„Das Lächeln meiner Mutter“ von Delphine de Vigan

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Rien ne s’oppose à la nuit heißt das Buch im Original, was so viel wie Nichts widersteht der Nacht heißt. Ein Titel, der viel besser passt, könnte man doch bei Das Lächeln meiner Mutter glauben, dass es sich um eine Liebeserklärung an die Mutter handelt. Doch hinter diesem Lächeln (das sie nicht oft zeigt), verbergen sich tiefe Abgründe. Die Abgründe der Familie.

Auf den ersten Blick wirken sie wie eine Vorzeigefamilie mit zahlreichen Kindern. Doch der ebenso scharfsinnige wie scharfzüngige Vater der Mutter, mit seinem einladenden und jovialen Auftreten kann auch ganz anders, was nicht wenige seiner Kinder zerstört oder zumindest für das weitere Leben aus der Bahn wirft. Ich will hier nicht zu viel über Lebensgeschichte der Mutter, ihrer beiden Töchter, ihrer Eltern und der zahlreichen Geschwister verraten. Die Mutter ist Lucile, und zu Beginn des Buches findet die Autorin sie tot in ihrer Wohnung. Davon ausgehend versucht sie das Leben ihrer Mutter zu rekonstruieren, in der Hoffnung, zu verstehen, wie Lucile werden konnte, wie sie war, und warum sie schlussendlich den Freitod wählte.

Das ist für die Autorin eine schmerzhafte Angelegenheit, und diesen Schmerz überträgt sie durch ihren brillanten und schnörkellosen Stil – der sich in der deutschen Übersetzung von Doris Heinemann großartig liest – mit seiner Poesie der Abgründe direkt auf die Leserin. Das ist kein Buch, das Spaß macht und gute Laune hinterlässt.

Die bisherigen drei Absätze der Besprechung schrieb ich, bevor ich die letzten 90 Seiten des Buchs gelesen habe. Ich wollte meine Gedanken bis dahin schon einmal zu Papier bringen. Doch im letzten Teil wird das Buch deutlich versöhnlicher.

Vigan erzählt die Geschichte ihrer Mutter nicht einfach chronologisch in der dritten Person; immer wieder tritt sie praktisch aus der Gegenwart ins Bild und schildert ihre schmerzhafte und umfangreiche Recherchearbeit an dem Buch. Schildert, was sie dabei empfindet, wie schwer das Wissen auf ihr lastet, mit dem Buch ihre Tanten und andere Verwandte zu verletzen, sie es aber doch schreiben muss.

Das könnte bei mancher Leserin durchaus dazu führen, dass sie aus dem Lesefluss und der Geschichte gerissen wird, aber es verleiht der Geschichte deutlich mehr Tiefe, ja gar eine emotionale Wucht, die mit einer Erzählung in Romanform nicht möglich gewesen wäre. Das Buch kommt übrigens auch gänzlich ohne Dialoge aus, nur hier und das werden Aussagen zitiert, ansonsten wird alles indirekt geschildert.

Einerseits ist die Autorin schonungslos offen, was ihre Gefühle und auch was die Biografie der Familie ihrer Mutter angeht, trotzdem geht sie sehr gewählt bei dem vor, was sie preisgibt. Man erfährt relativ wenig über ihr eigenes Liebesleben (der Vater meiner Kinder), die Kinder selbst (wurden von Lucile gehütet) und sie betont auch selbst, dass es Dinge gibt, über die sie bewusst nicht schreibt. Als jemand, der in einer psychosomatischen Klinik gearbeitet hat, kann ich nur bestätigen, wie eindrucksvoll und realistisch die de Vigan die bipolare Störung und die heftigen Psychosen ihrer Mutter schildert – und deren Auswirkungen auf die Kinder.

Es ist nicht alles Schatten in dieser Geschichte, immer wieder beschreibt die Autorin auch Phasen unbetrübter Kindheitserlebnisse, wodurch die negativen Aspekte im Leben dieser großen Familie aber nur noch stärker hervortreten. Immer wieder dachte ich, dass könnte doch so eine tolle und glückliche Familie sein, wenn nicht …

Ob wirklich alles autobiografisch in diesem Buch ist, ob die Geschichte so stattgefunden hat, oder ob einige Lücken auch durch die Interpretation der Autorin gefüllt werden (die offen darauf hinweist, was sie recherchieren konnte, und was nicht), spielt für mich keine Rolle. Das Lächeln meiner Mutter ist eine gute, bewegende und mitreißende Geschichte, die unter die Haut geht. Nach der Lektüre muss man erst mal kräftig durchatmen. Aber es wird definitiv nicht mein letzte Buch von Delphine de Vigan sein.

Eigentlich wollte ich danach direkt mit Marguerite Duras‘ Der Liebhaber weitermachen, aber nach den ersten 20 Seiten scheint mir das Buch doch thematisch zu nah an diesem hier dran zu sein. Da brauche ich jetzt erst mal was Leichteres.

 

Ein Gedanke zu “„Das Lächeln meiner Mutter“ von Delphine de Vigan

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