkampf gegeben hat, und vieles vor allem sagte, um gewählt zu werden, weil er gemerkt, hat, dass ihm das ganze gehässige Gequatsche Stimmen einbringt. Andererseits ist er aber auch ein frauenfeindlicher, rassistischer, extrem narzisstischer und charakterloser Mensch ohne jegliche Moral. Man sollte durchaus damit rechnen, dass jetzt alles möglich ist. Für die Minderheiten in den USA brechen jedenfalls harte Zeiten an. Ich habe immer davon geträumt, mal in den USA zu wohnen, bin jetzt aber doch froh, dass ich diesen Traum noch nicht in die Tat umgesetzt hat. Die nächsten vier Jahre werden auf jeden Fall interessant und nervenaufreibend werden. Man sollte sich schon mit kleinen Lichtblicken zufriedengeben. Insofern werde ich schon froh sein, wenn Trump nicht den Dritten Weltkrieg vom Zaun bricht.

Die ganze Zeit hieß es, dass Clinton sich keinen besseren Gegner hätte wünschen können, damit sie ins Weiße Haus einziehen kann, dabei war es genau umgekehrt. Sie und die demokratische Partei hätten wissen müssen, dass sie nicht mehr die starke Kandidatin von vor 2008 ist, die nur knapp gegen Obama bei den Vorwahlen verloren hat. Der Hass auf Washington, die Politik und das Establishment ist in großen Teilen der USA so groß, dass die Menschen blind gegenüber jeglichen Fakten und jegliche Vernunft sind, und lieber dem populistischen Plärrer folgen, von dem sie sich lieber anlügen lassen. Vermutlich wäre Bernie Sanders die bessere Wahl für die Demokraten (und für die USA) gewesen.

Auch die Medien und die Satire haben ihren Teil zu Trumps Sieg beigetragen. Die Medien, indem sie ihm von Anfang an eine Plattform geboten haben, die größer war, als die für alle anderen möglichen Kandidaten (und indem sie alle möglichen Kleinigkeiten bezüglich Clinton enorm aufgeblasen haben). Die Satire, indem sie Trump von Anfang an als Witzfigur abgestempelt hat, die man nicht ernst nehmen kann, was meiner Meinung nach, die Fronten noch verhärtet hat, denn als Witzfigur konnte er sich ja sowieso alles erlauben. Das Hauptproblem ist nicht, dass er Ziel von Satire wurde, sondern, mit welcher Vehemenz und Verachtung es geschah, nicht der Verachtung ihm gegenüber, sondern der gegenüber seinen potentiellen Wählern.

Ich schätze, der Wahlsieg wird den populistischen Bewegungen in Europa weiteren Auftrieb geben. Dabei denke ich vor allem an die anstehenden Wahlen in Frankreich und Marine Le Pen. Bleibt zu hoffen, dass Präsident Donald Trump nicht irgendwann dem Bundeskanzler Bernd Höcke zu seiner Wahl gratulieren wird. Claus Strunz sagte im Sat1 Morgenmagazin, unsere Politiker sollten sich jetzt drauf besinnen, ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen: »Das Leben der Menschen besser zu machen, und nicht nur ihr eigenes«, damit Populisten wie Trump kein weiterer Nährboden gegeben wird. Erst mal wird es schlimmer werden, ob es danach aber wieder besser wird, steht wohl in den Sternen.

Nach dem anfänglichen Schock ob der Wahl Trumps sollte man nicht den Kopf hängen lassen, sondern weiter erhobenen Hauptes gegen Intoleranz, Hass, Rassismus, Diskriminierung und für die Demokratie kämpfen. Jeder mit seinen Mitteln.

8 Gedanken zu “Ein paar spontane Gedanken zur Wahl

  1. Mir aus der Seele gesprochen! Und ich kann nur hoffen, dass wir nicht eines Tages beten müssen, alles werde gut …

  2. Ich gratuliere zu deiner Blitzanalyse, und stimme dir größtenteils (s. P.S.) zu! Nicht gratulieren tu ich Leuten wie uns, die im Grunde die USA positiv sahen, entweder vor 9/11, oder auch noch danach; die ein wenig Hoffnung fassten, dass Obama der (leider öfter etwas holprige) Schritt wäre zu einer gemäßigteren, weltoffenerern Supermacht…

    Heute morgen um 8h32 konnte ich’s jedenfalls kaum fassen.

    Das mit dem „dass Clinton sich keinen besseren Gegner hätte wünschen können“ hätte genau von mir kommen können. Hab ich sogar ein paar Mal so von mir gegeben vor Wochen/Monaten. Trump fand ich so unwählbar, dass ich dachte, dass nur „über“ ihn die etwas uncharismatische Mrs. Clinton eine Chance hätte (die ich ihr schon immer gegönnt habe). Aber wir haben wohl alle unterschätzt, was es bedeutet wenn ein Land regelmäßig eine so niedrige Wahlbeteiligung hatte, und dann jemand schafft, den bisher schweigenden Teil maßgeblich zu animieren…

    Ob ich für die Demokratie „kämpfe“ sei mal dahin gestellt. Ein Problem ist doch die allgemeine Behäbigkeit fast aller Menschen, die ich kenne. Uns geht es sehr gut im Vergleich zu großen restlichen Teilen der Welt, und wir bewegen uns kaum – in der Hoffnung, dass es so bleibt. Früher hatte ich mal viel mehr Einsatz gezeigt (aber auch für ein spezifischeres Thema – Asylsuchende in Kiel). Heute geb ich errötend zu, dass ich wohl eher irgendwohin Ruhigeres/Menschlicheres auswandern würde. Auch schon dann, wenn Seehofer dran käme als Merkel-Nachfolger…

    P.S.: Bernie Sanders wäre im negativen Sinne ein 2. Obama-„Messias“ gewesen, finde ich – viele Versprechungen, überschwängliche Wahlkampf-Worte („Revolution“) und danach im Regierungsalltag totale Blockierung. Clinton war im Politikalltag eine große Vermittlerin, das sagen ihr praktisch alle SenatskollegInnen nach. Vorbei! — Deinen Schluss mit dem großen Aufhetzen durch die Satire kann ich aus dem was ich so las/sah nicht nachvollziehen. Wann haben SatirikerInnen die potenziellen Trumpwählerschaft en masse angegriffen? Ich sah v.a. (verdiente) Anmache ggü. dem alten, dicken „orangeneck“ Mann mit dem sehr losen Mundwerk.

