Der Glaspalast – Amitav Ghosh

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Auf den ersten einhundert Seiten führen die Briten schon Krieg gegen ein Königreich, stürzen den Herrscher, verbannen dessen Familie ins Exil und führen dramatische Veränderungen im Leben der Bürger herbei. Aber so richtig gepackt hat mich der Roman, als Ghosh über mehrere Seiten atemberaubend beschreibt, wie Teakholzstämme in den Bergen Birmas geerntete und dann über reißende Flüsse nach Rangun transportiert werden.

Leider schildert er ebenso plastisch und schockierend, wie die Holzfäller und deren Elefanten mit den tödlichen Folgen von Anthrax, also dem Milzbranderreger, zu kämpfen haben, der in den Gräsern Birmas lauert. Trotz des durchaus romantisch angehauchten Grundplots also kein Buch für schwache Nerven.

Myanmar (wie es heute heißt) ist vor allem für sein Militärregime berüchtigt, welches das Land über Jahrzehnte von der Außenwelt abgeschottet hat, wenn auch nicht ganz so stark wie Nordkorea. Die einzige bekannte Birmanin ist Aung San Suu Ky, die von der Junta für 15 Jahre unter Hausarrest gestellt worden war, zuletzt mit ihrer Partei die ersten freien Wahlen gewann und sich jetzt mit den Militärs arrangieren muss, um das Land behutsam in Richtung Demokratie zu führen. Gleichzeitig wird von der buddhistischen Regierung weiterhin ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung – gegen die Rohingya – geführt, den man durchaus als Völkermord bezeichnen kann.

1885 sah es in der Region noch ganz anders aus. Myanmar war ein Königreich und hieß Birma/Burma, Thailand hieß Siam, Sri Lanka Ceylon und Pakistan, Bangladesch und Indien waren ein Land unter britischer Kolonialverwaltung, das vor allem durch die Ostindien-Kompanie ausgebeutet wurde. Und genau darum ging es auch beim Sturz des Königs von Birma, man wollte die Teakholzvorkommen ausbeuten.

Amitav Ghosh erzählt vom Schicksal der Königsfamilie und einiger Untergebenen, die gezwungen wurden, in einer indischen Provinz ins Exil zu gehen, um dort ein recht trostloses Leben in einem goldenen Käfig zu führen, der mit der Zeit immer mehr verschmutzte und verfiel. Der Roman erzählt aber nicht nur vom Abstieg, sondern auch vom Aufstieg des jungen Inders, Rakujmar, der in Birma teilweise im Schatten der Mauern des Glaspalastes aufwächst und in der Nacht der Entmachtung eine schicksalshafte Begegnung macht. Und er erzählt die Geschichte von Dolly, die als Kindermädchen der Prinzessin von Birma die letzten Tage im Glaspalast miterlebt und während der Flucht aus Mandalay ebenfalls eine schicksalshafte Begegnung macht.

Der Glaspalast ist eine opulente, epische Familiengeschichte, die sich über mehr als ein Jahrhundert erstreckt, und mit teils komplexen Verwandtschaftsverzweigungen und zahlreichen Protagonisten auch viele politische Entwicklungen, vor allem in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg abdeckt. Etwas verwirrt bin ich darüber, dass die eigentliche Hauptfigur Rajkumar, der während seiner Jugendzeit und im hohen Alter eine wichtige Rolle spielt und den Rahmen für das Buch liefert, während seines Aufstiegs als Geschäftsmann so wenig betrachtet wird und zur Nebenfigur verkommt. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt an diesem komplexen, exotischen, epischen und auch dramatischen Meisterwerk, das sich in der deutschen Übersetzung von Sabine Maier-Längsfeld ganz hervorragend liest.

Wer sich nur halbwegs für die Geschichte Birmas und Indiens zur Zeit der britischen Kolonialregierung interessiert, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen. Für mich ein heißer Kanditat auf mein Buch des Jahres.

Ein Gedanke zu “Der Glaspalast – Amitav Ghosh

  1. klingt wirklich sehr interessant

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