Abgeliefert: „Dunkle Materie“ von Carolyn Ives Gilman

Letzten Montag habe ich die Übersetzung des Science-Fiction-Romans Dunkle Materie (Dark Orbit) bei Cross Cult abgeliefert. Soll im ausgezeichneten Herbstprogramm neben Linda Nagata, Nnedi Okorafor und Connie Willis erscheinen.

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Das Titelbild stammt von Martin Frei.

Dunkle Materie spielt in der fernen Zukunft der Zwanzig Planeten, in der die Menschen per Lichtstrahl von Welt zu Welt reisen. Doch während für die Reisenden nur wenige Sekunden vergehen, verstreicht für jedes Lichtjahr Distanz ein Jahr für den Rest der Menschheit.

For others, time passed. For a Waster, it was always just now. Fraglos eines der Highlights in „Dark Orbit“, dem jüngsten Roman Carolyn Ives Gilmans, ist das Anfangskapitel, in dem die US-Autorin die schönste Beschreibung eines nonlinearen Lebensstils seit Joe Haldemans „Der ewige Krieg“ abliefert.

(Schreibt Josefson in der SF & F Rundschau)

Zur Gemeinschaft dieser ausgegrenzten Reisenden, die sich in der ständig wandelnden normalen Welt stets fremd fühlen, gehört auch die Exoethnologin Saraswati Calicot, die eine einmalige Gelegenheit erhält, auf ein Erkundungsschiff zu reisen, das einen neuen Planeten entdeckt hat. Diese unbemannten Schiffe wurden vor Jahrhunderten von den Vorfahren der jetzigen Menschheit ausgeschickt, um die unermesslichen Weiten des Alls nach neuen Planeten und nach Leben zu durchsuchen. Per Lichtstrahltransmitter reist Sara auf das achtundfünfzig (Licht-)Jahre entfernte Erkundungsschiff Escher, das um den fremdartigen Regenbogenplaneten Iris kreist, der sich in einem Teil des Weltraums befindet, in dem Raum und Zeit nicht mehr den Gesetzen der Physik gehorchen zu scheinen und Dunkle Materie zu Anomalien im Gefüge des Universums führt.

lntellectually daring, brilliantly imagined, strongly felt. This one’s a winner.

Ursula K. Le Guin.

Von allen Romanen, die ich bisher übersetzt habe, hat mir dieser am meisten Spaß gemacht. Die Übersetzung ging mir daher auch leicht von der Hand und war erstaunlich schnell fertig. Das ist eine jener Geschichten, in der ich mich sofort heimisch gefühlt habe, in die ich intensiv eingetaucht bin. Eine komplexe und elegante Geschichte über zwei starke Frauen und die Grenzen unserer Wahrnehmung – mit viel »Sense of Wonder«.

Reizvoll ist in „Dark Orbit“ etwa die brisante Chemie zwischen Sara und dem Sicherheitschef der Expedition, Dagan Atlabatlow. Sie entstammt einer Kultur, in der man auf Autoritäten pfeift – er kommt von einem Planeten, auf dem man glaubt, dass die innigste Beziehung zwischen Jäger und (menschlicher) Beute besteht.

Josefson

Neben dem Sense of Wonder kommen auch das Innenleben der Figuren und ihre Beziehungen untereinander nicht zu kurz.

Und hier noch ein kleiner (unlektorierter und unkorrigierter) Auszug aus meiner Übersetzung):

