23.02.2006 Campinas/Brasilien

Da in Brasilien noch Ferien waren, mussten wir die ersten beiden Wochen noch „Urlaub“ machen. Diese Zeit nutzen wir vor allem, um uns mit der Sprache vertraut zu machen. Dies führte auch zu unseren ersten ernsthaften Bedenken bezüglich der Durchführbarkeit unseres Projektes. Denn nach zwei Wochen in Brasilien mussten wir feststellen, dass unser Portugiesisch miserabel war. Dementsprechend schwer gestaltete sich auch der erste telefonische Kontakt mit Corinta Geraldi. Corinta ist die ehemalige Bildungsministerin von Campinas und unsere Kontaktperson zur Favela Parque Oziel. Soleilla meisterte dieses Telefongespräch mit Bravur, nachdem Thomas und ich uns davor gedrückt hatten.

Als es dann von Sao Paulo nach Campinas ging, wurden wir von Daniel – einem Mitglied von Thomas Gastfamilie – begleitet. Er hat uns sehr dabei geholfen, die Wohnung von Corinta zu finden. Dort wurden wir von Prof. Corinta Geraldi und ihrem man Wanderley Geraldi herzlich empfangen. Thomas kam direkt in seine Gastfamilie während Soleilla und ich noch drei weitere Tage die Gastfreundschaft der Geraldis genießen konnten. Wie die meisten Brasilianer sprachen die Geraldis kein Englisch, was die Verständigung teilweise sehr anstrengend machte (überall im Haus wurdne gelbe Post-Its mit den portugiesischen und deutschen Bezeichnungen der beklebten Gegenstände angebracht). Corinta hatte auch bedenken, uns mit unseren mageren Sprachkenntnissen so bald nach Parque Oziel zu schicken. Doch durch unseren engen Zeitplan blieb uns keine andere Wahl. Nach einigen Tagen in unseren Gastfamilien, in denen wir unsere Sprachkenntnisse schon ein wenig verbessern konnten, ging es nach Parque Oziel. Im Folgenden werde ich unsere ersten Tage in der Favela durch meine Tagebucheinträge schildern, da ich denke, dass so meine ersten Eindrücke authentischer wirken.

Der Blick aus der Penthousewohnung der Geraldis auf Campinas. Nachts konnte ich die Dealer unten im Park bei ihrer Arbeit beobachten.

Donnerstag 23 Feb. 2006 Campinas/Brasilien

Nach dreieinhalb Wochen Urlaub nimmt unser Projekt nun erste Formen an. Denn heute betraten wir zum ersten Mal die Favela Parque Oziel. Zusammen mit der stets hektischen, drei Sachen gleichzeitig machenden Corinta Geraldi fuhren wir mit einem Taxi nach Oziel. Brasilien hat im Süden des Landes, und dazu gehört auch der Staat Sao Paulo mit Campinas, eine hervorragende Infrastruktur mit gut ausgebauten und breiten Straßen. Durch eben diese Straßen, die rechts und links, von zahlreichen Hochhäusern umgeben sind, fuhren wir Richtung Slum; und betraten dort eine völlig andere Welt. Als wenn wir durch ein Portal gefahren wären, das in eine andere Dimension führt, wurde plötzlich aus der grauen asphaltierten Straße, eine rotbraune, zu beiden Seiten von Müll und Baracken umgebene „Straße“. Dazu kommt noch, dass die Favela nicht auf einer flachen Ebene gebaut worden war, sondern in einer hügeligen Umgebung. Die von Regen und Abwässern überspülten Straßen weisen dadurch teilweise enorme Steigungen auf. Es hätte mich nicht gewundert, wenn das Taxi stecken geblieben wäre. Und es war noch ein Tag, an dem es wenig geregnet hat. Nach einem Tag Dauerregen müssen die Straßen unpassierbar sein. Nach einer durchrüttelnden Fahrt sind wir im Zentrum dieser für uns so fremden Welt angekommen.

Dem Büro des Canario. Der Canario ist so etwas wie der Bürgermeister des Viertels. Ein stämmiger Farbiger mit einem konsequenten Händedruck und einem eloquenten Auftreten.
Im PAF (Projeto para o futuro) dem Gemeindezentrum (wohl eher Jugendzentrum) haben wir als Erstes den Computerraum besichtigt, den zwei Siegener Dozenten gespendet hatten. Dort präsentierte Corinta dem Canario ein Video von einem Benefizkonzert, das von Thomas Thewes und Andreas Unverzagt zugunsten von Parque Oziel im VEB in Siegen organisiert worden war. Darauf folgte ein bisschen Smalltalk. Danach ging es zum Fußballplatz, wo uns der Canario die heimischen Pflanzen zeigte. Auf dem Sportplatz fand gerade ein Fußballtraining von einer Gruppe von Kindern statt.
Das Erste, was einem in Parque Oziel auffällt, ist der Gestank. Denn Abwässer und Müll landen direkt auf der Straße. Wem das nicht auffällt, sind die Kinder, denn für sie ist es die gewohnte Umgebung.

Zurück nach Campinas ging es dann mit dem Bus. Der tatsächlich durch diese unwegsamen Straßen fährt.

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