„Im Foltercamp der geschändeten Frauen“ (Kurzgeschichte)

In dieser Geschichte wird weder gefoltert noch geschändet. Der Titel bezieht sich auf einen »berüchtigten« gleichnamigen Film aus den 80ern. Die Geschichte ist recht albern geraten, kein Coming of Age oder so, einfach ein paar pubertäre Jungs, die in den VHS-Zeiten Mitte der 90er auf der Jagd nach einem endgeilen Horrorschocker einige Prüfungen zu meistern haben. Aber hoffentlich recht unterhaltsam, wobei der Humor  eher dem Alter der Jungs entspricht. 😉

Die Kurzgeschichte ist 32 Normseiten lang, bzw. besteht aus 7.155 Wörter oder 45.000 Zeichen und hatte weder ein Lektorat noch ein Korrektorat. Es folgt ein kurzer Auszug. Wer will, kann auch direkt zur ganzen Geschichte als Blogseite oder im PDF-Format, das ich auch empehle, da dort die Formatierungen besser sind

„Im Foltercamp der geschändeten Frauen“
Von Markus Mäurer

»Das ist echt kranker Scheiß. Die schlagen nem lebenden Äffchen den Schädel ein und löffeln sein Gehirn aus. In nem richtigen Restaurant. Direkt am Tisch«
»Wie bei Indiana Jones.«
»Genau, aber der Affe lebt ja noch. Der schaut mit seinem kleinen ängstlichen Gesicht in die Kamera.«
»Das ist doch gefaked.«
»Nee, is es nich. Das is echt. Die zeigen auch, wie einer auf’m elektrischen Stuhl gebrutzelt wird. Bis er qualmt. Und der eine, der springt von nem Hochhaus. Ist dann nur noch Mus.«
»Von welchem Film redet ihr?«
»Gesichter des Todes«, antworteten Martin und ich wie aus der Pistole geschossen.
Rene nickte in ehrfurchtsvollem Schweigen. Dann spuckte er auf den Boden und meinte: »Das ist echt kranker Scheiß. Und den habt ihr gesehen.«
»Ich nicht, nur der Martin’ne«, antwortete ich.
Rene blickte Martin anerkennend an und spukte erneut auf Boden. »Wo haste den denn gesehn?«
»Beim langhaarische Bombenleger.«
»Das erklärt natürlich einiges«, meinte Rene und grinste wissend.
Es war die erste große Pause und wir saßen zurückgezogen auf der Schlachtbank. Das war eine Bank in einer kleinen Ecke am Rande des tiefer gelegenen zweiten Schulhofs, leicht außerhalb der Sichtweite der Pauker, die sich vom Gebäude nicht weiter entfernten, als man spucken konnte. Faule Säcke eben.
Die Schlachtbank war die Ecke der Freaks. Metaller mit ekligen T-Shirts (Sammelbestellung bei EMP) von Slayer und Cannibal Corpse, auf denen zerfetzte Frauen von Zombies mit Messern die Babys aus dem Leib geschnitten wurden – Butchered at Birth -, langen, fettigen Haaren, Militärhosen und immer zwei dröhnende Stöpsel im Ohr.
Dazu die Skater, mit ihren weiten Homeboy-Hosen, Carhatt-Jacken und umgedrehten Baseballmützen auf dem ungekämmten Haupthaar. Die sich cool gaben, es aber meist nicht waren.
Aber die waren immer noch besser dran, als die armen Socken, deren Eltern, Markenklamotten verboten hatten. Die mussten mit schlecht sitzenden Jeans, Biolatschen und Pullovern von S.Oliver rumlaufen. Peinlicher ging es kaum. Die waren sozial so stigmatisiert, dass sie gar nicht erst versuchen brauchten, sich zu den Coolen zu gesellen. Manchmal schlich einer der No-Name-Typen um eine solche Gruppe herum, blickte verstohlen rüber und versuchte sich durch kleiner werdende Kreisbewegungen heranzupirschen. Sie wurden stets erwischt und landeten, anders als Oscar, mit dem Kopf nach unten in der nächsten Mülltonne.

