Februar 2006: Die erste Woche in Brasilien

In Brasilien läuft nichts so wie geplant. So zumindest meine Erfahrung, und die derjenigen, mit denen ich mich darüber unterhalten habe. Es läuft nicht wie geplant, aber irgendwie läuft es dann doch – das nennt man dort „chichino“ (wird das so geschrieben?). Mit Tricks, Beziehungen und Einfallsreichtum bekommt man es auf Umwegen doch irgendwie hin.

Für uns lief in den ersten Wochen in Brasilien auch nichts wie geplant. Was nicht unbedingt eine schlechte Erfahrung war, aber eine, die uns zu dem Zeitpunkt einige Nerven gekostet hat. Bis dahin hatte ich gedacht, dass ich eher der locker lässige Typ bin, zu dem die entspannte Lebenshaltung der Brasilianer perfekt passt. Doch zu meinem eigenen Erstaunen musste ich feststellen, wie viel Wert ich auf vermeintlich deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Planbarkeit lege. In diesem Fall traf das Klischee, sich selbst während eines Auslandsaufenthalts zu entdecken, durchaus zu.

Nach zwei Tagen in der für uns neuen Welt haben wir irgendwie erfahren, dass sich unsere Kontaktperson in Campinas, die Professorin und ehemalige Bildungsministerin, Corinta Geraldi noch im Urlaub befand – und zwar für ganze zwei weitere Wochen! Im Prinzip waren wir also zwei Wochen zu früh nach Brasilien geflogen. Gleichzeitig wollte unser Gastgeber Phillip (siehe voriger Bericht) Thomas und mich loswerden. Zu unserem Glück war Badah so freundlich, uns alle drei bei sich in seiner kleinen Wohnung aufzunehmen – was ich ihm nie vergessen werde. Es muss für ihn unglaublich anstrengend gewesen sein, gleich drei Deutsche auf engstem Raum auf unbestimmte Zeit zu beherbergen.

Auch wenn wir viel Spaß mit Badah hatten, wollten wir ihm das auf Dauer nicht zumuten, denn seine komplette Freizeit ging dafür drauf, uns zu bespaßen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, als er uns ins Sambódromo von Sao Paulo mitgenommen hat, wo Arbeitskollegen von ihm an der Probe des Karnevalsumzugs teilnahmen. Ja, wir waren zum Karneval in Brasilien, aber mehr als diese Probe habe ich nicht mitbekommen (Thomas hat Fotos von einem Karnevalsumzug gemacht).

Wir haben uns jedenfalls entschieden, Badahs Gastfreundschaft nicht zu überstrapazieren, und die Zeit zu nutzen, um etwas vom Land zu sehen. Dieser dicke und ausführliche Reiseführer (siehe Foto) war für die Planung der Reise Gold wert. Dank seiner wertvollen Informationen sind wir immer überall ohne größere Schwierigkeiten angekommen und haben stets eine Unterkunft bekommen.

Ein Geschenk meiner Eltern.

Ein Geschenk meiner Eltern.

Eine Woche ist nicht viel Zeit, um dieses riesige Land zu erkunden, wir mussten uns also einschränken und haben uns für eine der größten Touristenattraktion des Landes entschieden: Foz do Iguaçu. Dieses Ziel war von São Paulo aus mit dem Bus noch halbwegs erträglich zu erreichen. Die Reisezeit betrug ca. 16 Stunden (könnte auch mehr gewesen sein). Wir sind irgendwann nachmittags in São Paulo losgefahren und am nächsten Morgen um ca. 7.00 Uhr angekommen.

Hier machen wir einen ersten Zwischenstopp im letzten Tageslicht. Ich habe mir ein Teilchen mit Fleischfüllung gekauft, das mir nicht wirklich geschmeckt hat.

Foto von Thomas Gruner

Foto von Thomas Gruner

Die Busfahrt war lang, vor allem, da ich im Bus nicht schlafen kann, aber wir machten immer wieder Halt, was uns die Möglichkeit gab, auf Toilette zu gehen und die Beine zu vertreten. An diesen Raststätten sind ganz schön viele Busse unterwegs, und manche von der gleichen Firma wie unserer. Als ich nach einem dieser Toilettengänge zurückkam, in den Bus einstieg und mich auf meinen Platz setzen wollte,dauerte es dank der abgedunkelten Beleuchtung und der größtenteils schlafenden Passagiere, bis ich merkte, dass ich in den falschen Bus eingestiegen war! Also schnell rausgeflitzt und mit einem ansteigenden Panikgefühl den richtigen Bus gesucht, was sich als gar nicht so einfach rausstellte, da es mehrere gab, die genau gleich aussahen. Irgendwie habe ich es dann noch rechtzeitig geschafft, bevor er ohne mich losgefahren wäre, denn Thomas und Lea haben fest geschlafen.

Im nächsten Reisebericht erzähle ich dann von den Wasserfällen (dazu gibt es auch tolle Fotos).

Da in meinen Aufzeichnungen von damals eine Lücke zwischen dem ersten Tag in Brasilien und dem Beginn des Projektes in Campinas klafft, gibt es bis zum 27. Februar nur Berichte, die ich jetzt erst verfasst habe. Die wirken natürlich nicht mehr so unmittelbar und authentisch, da ich inzwischen vieles vergessen habe.

Ein Gedanke zu “Februar 2006: Die erste Woche in Brasilien

  1. Umso spannender ist es zu sehen, was noch hängengeblieben ist, oder nach Jahren des Vergessens wieder zum Vorschein kommt. 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s