Übersetzen

Ein paar lose und spontane Gedanken zum Thema Übersetzen. Zunächst schildere ich einige allgemeine Gedanken zur historischen Bedeutung von Übersetzungen, bevor ich dann am konkreten Beispiel der Science Fiction zeige, warum Übersetzungen auch heute noch eine kulturelle Bedeutung besitzen, die über das einfache Lesen in der Freizeit hinausgeht.

Seit Entwicklung der summerischen Keilschrift, der chinesischen Schriftzeichen auf Orakelknochen oder den Hieroglyphen der alten Ägypter spielt niedergeschriebene Sprache für die Menschheit eine wichtige Rolle. Sie bot erstmals die Möglichkeit, Wissen konkret – und nicht nur in kryptischen Höhlenmalereien – festzuhalten. Wissen bedeutet Macht. Gesetze werden niedergeschrieben, damit sich die Bevölkerung daran halten kann; es wird dokumentiert, wer Steuern gezahlt hat und wer nicht. Diplomatische Depeschen, Briefe und Verträge – sie alle enthalten niedergeschriebenes Wissen, das den Lauf der Welt verändern kann.

Da es auf der Welt aber viele Sprachen gibt, ist dieses Wissen auf die kleine Gruppe beschränkt, die diese Sprache beherrscht – mal abgesehen davon, dass sie auch lesen können müssen. Handeln zwei Länder miteinander Verträge aus, müssen diese jeweils in die Sprache des anderen Landes übersetzt werden. Übersetzungsfehler in Verträgen und Nachrichten können Kriege auslösen. Im Prinzip überträgt der Übersetzer nur Wissen von einer Sprache in eine andere und muss dabei möglichst genau sein.

Doch die niedergeschriebene Sprache geht darüber hinaus, sie fungiert auch als kulturelles Gedächtnis. Geschichten, die zuvor nur mündlich weitererzählt wurden und dabei im Sinne der »stillen Post« immer weiter verwässert und verändert wurden, können nun unveränderlich auf Stein, Papyrus oder Papier festgehalten werden. Ob es sich dabei um Historiker wie Tacitus handelt oder Autoren wie Plinius dem Jüngeren, die (heute) historische Ereignisse – wie z. B. den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 – als Augenzeugen erlebt und festgehalten haben; Philosophen wie Plato, die Einblicke in die Denkweisen und Weltbilder in den Jahrhunderten vor Christus liefern, oder Autoren wie Homer, die reale Ereignisse in fiktiver Form als Geschichten zu Papier bringen – sie alle tragen zum kollektiven Schatz ihrer Kultur, ihres Volkes, ihres Landes und der Menschheit bei, sie erschaffen das sogenannte kulturelle Gedächtnis.

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Ihre Schriften haben sich über die Jahrhunderte und Grenzen hinweg verbreitet, obwohl damals wie heute viele Menschen weder Altgriechisch noch Latein sprachen. Es waren Übersetzer, die für die Verbreitung dieser Werke sorgten. Damals noch ganz ohne Internet, nur mit ihrer Bildung bewaffnet.

Übersetzungen tragen zum gegenseitigen Verständnis von unterschiedlichen Kulturen bei. Sie überwinden Grenzen und Differenzen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Welt viel weniger von Fremdenfeindlichkeit heimgesucht würde, wenn mehr Menschen übersetzte Bücher aus jenen Kulturen lesen würden, vor denen sie sich so fürchten. Das müssen nicht einmal große Klassiker oder anspruchsvolle Texte sein, es reichen schon ein paar Krimis oder zeitgenössische Romane.

Kein Buch ersetzt eine Reise, aber mit jedem Buch aus einem anderen Land, einer anderen Kultur holt man sich ein Stück von der Welt nachhause. Doch kein Mensch beherrscht alle Sprachen, weshalb man eben Übersetzerinnen benötigt, um einem diese Texte aus fremden Sprachen zugänglich zumachen. Insofern kann man Übersetzer auch als Reiseführer und kulturelle Vermittler sehen.

Und ein Reiseführer sollte sich in der Kultur, durch die er führt, auch auskennen. Es gibt schlechte Übersetzungen, die nichts taugen, weil der Text einfach 1:1 übersetzt wurde, ohne die kulturellen Besonderheiten, die Wortspiele, den Kontext und die Wirkung auf die Leserin zu beachten. Es gibt – leider auch heute noch – Übersetzungen von Übersetzungen, in denen nach dem Prinzip der stillen Post die oben erwähnten Aspekte verloren gehen oder zumindest verwässert werden.

Da ich persönlich hauptsächlich fiktionale Texte in Form von Romanen und Kurzgeschichten übersetze, werde ich mich in diesem Text auch auf selbige beschränken. Die Einleitung oben kommt ja recht hochtrabend und mit hehren Ansprüchen daher. Aber muss denn auch jeder Schmu von Landscape and Romance (Rosamunde Pilcher), Vampirschmonzetten, C-Movie-Actionroman über Hausfrauenpornos bis Splatterpunk usw. übersetzt werden?

Sicher muss nicht jeder Schrott, oder was man so dafür hält, übersetzt werden, aber wenn es Leserinnen gibt, die bevorzugt in einem bestimmten Genre lesen (und da gibt es durchaus viele), dann trägt es doch trotzdem zur Erweiterung des kulturellen Horizontes bei, wenn in diesem Genre auch Schmu aus anderen Kulturen übersetzt wird.