Es war eine reine Jungsecke, Mädchen machten einen großen Bogen um diese picklige Versammlung von Krähen. Es wurde viel auf den Boden gespuckt; existentialistische Anmerkungen wie »Alter Schwede« und »Geilomat« lagen ständig in der Luft.
Man gab sich grimmig und erwachsen. Prollig eben.
»Gesichter des Todes ist natürlich nicht schlecht«, sagte Rene und grinste dabei schelmisch.
»Nich schlecht?«, erwiderte Martin, »das is der oberaffengeile Scheiß des Jahrhunderts«, im Tonfall eines unheiligen Propheten, dessen Glaube gerade besudelt worden war. »Hast wohl einen an der Klatsche.«
»Nicht schlecht heißt doch ganz gut, aber eben nicht der Oberhammer. Der läuft in vier Tagen im Lichtspielbunker.«
Martin und ich starrten ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»In vier Tagen, habe ich gehört, soll dort der krasseste Scheiß überhaupt laufen. Der Film soll in vierunddreißig Ländern verboten sein. Den zeigen sie den Navy Seals vor Kampfeinsätzen, um sie so richtig abzuhärten. Und – wartet, jetzt kommt‘s – der läuft in ganz Deutschland nur in einem Kino. Für nur eine einzige Vorstellung. Im Lichstpielbunker. Angola-Kai soll ihn im letzten Urlaub unter Einsatz seines Lebens über die vietnamesische Grenze nach Thailand geschmuggelt haben, und von dort in seinem Hintern durch die Flughafenkontrolle zurück nach Deutschland. Und er will ihn in einer Guerillavorstellung ein einziges Mal zeigen und dann verbrennen.«
»In seinem Hintern?«, fragte ich. »Wie soll das gehen? Hat der ’n Arschloch wie ’n Videorekorder.«
Martin und ich brachen in hysterisches Gelächter aus.
»Quatsch, das ist doch ein 16-mm-Streifen, ihr Filmspacken. Der hat den Film zusammengerollt und gefaltet in eine Plastiktüte getan und sich dann hinten reingesteckt. Wie im Knast.«
Wir konnten uns vor Lachen gar nicht mehr einkriegen. Während mir die Spucke nur so aus dem Mund spritzte, brachte ich mühsam hervor: »Na, dann kann der Film ja nur Scheiße sein.«
»Wenn Angola-Kai euch die Geschichte persönlich erzählt hätte, so wie dem Bruder vom Cousin von Karlsson auf dem Dach, dann würdet ihr nicht so ein Gehampel veranstalten.«
Das brachte Martin und mich schlagartig zum Schweigen. Mit Angola-Kai war in der Tat nicht zu spaßen. Der Typ war voll Hardcore. Soll schon im Dschungel gekämpft haben. Als Fallschirmjäger für die NVA in Angola, so wie Otto im Kongo.
»Der Bruder vom Cousin von Karlsson auf dem Dach? Wer soll das denn sein? Der muss doch dann auch der Cousin von Karlsson auf dem Dach sein?«, fragte ich verwirrt.
»Was weiß ich? Jedenfalls ist das Karlsson im Keller. So nennen die den«, meinte Rene.
»Was für ’n Film soll das denn sein«, fragte Martin.
»Im Foltercamp der geschändeten Frauen.«

Der bestialische Gestank von tausend Eierfürzen lag in der Luft. Ein irrer Zausel mit wildem Rauschebart sprang nervös kichernd zwischen blubbernden Reagenzgläsern hin und her. Sein weißer Laborkittel war von zahlreichen Flecken in den unmöglichsten Farben bedeckt und löchrig wie ein Schweizer Käse. Aus dem jüngsten Loch verdampfte ein letzter Rest Säure und auch der Rauschebart wies qualmende Lücken auf.
Es war die erste Stunde an einem Dienstagmorgen: Chemie beim irren Igor, wie der leicht verwirrte Lehrer von seinen Schülern (und auch einigen Kollegen) genannt wurde.
»Wusste du, dass der irre Igor früher Chemiewaffen für Sadam Hussein entwickelt hat?«, fragte ich.
»Geh weg. So‘n Scheiß glaubste doch selber nicht«, antwortet Martin, der mit mir zusammen (wie immer) in der letzten Reihe saß, die sich seit der Verkettung unglücklicher Umstände (wie die Schulleitung diesen Vorfall nannte, der den Klassenstreber Julius Bochte seine buschigen Augenbrauen gekostet hatte), größter Beliebtheit erfreute.
»Mein Nachbar hat uns beim letzten Grillabend erzählt, der Igor wäre früher so ein ganz toller Professor an der Uni gewesen, mit Chancen auf den Nobelpreis usw. Aber dann soll er erwischt worden sein. Hat irgend so ein Kampfgas, das dir das Fleisch von den Knochen ätzt, für den Irak entwickelt. Echt wahr. Deshalb muss er jetzt so Schwachköpfe wie uns unterrichten und soll endgültig den Verstand verloren haben.«
Vom irren Igor unbemerkt, öffnete sich die Tür zum Klassenzimmer und René huschte in geduckter Haltung herein. Er ließ seinen Rucksack auf den Boden sinken und hockte sich mit ernstem Gesichtsausdruck neben uns.
»Na, verpennt? Haste gestern Nacht wieder zu lange gewichst?«, begrüßte Martin ihn, auf seine im eigene charmante Art.
»Quatsch, ich hab den Karlsson auf dem Dach getroffen.«
»Was haste denn da oben gemacht?«, kicherte Martin. Im nächsten Augenblick ertönte weiter vorne ein lauter Knall, kurz darauf das Klappern einer Dose, die auf dem Boden landete.
»Igor und sein Knallgasexperiment«, meinte ich kopfschüttelnd.
»Vergiss den Igor, wir haben ein Problem«, meinte Rene vollkommen ernst. »Karlsson auf dem Dach meint, Karlsson im Keller habe gesagt, dass Angola Kai einen nur in die Vorstellung reinlässt, wenn man ihm einen ultra-krassen Film mitbringt, den er noch nicht kennt. Sonst kannste das Foltercamp knicken.«
»Scheiße. Was soll‘n der Mist.« Seit Rene gestern von dieser legendären Vorstellung im Lichtspielbunker erzählt hatte, war ich ganz aufgeregt und hatte mir bis in die tiefe Nacht hinein in allen blutigen Details vorgestellt, wie die Frauen im Foltercamp geschändet wurden. Das musste der Hammer sein. Diesen Film wollte ich unbedingt sehen – koste es, was es wolle.
»Fuck«, Martin haut mit der Faust auf den Tisch. »Angola Kai kennt doch jeden Scheiß, wie soll‘n wir da ’nen Streifen finden, den der nich kennt?«
»Es soll eine Liste geben«, erwiderte Rene. »Karlsson auf dem Dach meint, Karlsson im Keller weiß, wie wir an die Liste kommen können. Dachkarlsson will uns heute nach der Schule in den Keller mitnehmen.«

Hier geht es zur ganzen Geschichte als Blogseite oder im PDF-Format.

 

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