„Irrlichtfeuer“ von Julia Lange

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Vor einigen Monaten hab ich hier im Blog die Frage gestellt, wo die Frauen in den phantastischen Verlagsvorschauen für den Herbst seien, und bin dann etwas genauer auf die Programme der einzelnen Verlage eingegangen, mit der Ankündigung, mich intensiver mit den phantastischen Autorinnen zu beschäftigen und bis Ende des Jahres nur noch Bücher von Frauen hier zu besprechen. Jetzt sind die ersten Neuerscheinungen aus den Programmen da, allerdings hat sich seit den ersten Beiträgen zu dem Thema mein Interessengebiet mehr auf zeitgenössische französische Autorinnen verlagert.

Und da ich jemand bin, der nur das liest, worauf er gerade Lust hat, und nicht, was er vor einigen Monaten mal geplant hat, und da mich auch niemand für meine Beiträge hier bezahlt, widme ich mich momentan nicht ganz so intensiv der aktuellen Phantastik von Frauen, wie versprochen.

Doch so ganz möchte ich das Thema nicht ruhen lassen, denn da erscheinen ja aktuell einige spannende Bücher. Demnächst werde ich z. B. das wunderbare Buch Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers besprechen. Doch den Anfang macht das Fantasydebüt der jungen deutschen Autorin Julia Lange, das im neuen Programm von Knaur Fantasy erschienen ist:

Als hätten sich Jules Verne, die Gebrüder Grimm und Hayao Miyazaki in einem gemeinsamen Traum gefunden.

Schreibt Christoph Marzi in seinem Blurb auf der Rückseite des Buches. Und mit Miyazaki liegt er gar nicht so falsch, zumindest was das Setting angeht. Eine europäische Großstadt, die an das Wien oder das Prag des 19. Jahrhunderts erinnert, mit gepflasterten Straßen und engen Gassen, Brücken aus Stein und Schornsteine von Fabriken, die in irrlichterndem Blau leuchten, während in den Schatten ein Hauch von Magie vorbeihuscht. Eine junge Frau, die vom Fliegen träumt, und entgegen aller Widrigkeit ernsthaft daran arbeitet, ihren Traum zu verwirklichen. Dazu ein junger Mann, der durch einen Unfall zum Irrlichtkind wurde und nun im Militär dient, das von der schnöseligen Obrigkeit für deren egoistischen Zwecke missbraucht wird. Und natürlich die Straßenbanden, um den Grafen, der wie Don Corleone durch den Stadtteil Rothentor flaniert, jeden grüßt, jeden kennt, und die Stadt von unten regiert, wenn ihm nicht gerade sein rebellischer Sohn Kummer bereitet oder die verletzte Hüfte zwickt.

Städtefantasy ist ja durchaus ein eigenes Genre (als Urban Fantasy würde ich eher Geschichten zählen, die in moderneren Metropolen spielen), das sich besonders gerne im viktorianischen London ansiedelt. Bei Viktoria Schlederers Des Teufels Maskerade (übrigens auch mit Blurb von Christoph Marzi hinten drauf) war es das Wien der KuK-Zeit. Irrlichtfeuer spielt im fiktiven Stadtstaat Ijsstedt, der mich sowohl von den Namen als auch der Architektur an Prag erinnert.

Es herrscht Monarchie, die Adligen und Wohlhabenden lassen es sich in ihren schmucken von Irrlichtfeuer beheizten und beleuchteten Häusern gut gehen und frönen dem gesellschaftlichen Leben auf prachtvollen Bällen, während die einfachen Bürger in den gemeingefährlichen Irrlichtfabriken ausgebeutet werden. Nachdem es zu einer Katastrophe in einer der Fabriken kommt, bei der viele Menschen sterben, bahnt sich ein Volksaufstand an. Und wie der Zorn des Volkes es so will, richtet sich die Wut zunächst auf eine andere benachteiligte Minderheit: die Irrlichtkinder, die als Soldaten die Regierung beschützen, ansonsten aber in einem goldenen Käfig gehalten werden.

Dabei verfolgen wir die Geschehnisse abwechselnd aus den Perspektiven der oben angedeuteten Figuren wie Alba, dem Grafen, dem Irrlichtkind Kas oder der trauernden und zornigen Meret. Die großen Stärken des Romans sind die dichte Atmosphäre, die starken Figuren, das interessante Magiekonzept und der angenehm unaufgeregte Handlungsverlauf ohne große Effekthascherei.

Es gibt durchaus ein paar kleine Kritikpunkte, die aber größtenteils in die Kategorie Geschmackssache fallen. So sind mir die Szenen teilweise zu detailliert beschrieben. Mir ist klar, dass das vor allem Atmosphäre und Stimmung erzeugen und den Leser in eine lebendige Geschichte mit plastischen Schauplätzen ziehen soll (was auch gelingt), doch stellenweise geht es schon so ins Detail, dass dadurch der Lesefluss beeinträchtigt wird. Auch mit den Wiederholungen einiger Gegebenheiten übertreibt es die Autorin ein wenig, z. B. wenn es um die Hüftprobleme von Karel (dem Grafen) geht. Klar, muss das thematisiert werden, weil es um die schwindende Stärke des Bandenanführers vor seinen »Mittbewerbern« geht, die er versucht zu überspielen, aber es muss auch nicht jedes Mal so zelebriert werden.

Ansonsten gehört es aber zu den Stärken des Romans, dass es »HeldInnen« mit körperlichen Schwächen gibt, die insgesamt eine große Rolle in diesem Roman spielen und die bei Alba schon extrem einschneidend sind, und ihren Hauptantrieb für ihr Handeln, den Traum, fliegen zu können, darstellen.

Was mir auch gefehlt hat, ist ein wenig Spannung, nicht in Form von Cliffhangern, sondern eher in Form von Geheimnissen, die es zu ergründen gilt. Das hätte sich in der Stadt und diesem Szenario gut angeboten, aber eigentlich weiß man als Leserin immer, was Sache ist. Das macht den Roman jetzt nicht schlechter, da er durch die dichte Atmosphäre und seine interessanten Figuren gut getragen wird, hat aber auch dafür gesorgt, dass ich relativ lange daran gelesen habe. Also wie gesagt, die Kritikpunkte machen das Buch für mich nicht schlechter, aber wenn es im nächsten Buch von Julia Lange noch ein Prise Spannung und ein Hauch von Geheimnis geben würde, könnte mir das Buch noch mehr Spaß machen.

Nichtsdestotrotz ist Irrlichtfeuer ein tolles Romandebüt, mit dichter Atmosphäre, spannenden Figuren – allen voran die starken Frauen -, einem sehr interessanten und originellen Magiekonzept und einer soliden Sprache, die relativ funktional daherkommt, mit einigen altmodischen Begriffen wie z. B. Fensterlaibung aber noch zusätzlich für Stimmung sorgen. Die Handlung des Buchs kann man durchaus als abgeschlossen und eigenständig bezeichnen, ob noch mehr Romane aus dieser Welt geplant sind, weiß ich nicht, ich hätte aber nichts dagegen.

Mein erster Ausflug ins neue Programm von Knaur Fantasy und Science Fiction hat sich schon mal gelohnt, und zusammen mit Ken Lius Das Schwert von Dara und Die Legende von David Gemell, die ich beide schon im Original gelesen haben, verheißt er Gutes, was den Rest des Programms angeht.

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