27. Januar 2006: Ein Rückblick auf das Land der Zukunft

27. Januar 2006:

Wenn ich, während ich diese Zeilen schreibe, aus dem Fenster blicke, sehe ich vor allem Weiß. Weiße, von Schnee bedeckte Dächer, weiße Straßen und weiße Wiesen. Weißer Schnee, der einen Eindruck von Unschuld hinterlässt und der asphaltierten Landschaft einen Hauch von Unberührtheit verleiht. Die zentimeterlangen Eiszapfen, die vor meinem Fenster hängen, zeugen von den frostigen Temperaturen, die momentan hier Deutschland herrschen. Und während ich all dies betrachte, bildet sich ein Schmunzeln auf meinem Gesicht, in der Gewissheit, dass diese winterliche Pracht für mich in drei Tagen vorüber ist. Denn am Montag in aller Frühe startet der Flieger, der mich zusammen mit Thomas und Lea nach Brasilien bringt – mitten hinein in einen Sommer, der uns sicher jeden Gedanken an Eiszapfen absurd erscheinen lassen wird.

Die letzten Reisevorbereitungen sind getroffen, und wir leben in Gedanken schon halb in einer anderen Welt. Letzten Sonntag haben wir kurzfristig entschieden, uns doch gegen Gelbfieber impfen zu lassen. Was noch einmal zu montäglichem Stress führte, da man sich normalerweise mindestens zehn Tage vor Reiseantritt impfen lassen sollte.

Wie sind wir eigentlich dazu gekommen, ein Praktikum in Brasilien zu machen? Ich kann die Frage an dieser Stelle nur für mich beantworten. Bereits in meinem ersten Semester an der Universität Siegen bin ich in einem Seminar bei Herrn Fichtner gelandet, der dort reichlich Werbung für Praktikumsmöglichkeiten in Brasilien machte. So stand bereits in meinem ersten Semester für mich fest, dass ich ein ebensolches Praktikum machen möchte. Es dauerte dann weitere fünf Semester, bis der Plan langsam handfest wurde. Freundlicherweise vermittelte mir Herr Fichtner Kontakt zu Thomas und Lea, mit denen ich mich auf Anhieb gut verstand. Das ist auch enorm wichtig für ein solches Projekt. Das Projekt selbst nahm im Verlauf des Sommers 2005 Gestalt an, bis wir dann im Oktober die Flüge gebucht haben. Da ein solcher Flug nicht gerade billig ist, ist es sinnvoll beim Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) einen Fahrtkostenzuschuss zu beantragen. Dafür braucht man Folgendes:

  • Ein abgeschlossenes Grundstudium (wie das bei den Bachelors läuft, weiß ich nicht)
  • Eine Bescheinigung der Heimatuniversität darüber das man ein deutscher Student ist
  • Ein Sprachzeugnis (DAAD Vordruck)
  • Eine Bescheinigung des Fachbereiches über die Anerkennung des Praktikums
  • Eine Bestätigung der ausländischen Institution, bei der das Praktikum gemacht wird
  • Eine Kurzdarstellung des Praktikums
  • Ein Gutachten eines Dozenten über die eigene Person
  • Das Praktikum muss mindestens 60 Kalendertage dauern

Bei der einen oder anderen Voraussetzung lässt sich sicher auch etwas tricksen. Nicht dass wir das getan hätten, aber möglich ist es bestimmt. Was das Sprachzeugnis angeht – da muss man einfach jemanden finden, der den Vordruck des DAAD ausfüllen kann. Ich kann von mir jedenfalls nicht behaupten, fließend Portugiesisch zu sprechen. Noch nicht. Man sollte sich von diesen Formalitäten keinesfalls abschrecken lassen, wer ein Praktikum im Ausland machen möchte, der wird dies mit genügend Motivation auch schaffen. Für uns sind die Kontakte, die Herr Fichtner nach Brasilien hat, eine sehr große Hilfe. Denn dank seiner Unterstützung haben wir bereits eine Unterkunft für die ersten zwei Wochen in Sao Paulo und auch für die restliche Zeit in Campinas (Nachtrag von 2016: Ha ha, von wegen, vor Ort mussten wir feststellen, dass dem ganz und gar nicht so war. Das führte noch zu einigen chaotischen Wochen, bis wir endlich eine ganz tolle Gastfamilie hatten). Und durch die Zusammenarbeit mit Herrn Fichtner konnten wir uns auch schon ein wenig auf die brasilianische Mentalität einstellen.

Nachdem sämtliche formalen Hürden von uns überwunden wurden, heißt es nun, die letzten frostigen Tage im heimischen Winter zu genießen. Am Montagmorgen fliegen dann drei hoch motivierte Siegener Studenten ins Land des Kaffees, Sambas und der Strandschönheiten. Brasilien, Land der Zukunft, wir kommen.

 

Hier einige Winterfotos, die sicher einen netten Kontrast zu den kommenden Fotos aus Brasilien bilden werden:
Hier könnt ihr mich bei meiner Lieblingsbeschäftigung für diesen Winter sehen:

Der Mann mit der Schneeschaufel

Siegen mit Schnee:

Blick aus meinem ZImmer im Studentenwohnheim

Aber was hat Jean Claude Van Damme mit der ganzen Sache zu tun?

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Diesen Bericht habe ich vor genau zehn Jahren auf der von mir eigens für unser Projekt eingerichteten Seite Parque-Oziel.de (die es schon lange nicht mehr gibt) online gestellt. Ursprünglich wollten wir während unseres Projektes in Brasilien regelmäßig auf dieser Seite Bilder und Berichte hochladen, was aber aus technischen Gründen nicht funktioniert hat. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums unseres Projektes werde ich hier in den nächsten zwei Monaten regelmäßig Berichte und Tagebucheinträge einstellen, die am Tag genau vor zehn Jahren verfasst wurden. Einige Blogleser mögen das Projekt schon aus der von mir hier veröffentlichten Diplomarbeit kennen, aber diese Berichte sind deutlich persönlicherer Natur.

Die Fortsetzung folgt am 30. Januar.

2 Gedanken zu “27. Januar 2006: Ein Rückblick auf das Land der Zukunft

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