Ich erzähl dir jetzt mal die Geschichte von meiner ersten Freundin (Kurzgeschichte)

Meine zweite Kurzgeschichte (neben Stadt der Zähne), die ich hier im Blog veröffentliche. Ich will versuchen, eine pro Monat zu bringen, weiß aber nicht, ob ich diesen Rhythmus auch halten kann. Es ist auf jeden Fall ein guter Ansporn, um Geschichten auch fertiggeschrieben zu bekommen, ohne dass man noch ewig daran herumdoktert.

Ich weiß, kein Mensch liest Kurzgeschichten, schon gar nicht im Internet, auf einem Blog von einem unbekannten Autor. Mir geht es vor allem darum, kontinuierlich zu schreiben, mich auszuprobieren – thematisch wie stilistisch, um irgendwann ein passendes Thema und einen Stil für einen Roman zu finden. Angefangen habe ich schon einige, aber über hundert Seiten bin ich (aus verschiedenen Gründen) noch nicht gekommen.

Anders als Stadt der Zähne ist diese hier jugendfrei, optimistisch, frei von Zynismus und Sex, dafür aber leicht kitschig. Es geht einfach um einen Mann, der den Sohn seiner Freundin aus der Schule abholen soll, damit er mit ihm einen Nachmittag verbringen kann, um ihn besser kennenzulernen. Was natürlich nicht so verläuft, wie geplant, da der Junge schon stinksauer ins Auto steigt, weil er einen Scheißtag hatte.

Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob es eine funktionierende Geschichte ist, oder zu viel Moralpredigt und Gelaber. Deshalb bin ich für jegliches Feedback dankbar (gilt auch für Stadt der Zähne, zu der es schon ein paar Rückmeldungen gab). Ich gehöre übrigens zur seltenen Spezies von Menschen, die mit Kritik gut umgehen können, und nicht sauer werden, wenn man ihnen begründet, warum einem was nicht gefallen hat. Wer Lust hat oder einen Grund zum prokrastinieren braucht, kann ja mal reinlesen.

Hier geht es zur kompletten Geschichte als Blogseite. Und hier als PDF. An Mobi und Epub arbeite ich noch, da WordPress diese Dateitypen nicht zum hochladen erlaubt. Muss erst mal rausfinden, wie man das umgehen kann (dass es geht, weiß ich). Wie schon bei meiner letzten Kurzgeschichte weise ich darauf hin, dass sie weder ein Lektorat noch ein Korrektorat durchlaufen hat und auch nicht gesetzt wurde. Ach ja, sie hat 15 Normseiten bzw. 23.000 Zeichen.

Hier der Anfang:

