3 Kurzkritiken: Guez, Houellebecq, Guenassia

Paris, die Nacht von Jérémie Guez

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Kraftvoller Roman über einen jungen Pariser aus schwierigen Verhältnissen, der mit seinen Kumpels das große Ding drehen möchte, sich dabei mit den Falschen anlegt und in einem Strudel aus Gewalt und Drogen versinkt.

Stellenweise schon etwas zu spärlich beschrieben, wenn sich der Student z. B. nach der ersten Dosis Heroin übergibt, möchte ich schon wissen, ob er auf den Teppich kotzt, oder es bis zum Waschbecken schafft. Ansonsten aber sehr lesenswerter und schonungsloser Blick auf die eher unschönen Seiten der französischen Hauptstadt.

Im Nachwort gibt es noch einen sehr interessanten Essay von Thekla Dannenberg über die Entwicklung des französischen Kriminalromans. Auch wenn ich Paris, die Nacht dort nicht einordnen würde.

P.S. von der Länge her eher eine Novelle

Elementarteilchen von Michel Houellebecq

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Sehr gut gefällt mir, wie Houellebecq naturwissenschaftliche und soziologische Theorien und Erkenntnisse in die Handlung mit einflechtet. Auf den ersten 100 Seiten liest sich das in Kombination mit den Jungendbiografien der beiden Hauptfiguren sehr gut, aber so ab Seite 150 ging mir der ewig lüstern-frustrierte Bruno mit seinen pädophilen Neigungen und seiner Frauenverachtung nur noch auf den Sack (um mich mal seiner Sprache anzupassen). Auf den letzten 100 Seiten wird es dann wieder besser, wenn die beiden Protagonisten ernsthafte Beziehungen eingehen, ein wenig Menschlichkeit an den Tag legen und es etwas dramatischer und trauriger wird. Die bewusst plump und leidenschaftslos geschilderten expliziten Sexszenen haben mich ebenso wenig gestört wie die Distanziertheit des Erzählers.

Ein insgesamt sehr interessant konzipierter Abgesang auf den modernen westlichen, zivilisationsmüden Mann, mit einigen langweiligen und nervigen Passagen, der sich durch seinen philosophischen Überbau aber deutlich aus der Masse hervorhebt. Ein Buch über Menschen, mit denen man im echten Leben keine Zeit verbringen möchte.

Etwas verwundert bin ich allerdings darüber, dass sich hier in der dritten Auflage von 2015 immer noch die alte deutsche Rechtschreibung (und vereinzelte Tippfehler) finden. Eine bewusste Entscheidung des Verlags? Oder war man nur zu faul, sie anzupassen? Die „Optimisten“ sind übrigens auch (2012!) in alter deutscher Rechtschreibung erschienen.

Der Club der unverbesserlichen Optimisten von Jean-Michel Guenassia

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Was für ein großartiger Roman. Ich-Erzähler Michel erlebt zu Beginn der 60er Jahre in Paris nicht nur große Freundschaften, die erste Liebe, familiäre Tragödien und das Erwachsenwerden, nein, er freundet sich in seiner Stammkneipe, wo er der King am Kickertisch ist, auch mit dem Club der unverbesserlichen Optimisten an. Dabei handelt es sich vor allem um Flüchtlinge aus den Ostblockstaaten, die einst als Piloten und Ärzte arbeiteten, sich jetzt aber als Taxifahrer durchschlagen müssen, und ihre Freizeit beim gemeinsamen Schachspiel verbringen, sich aber auch gegenseitig unter die Arme greifen. Darüber hinaus schauen auch schon mal Jean-Paul Satre oder Joseph Kessel im Club vorbei.

Obwohl das Buch fast 700 Seiten hat, ist es unglaublich, was Guenassia hier alles thematisch unterbringt, ohne das es fehl am Platze oder zu aufgebläht wirkt. Und das alles verbindet er zu einer kunstvollen, dramatischen und tragischen Erzählung, die trotz all der Schattenseiten unheimlich viel Spaß macht. Ein sehr gelungener und großer Roman, wie man ihn nicht alle Tage liest. Genau solche Bücher liebe ich, und verschlinge sie mit großer Leidenschaft. Übersetzt von Eva Moldenhauer.

Hätte eigentlich eine viel ausführlichere Besprechung verdient, aber ich bleibe meiner Linie treu, in diesem Jahr nur Bücher von Frauen ausgiebig zu rezensieren. Gerade lese ich Das Lächeln meiner Mutter von Delphine de Vigane, das nach 60 Seiten auch schon begeistert. Rezi folgt.

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