In einer einzelnen Reihe schritten sie hinaus in die Prärie, mit Atlabatlow an der Spitze, der das Gras mit einem Wanderstock teilte, um Speerpflanzen und eine Art niedrigem Bodenkaktus mit metallischen Nadeln, die sie ebenfalls im Gras gefunden hatten, aufzuspüren. Bis auf ein paar gelegentliche Warnungen oder Aufschreie, wenn eine Nadelfliege jemandes Overall durchbohrte, gab es keine Unterhaltungen. Hinter sich konnte Sara hören, wie Mr. Gibb sich selbst Notizen diktierte. »Die Entdecker brechen auf, um einen jungfräulichen Planeten zu penetrieren und seine Geheimnisse freizulegen. Iris, in Geheimnisse verhüllt, und so weiter, und so weiter.«
Sie kamen nur langsam voran. Ihre Augen waren notwendigerweise auf den Boden vor sich gerichtet, und so hörten sie die Anomalie, bevor sie sie sahen.
Über dem Pfeifen des Windes auf dem Gras lag ein schwacher musikalischer Unterton, der an Windspiele erinnerte. Inzwischen konnten sie die Grenze des Gebiets deutlich vor sich sehen, und so hielten sie verblüfft an.
Sara konnte nicht im mindesten verstehen, was sie da sah. In einem Moment sah es wie die vertikale Oberfläche eines Sees aus; im nächsten wie eine Masse aus kantigen Spalten – Risse im Tag. Für einen Augenblick hatte sie das Gefühl, dass sie nach unten blickte, über den Rand des Abgrunds, und trat einen Schritt nach vorne, um den Fall zu stoppen, nur um herauszufinden, dass der Boden immer noch horizontal war, auch wenn sie desorientiert schwankte.
»Was zur Hölle?« keuchte sie.
Thora neben ihr starrte mit gebannter Faszination darauf. »Das ist etwas, zu dem unsere Sinne nicht entwickelt sind, es wahrzunehmen«, sagte sie.
Überraschenderweise war es Mr. Gibb, der rausfand, um was es sich handelte. »Oh, ich verstehe«, sagte er plötzlich. »Das ist ein Wald.«
»Was?« Sara konnte keinerlei organische Formen darin sehen – zumindest keine nach menschlichen Maßstäben.
»Die ganzen kleinen Reflexionen, das sind die Blätter«, erklärte er. »Die Stämme sind die vertikalen Oberflächen, wie facettierte Spiegel. Einige von ihnen besitzen diese reflektierenden Wedel und Bänder anstelle von Blättern. Deshalb ist es so schwierig, die Stämme zu sehen.«
Mit einiger geistiger Anstrengung gelang es Sara, zu sehen, was er meinte. Es war, als würde man auf ein visuelles Paradoxon blicken, als würde sie sich zwingen, die beiden Gesichter anstelle der Vase zu sehen.
»Das ist sehr clever«, sagte Thora leise, »und sehr falsch.«
Falsch oder nicht, die schimmernde Wand aus Reflexionen, die sich jetzt in eine Art kubistische Origamiszene auflöste, ergab zumindest einen bizarren Sinn. Die Musik kam aus dem Inneren.
»Windspielbäume«, sagte Sri Paul. Er hielt einen Taschenrecorder in der Hand und stellte ihn darauf ein, Choralgesänge abzuspielen. Als der erste Akkord des Glockenkonzerts erklang, wurde er umgehend von dem Wald zurückgeworfen. Es folgte ein Arpeggio, das im Bruchteil einer Sekunde später von den flüssigen Windspielen imitiert wurde. Paul hielt die Aufzeichnung an, und die Waldmusik kehrte zu den komplexeren Harmonien von vorher zurück. »Zeichne es auf und spiel es ab«, schlug Ming vor. Paul tat es, und die Musik der Bäume pfiff fröhlich zur Antwort.
»Du musst eine Art sympathischer Vibrationen ausgelöst haben«, sagte Touli.
»Spiegelbilder«, grübelte Thora mehr zu sich selbst.
Vorsichtig näherten sie sich dem Rand des Waldes. Kurz davor musste sich Sara erneut geistig anstrengen, um die Bäume zu sehen. Ihre Stämme sahen wie Klumpen aus transparentem Kristall aus, wie Kandiszucker am Stiel. Um sie herum hingen die »Blätter« – lange, baumelnde Dinger in Prismenform, so durchsichtig wie Glas, die klingelten, wenn sie sich, durch den Wind aufgewühlt, gegenseitig berührten.
Die Windspielblätter bildeten einen dicken Vorhang am Waldrand und reichten fast bis auf den Boden. Während sie sich drehten und wandelten, warfen sie Regenbogenschatten. Ein Spektrum jagte über Atlabatlows entschlossenes Gesicht, als er seinen Stock ausstreckte, um eines der größten Blätter zu berühren, das fast so groß wie er war. Doch statt die Oberfläche zu berühren, ging sein Stock durch das Blatt hindurch, sein Ende tauchte auf der anderen Seite wieder auf, um sechzig Grad von der Ausgangsposition abgewinkelt. Langsam zog er ihn wieder raus, sie versammelten sich alle darum, um ihn zu inspizieren. Er sah perfekt intakt und ganz unberührt aus.
»Es muss eine Art optischer Täuschung sein«, sagte Touli. Dann, bevor jemand reagieren konnte, trat er nach vorne, um das Blatt selbst zu berühren. Seine Hand fuhr durch die spiegelartige Oberfläche und trat auf der anderen Seite aus, in einem unmöglichen, gebrochenen Winkel verdreht. Es sah so schrecklich aus, dass mehrere Leute aufkeuchten. Aber er zog seinen intakten Arm wieder hervor, betrachtete ihn neugierig und wackelte mit den Fingern.
»Bitte seien Sie in Zukunft vorsichtiger«, sagte Atlabatlow mit ernster Stimme. »Wir haben keinen Arzt dabei.«
»Wie fühlt sich das an?«, fragte Thora eifrig.
»Als würde man eine Wasseroberfläche durchstoßen«, brummelte Touli nachdenklich. »Ich glaube nicht, dass es eine optische Täuschung ist.«
Das Windspielblatt hatte sich im Wind gedreht, und Atlabatlow benutzte jetzt seinen Stock, um es zurückzudrehen. In dem Augenblick, in dem der Stock das Blatt berührte, zerfiel er in zwei Teile, als wäre er sauber von einer lautlosen Kreissäge zerschnitten worden.

Ein Gedanke zu “Abgeliefert: „Dunkle Materie“ von Carolyn Ives Gilman

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