    • Was die Satire in den US-Medien angeht, die qualitativ schon teilweise sehr hochwertig war (siehe John Oliver oder Bill Maher), meine ich vor alle, dass sie eigentlich schon zum Standard in der Berichterstattung über Trump geworden ist (das Wort »aufhetzen« würde ich allerdings nicht benutzen). Der wurde (zumindest nach meinem Empfinden, von den eher links orientierten Medien (und auch vielen anderen) schon prinzipiell nur noch durch die Satirebrille betrachtet, ohne darauf einzugehen, was ihn für so viele Wähler attraktiv macht. Satire ist wichtig und muss sein, vor allem gegen autoritär veranlagte Politiker, aber sie darf nicht zur Basiswahrnehmung werden. Siehe auch die überwiegend sarkastischen Reaktionen auf Trumps Wahl in deutschsprachigen sozialen Netzwerken (auch wenn ich vermute, dass viele ihren Fassungslosigkeit nur noch mit Galgenhumor ausdrücken können). Trump darf die nächsten vier Jahre nicht hauptsächlich mit den Mitteln der Satire bekämpft werden. Es muss genau analysiert werden, wie es dazu kommen konnte, und dann müssen adäquate Gegenmaßnahmen ergriffen werden, um eine weitere Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Satire wird meiner Meinung nach, wenn sie zu vehement vorgetragen wird, ab diesem Punkt nur noch weiter zur Spaltung beitragen.

      • Wobei ich auch etwas ratlos bin, wie man eine Wählerschaft erreichen soll, die sich wissentlich gerne belügen lässt, die Fakten strikt ignoriert und mit vernünftige Argumentationen nicht zu erreichen ist.

      • Hillarys Wunschgegner wäre, glaube ich, Ted Cruz gewesen, wenn ihn die republikanischen Parteibonzen gegen den Willen ihrer Basis (und des enthemmten Mobs) als Kandidaten durchgedrückt hätte.

      • Sorry, aber da sind wir, nur was die Satire betrifft, nicht einer Meinung. Grundsätzlich darf Satire alles, da es sich um Kunst handelt. Die Frage ist, was dann die Medien damit machen, wie oft sie das bringen, ob sie gegen argumentieren…

        Letztendlich wählst du als Konsument auch aus was deine Sinne so als Input bekommen. Eine Sache, die gerade das Following bei Twitter verstärkt. Twitter ist immer auch ein wenig ein Spiegel meiner Sicht der Welt.

        Ich habe jedenfalls die letzten Monate v.a. US-Medien gelesen zum Wahlkampf, von konservativeren Quellen wie TIME bis zu stärker links-tendierenden wie die Washington Post. Danach kamen die deutschen Zeitungen und manchmal auch TAGESSCHAU.de. Und dann Twitter, und Youtube (Letzteres öfter wg. US-Show-Hosts wie Colbert und Noah). — Fazit: Die Berichterstattung war im G&G bemüht, faktisch zu bleiben, und vor den Folgen der Trumpschen Trübung von so gut wie allem zu warnen. Das Problem ist: Vorhersagen sind nun mal keine Fakten, wie immer groß das Big Data dahinter sein mag (ich denke da an Fivethirtyeight.com). Und viele US-Wähler haben wohl so gut wie all diese Infoquellen ignoriert.

      • Satire darf alles. Sogar kritisiert werden.

  3. Tja, da ist sie, die schöne neue Welt, in der ein zukünftiger US-Präsident Wahlkampfhilfe aus Russland erhält und der iranische Revolutionsführer sich für einen antimuslimischen Hetzer begeistert, weil der erklärt hat, er fände es gut, wenn mehr Staaten Nuklearwaffen hätten.

    Was auch noch sein Headdesk-Effekt ist, der zu Trumps Sieg beigetragen hat (neben den Medien, die ihn zur Witzfigur gemacht haben, und der Demokratischen Partei, die in ihm vielleicht den leicht zu besiegenden Gegner sah): die sogenannte Testosteronlinke, die Hillary hasst, weil sie über Sanders’ Nichtnominierung nicht hinwegkommt, oder weil Hillary in ihren Augen nicht genug auf den Putz haut, zu uneindeutig ist, zu sehr Establishment oder was weiß ich.

    Ich hätte Sanders auch für den besseren Kandidaten gehalten. Ich kann es auch verstehen, wenn man sich entscheidet, grundsätzlich nicht zu wählen, oder die Stimme bei der linken Kleinpartei of choice abgibt. Für total behämmert halte ich allerdings die womöglich gar nicht so unbedeutende Gruppe der männlichen, weißen, jungen, akademisch gebildeten, sich als irgendwie links verstehenden Personen, die nicht zur Wahl gegangen sind oder sogar für Trump gestimmt haben, weil sie meinen, es sei ein ›Augenöffner‹, wenn mit Trump jetzt erst mal alles richtig scheiße würde.

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