Bei mir hat es sich aus einer Kombination von privaten Interessen und zufälligen Bekanntschaften ergeben, dass ich vor allem Science Fiction übersetze (die Dudenschreibweise mit Bindestrich geht übrigens gar nicht 😉 ). Ein Genre, das seine Wurzeln – natürlich nicht nur – aber hauptsächlich im angloamerikanischen Raum hat, vor allem was seine Entwicklung bis zum heutigen Status quo angeht. Zu diesem Genre gehört auch ein Fandom, also begeisterte Leser, die ihrem Hobby nicht nur aus der Lektüre der Bücher verstehen, sondern sich darüber hinaus auch in Foren, Vereinen und auf Cons organisieren, um sich über ihr Hobby mit anderen auszutauschen. Ein Fandom, dessen internationaler Charakter durch das Internet einen enormen Schub bekommen hat, was dazu führt, dass man sich nicht nur auf internationalen Veranstaltungen wie dem Worldcon trifft, sondern auch in Internetforen, sowie auf Twitter und Facebook. Und da ist es natürlich hilfreich, wenn man eine gemeinsame Grundlage hat, also Bücher, die alle gelesen haben und guten Diskussionsstoff bieten. Hier tragen Übersetzungen direkt zur kulturellen Verständigung bei.

Gerade durch die Dominanz der angloamerikanischen Science-Fiction-Literatur (die durch einige herausragende und unerreichte Autoren und Autorinnen durchaus gerechtfertigt ist), ist es wichtig, dass auch Bücher aus anderen Sprachen und Kulturen übersetzt werden, um dem Leser ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm und differenzierte Perspektiven zu bieten. Wie schon oben in der Klammer erwähnt, halte ich englischsprachige Autoren (wie z. B. Ian McDonald, Neal Stephenson, David Mitchell, Peter F. Hamilton, Robert Charles Wilson, Kim Stanley Robinson, Iain Banks uvm.) für praktisch unerreicht. Mit Ausnahme von Dietmar Dath fällt mir kein deutschsprachiger Science-Fiction-Autor (ohne denen jetzt zu Nahe treten zu wollen) ein, der den genannte auch nur halbwegs das Wasser reichen kann, was anspruchsvolle, visionäre und intellektuell herausfordernde Science Fiction angeht).

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Und viele der genannten Autoren werden auch ins Deutsche übersetzt (leider nicht alle, der herausragende Ian McDonald wird seit einigen Jahren leider schändlich verschmäht). Und so toll ich das finde, und so gerne ich diese Autoren und auch die jetzt von mir nicht genannten Autorinnen lese, entsteht dadurch ein kultureller Tunnelblick, der zu einer amerika- und eurozentrischen Weltsicht führt. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, wenn auch SF-AutorInnen von anderen Kontinenten oder zumindest mit anderen kulturellen Hintergründen übersetzt werden.

Bei Heyne wird demnächst der großartige chinesische SF-Roman Die drei Sonnen (The Three-Body Problem) von Cixin Liu erscheinen, der nicht nur visionäre SF-Elemente enthält, sondern auch Einblicke in die dunkle Zeit der Kulturrevolution in China liefert. Bei Cross Cult wird demnächst der Roman Lagoon von der amerikanisch-nigerianischen Autorin Nnedi Okorafor erschienen, die eine Alieninvasion in die nigerianische Millionenmetropole Lagos verlegt hat. Lauren Beukes liefert mit ihren SF-Romanen wie Moxyland Einblicke in eine südafrikanische Perspektive auf die Zukunft.

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Übersetzungen bedeuten Vielfalt, die Möglichkeit, die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten, um sich vielleicht ein wenig in das Fremde hinversetzen zu können, um die Welt in all ihrer Vielfalt, mit ihren unzähligen Kulturen und Menschen ein wenig besser zu verstehen.

To be continued …

5 Gedanken zu “Übersetzen

  1. Ein schöner Text über Vielfalt! Ich finds nur schade, dass es nicht leichter ist, Sprachen zu lernen. Am liebsten würde ich nur Originale lesen.
    Und der Bindestrich bei SF ist mir schnurz. Aber Phantastik hat nur eine korrekte Schreibweise! 😀

  2. Leider ist hier die Sprache ein ganz großes Problem. Denn Übersetzer „exotischer“ Sprachen sind selten und damit teuer. Ich kann inzwischen ein Lied davon singen. Aber ich finde es ebenso wichtig, Literatur aus anderen Ländern den Lesern hierzulande zugänglich zu machen. Eben auch, um Brücken zu bauen und Ängste (auch die politisch gesteuerten und diese vermutlich sogar in erster Linie) abzubauen. Leider sind wir sehr stark vom englischsprachigen Raum gesteuert, viele Autoren in egal welchen Ländern schreiben schon gar nicht mehr in ihren eigenen Sprachen, sondern in englisch oder lassen es dann auf Englisch übersetzen. Da geht leider eine Menge Eigenes verloren (wenn es überhaupt je drin war, man schreibt ja für einen Zielmarkt). Aber anders hat man auf den Märkten kaum noch eine Chance. Dass so behauptet werden kann, der angloamerikanische Raum sei federführend … na ja klar. Wenn man nicht weiß/wissen kann was es sonst noch gibt und es schlicht preiswerter ist, aus dem englischen zu übersetzen …

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