„Sagan, Paris 1954“ von Anne Berest

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Buch Nummer sieben meiner Frankreich-Reihe, und das vierte von einer Autorin. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, überhaupt zeitgenössische französische Autorinnen zu finden, jetzt im Bücherherbst purzeln sie reihenweise von den Bäumen. Dabei wollte ich im Halloween-Monat Oktober vor allem Horror lesen. Doch was soll ich machen, die französischen Autorinnen haben mir den Kopf verdreht.

Anne Berest ist bei uns vor allem als Co-Autorin des Ratgebers How to be a Parisian bekannt, schreibt aber auch Romane. Jetzt im Herbst erscheint Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau auf Deutsch, wodurch ich auch auf sie aufmerksam geworden bin (das Buch kommt demnächst dran).

Sagan, Paris 1954 ist leider nicht auf Deutsch erschienen, weshalb ich auf die englische Übersetzung von Heather Loyd zurückgreifen musste, die sich stilistisch ganz großartig liest. Und was für ein Buch! Nur 170 Seiten, aber davon jede ein Genuss. Dabei ist gar nicht so einfach zu erklären, um was für eine Art von Buch es sich handelt. Dennis Westhoff, der Sohn der berühmten französischen Autorin Françoise Sagan hatte Berest darum gebeten, ein Buch über seine Mutter zum 60. Jubiläum ihres enorm erfolgreichen Debütroman Bonjour Tristesse zu schreiben.

Herausgekommen ist eine Mischung zwischen Roman, Autobiografie und fiktionalisierter Biografie. Berest beschreibt die wenigen Monate vor und nach der Veröffentlichung des Buchs im Jahr 1954, was Sagan so getrieben hat, mit ihren Freunden, wie sie ihr Manuskript bei drei Verlagen persönlich vorbeibringt und an der Rezeption abgibt, wie sie daraufhin überraschenderweise telefonisch Rückmeldung erhält, und was für ein »Wahnsinn« sich danach entfaltet.

But she heaved a sigh: so that was what sucess meant, a long series of obligations.

Doch mittels Forshadowing lässt Berest auch den unbedarften Leser (also mich) wissen, wie es in den folgenden Jahren mit François Sagan weiterging, die im Jahre 1954 ja erst 18 Jahre alt war. Und auch sich selbst und ihr Leben bringt die Autorin mit ein, denn Westhoff hatte darum gebeten, dass sie auch darüber schreiben möge, was die Arbeit an diesem Buch mit ihr macht. Das ähnelt Delphine Vigans Vorgehensweise in Das Lächeln meiner Mutter, auch wenn Berest keinen persönlicheren Bezug zu Sagan hat, als den einer Leserin.

Um noch mal auf den fiktionalisierten Teil zurückzukommen, sie hat schon viel recherchiert, alle Biografien gelesen, Sagans Sohn Fragen geschickt und sich mit ihrer besten Freundin getroffen, aber manches schildert sie so, wie es sich zugetragen haben könnte. Wie zum Beispiel die Szene, in der François Sagan dem Radioaufruf von Abbé Pierre folgt, den erfrierenden Obdachlosen im Land zu helfen, die Opfer der extremen Kältewelle wurden. Wobei sie Sachen, die wirklich passiert sind, auch mit Endnoten (also Fußnoten, nur am Ende des Buchs) belegt.

Kürzlich habe ich hier ja Marguerite Duras Der Liebhaber besprochen, und spannenderweise kommt in dem Buch auch diese Autorin vor, die ihr Debüt schon ein Jahr 1953 zuvor veröffentlicht hat, Sagans Erfolg aber erst dreißig Jahre später gleichkommt. Sie beide gehörten viele Jahre dem gleichen Freundeskreis an.

Es wird gar nicht so viel in Sagan, Paris 1954 erzählt, aber das so wunderbar, dass ich das Buch kaum aus den Händen legen konnte. Ich bin schon sehr auf die Romane von Anne Berest gespannt.

Mir war gar nicht bewusst, was für ein Erfolg und was für ein Skandal das Buch Bonjour Tristesse in Frankreich seinerzeit gewesen ist, und ich bin erstaunt welche Hochachtung Anne Berest diesem Buch, der Geschichte darum und der französischen Literatur insgesamt entgegenbringt. Kann ich mir in Deutschland so nicht vorstellen. Es zeigt, dass die Literatur mit ihren vielen wichtigen Preisen in Frankreichnoch mal einen anderen Stellenwert hat als bei uns.

Sagan, Paris 1954 ist ein Buch darüber, wie François Sagan gewesen ist, wie sie gewesen sein könnte, und, was sie anderen – insbesondere der Autorin – bedeutet. Es ist aber auch ein Buch darüber, was es heißt, Schriftstellerin zu sein, Berests Brief an den jungen Mann gegen Endes des Buches ist brillant und ergreifend, und so ist Sagan, Paris 1954 vor allem ein sehr persönliches Buch über Anne Berest.

Ob das alles stimmt, was sie da über sich schreibt, ist wieder eine andere Sache, vielleicht ist es ja auch eine fiktionalisierte Autobiografie, aber das spielt keine Rolle. Ob Wahrheit oder nicht, es ist eine verdammt gute Geschichte, ein verdammt gutes Buch, und darauf kommt es mir als Leser an.

Ein Gedanke zu “„Sagan, Paris 1954“ von Anne Berest

  1. Pingback: „Bonjour tristesse“ von Françoise Sagan | translate or die

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