Hotel Honolulu – Paul Theroux

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Meine Mutter hat das Buch bei einem Gewinnspiel gewonnen. Fünf Bücher durfte sie sich aus dem Programm von Hoffmann und Campe aussuchen. Dafür hat sie aber auch einiges an Rätselei geleistet. Eines dieser Bücher durfte ich auswählen; und da ich Hawaii-Fan bin, fiel meine Wahl natürlich auf Hotel Honolulu. Außerdem gibt es auf dem Cover Palmen. Und es gibt zwei Sachen, mit denen man mich leicht ködern kann: Ninjas und Palmen.

Ninjas gibt es in diesem Buch nicht, aber es hat mich trotzdem von der ersten Seite an gefesselt. Theroux hat eine tolle Erzählstimme und einen ebenso wunderbar heruntergekommenen charmanten Humor wie das Hotel, sein Personal und die Gäste.

Das Cover wirkt wie eine alte Tapete (auch wenn es wohl ein Hawaiihemd darstellen soll), und so wirkt auch die Geschichte: Der Ich-Erzähler zieht in das Hotel Honolulu ein, fängt an die dicken Tapetenschichten von der Wand zu kratzen, und jede weitere Tapete, die zum Vorschein kommt, erzählt eine andere Geschichte. Und es ist kein Hawaii auf einer Hochglanztapete, es sind Schichten aus schmuddeligen Faserresten mit Rauch und Spermaflecken, dem abgestandenen Geruch nach Schweiß und billigem Parfüm. Nicht das Paradies, sondern das verlorene.

Die Brüder stellen das Leben in ihrem Werk wahrheitsgemäß dar und ließen nicht zu, dass Hawaii wie ein Paradies erschien. Hawaii war ein realer mit Makeln behafteter Ort, mit ausgewaschenen Bergen, umgestürzten Bäumen, Eisen im Boden und zerbröckelten Korallen. Bevölkert von Außerirdischen und Wurzellosen, wurden die Inseln von bedrohlichem Rankwerk und von Seuchen erstickt, die die alte, ursprüngliche Vegetation zerstört hatten.

(Seite 278)

Es sind skurrile Geschichten von schrägen Menschen, oft lustig, manchmal tragisch und zum Teil so abgründig und bitterböse, dass einem das Lachen wie ein Stück leimige, zerknüllte Tapete im Halse stecken bleibt. Die Lebensgeschichten, die der Ich-Erzähler hier berichtet, sind zum Teil hammerhart und kaum auszuhalten, werden aber in einem so beiläufigen Ton erzählt, dass dies ihre Wirkung nur verstärkt und die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber solchen Schicksalen unterstreicht.

Das interessanteste Kapitel ist für mich das über den glücklichsten Mann von Hawaii. Aber Theroux bezieht sich nicht umsonst auf Tolstois Satz: »Glück ist kein Thema«, und so hat auch das größte Glück im Paradies einen Haken.

Der Ich-Erzähler erwähnt nie seinen Namen, und es heißt, der Roman sei autobiographisch. Das kann ich nicht beurteilen, aber es tauchen schon einige Menschen in der Geschichte auf, deren Name mir ein Begriff ist, wie z. B. der Henry-James-Biograph Leon Edel oder der wunderbare Sänger Israel „Bruddah Iz“ Kamakawiwoʻole. Sollte es wirklich so sein, dann wundert es mich doch ein wenig, wie Theroux sich über manche Menschen äußert. Sein Tonfall ist eigentlich immer gelassen, nie emotional, frustriert oder verbittert, aber über seine Frau äußert er nicht nur Positives, wenn er sie z. B. als seichtes Gemüt bezeichnet.

Über 80 Menschen sollen hier laut Klappentext Geschichten erzählt werden. Ich habe nicht mitgezählt, aber in erster Linie ist es ein Buch über die schillernde und streitbare Persönlichkeit des Buddy Hamstra, der ein echtes Inseloriginal gewesen sein muss. Die Art von Mensch, die seit der Jahrtausendwende langsam endgültig auszusterben scheint.

Es macht einfach Spaß, dieses leicht abgehalfterte Hotel mit viel Persönlichkeit in seiner paradiesischen Kulisse zu betreten, über den abgelaufenen Teppich zu schreiten, während Rose – die Tochter des Ich-Erzählers – um einen herumtollt und viel zu erwachsene Fragen stellt, die Bar zu betreten, in der Buddy und seine Freunde schallend über schmutzige Witze lachen, sich einen Platz an der Theke zu suchen und den Geschichten des Concierge zu lauschen, der das bunte Treiben im Hotel seit Jahren mit dem aufmerksamen Blick eines Schriftstellers beobachtet.

Ist, wie oben schon erwähnt, bei Hoffman und Campe in der ausgezeichneten Übersetzung von Theda Krohm-Linke erschienen.

3 Gedanken zu “Hotel Honolulu – Paul Theroux

  1. Zum Zitat: bevölkert von „Außerirdischen“? Au backe …

    Ich dachte immer, in Hotels würden sich „Fremde“ rumtreiben oder „Ausländer“.

    Aber derartige Schnitzer passieren den besten. Ansonsten klingt das Buch schon interessant!

    • Während des Lesens hatte ich auch gedacht, dass es ein Buch ist, das dir gefallen könnte. Bei den „Außerirdischen“ hatte ich mir gar nichts weiter gedacht, außer, dass es vielleicht als Metapher gemeint war.

      In meiner aktuellen Übersetzung schlage ich mich auch mit dem Begriff „alien“ rum. Da sind die Menschen, die per Raumschiff auf eine fremde Welt reisen die „aliens“. Aber die kann ich ja schlecht als Außerirdische bezeichnen. „Fremde“, „Besucher“, „Außenweltler“, so eine richtig elegante Lösung gibt es aber nicht, da die Einheimischen (im präindustriellen Zustand) auch von Menschen abstammen, aber über Jahrhunderte isoliert gelebt haben.

      • Ich werde den Theroux wohl mal im Original lesen. Ich glaube, die Übersetzung liegt mir nicht; sie wirkt mir zu gestelzt.

        Was deine aktuelle Übersetzung angeht, dürfte „Fremde“ bei einer nicht raumfahrenden Kultur doch sehr gut passen.

        (Ich muss dabei übrigens immer an Methusalix denken: „Ich hab nix gegen Fremde, aber diese Fremden da sind nicht von hier!“)

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