Ich erzähl dir jetzt mal die Geschichte von meiner ersten Freundin

Von Markus Mäurer

Mit Kindern und Jugendlichen bin ich immer gut klargekommen. Aber das hier ist anders. Hier stehe ich jetzt, in der nicht endenden wollenden schwarzen SUV-Soccer-MILF-Schlange der örtlichen High Society und warte darauf, jeden Moment von der Security überwältigt zu werden, obwohl ich auf der Liste stehe und ein Formular dabei habe, dass ich berechtigt bin, Tappie aus der Schule abzuholen – zum ersten Mal.
Auf einer normalen Schule dürfte er es schon schwer haben, aber hier unter diesen ganzen reichen Schnöseln, musste es die Hölle sein. So stelle ich es mir zumindest mit meinem durch Beverly Hills 90210 und Freaks and Geeks gefüttertem gefährlichen Halbwissen vor. Wo ich zur Schule gegangen bin, gab es keine Jocks, Nerds, Bullys und ähnlich starre Klassifizierungen. Eigentlich schade, denn dafür, dass ich im Basketballteam meiner Schule gespielt habe, hat sich keine Sau interessiert.
Wildes Gehupe und eine schrille Stimme lassen mich bemerken, dass die Schlange inzwischen weitergerückt ist. »Beweg deinen Arsch, du Penner«, ist hier der höfliche Hinweis, doch bitte mit dem Auto weiter vorzufahren.
Ich finde es ja etwas merkwürdig, Fünfzehnjährige jeden Tag persönlich in die Schule zu bringen und abzuholen, aber in einem hysterischen und von Angst getriebenen Land, in dem Kinder, die allein unterwegs sind, von der Polizei aufgegriffen werden, die dann direkt mit dem Jugendamt bei den Eltern anrückt, hält man sich besser an die Regeln.
Ich halte nach Tappie Ausschau. Durch eine genetische Fehlbildung hebt er sich mit seinem dünnen Haar, dem leicht verformten Kopf und den wenigen Zähnen deutlich von seinen Mitschülern ab. Das ist die gleiche Störung, wie bei dem Schauspieler Michael Berryman, dem er aber nicht wirklich ähnelt. Ansonsten ist Tappie ein ganz normaler und cooler Teenager, sofern ich alter Sack das noch beurteilen kann.
Heute fällt er mir aber besonders auf, weil er zielstrebig mit gesenktem Kopf auf meinen Wagen zugeht, dabei nicht auf die anderen achtet und ein ziemlich griesgrämiges Gesicht zieht. Wortlos steigt er ein, blickt stur gerade aus, tut, als wäre ich ein Robotchauffeur oder so, dem zwischenmenschliche Interaktionen am Arsch vorbeigehen. Ich bleib gelassen, sage kurz »Hi« und fahre schweigend los, bevor mich die hupende Meute hinter mir lyncht.
In den Straßenverkehr einfädelnd, breche ich endlich das Schweigen. »Also Mann, was ist los?«
Er zögert kurz, überlegt wohl, ob er die Schweigenummer konsequent durchziehen soll, legt dann aber zu meiner Überraschung wütend los.
»Die Anderen in der Schule hassen mich alle. Für die bin ich der Freak. Der Mongo. Heute hab ich Joslyn gefragt, ob sie mit mir zum Schulball geht. Mum hat mich dazu gedrängt. Hat gesagt, ich muss mich trauen, muss Mut haben, dann kann ich alles schaffen. Mann, was für ein Scheiß. Alles schaffen, am Arsch. Erst schleppt sie mich in dieses durchgeknallte Land, und dann zwingt sie mich auf diese Schule mit den ganzen reichen, verwöhnten Pissern. Mann, ey, dafür hasse sie. Hätte ich doch nie auf Mum gehört. Jetzt bin ich endgültig der letzte Volldepp.«
»Was ist den passiert?«
»Was passiert ist? Was soll schon passiert sein. Die haben mich natürlich alle ausgelacht. Scheiße. Das war das letzte Mal, dass ich mich von Mum zu so was überreden lasse.«
Oh Mann, da habe ich ja genau den richtigen Tag erwischt. Ich weiß genau, wie er sich jetzt fühlt. Das war es dann mit dem coolen Nachmittag unter Kumpels.
Den Rest der Fahrt schweigen wir, er blickt deprimiert aus dem Fenster und ich zermartere mir das Gehirn, wie ich die Lage vielleicht noch retten kann. Bei ihm zuhause angekommen läuft das übliche Prozedere ab, dass man aus so vielen amerikanischen Teenagerfilmen kennt: Autotür zuknallen, Haustür aufstoßen, Rucksack in die Ecke schmeißen, die Treppe hochstampfen, Tür zuschlagen und kurz darauf bringt Slipknot die Zimmerdecke zum Beben.
Ich setze mich erst mal auf einen der Hocker am Tresen der Wohnküche, stütze mein Kinn auf die rechte Hand und seufze tief. Als Sozialschwurbler wüsste ich jetzt eigentlich, was zu tun ist. Aber das hier ist privat, das ist anders. Da kann ich nicht als Jesuslatschen-Laberer auftreten. Ist eh nicht mein Ding. Bin mehr der Typ Arschtrittpädagoge. Aber das funktioniert auch nicht immer.

Hier geht es zur kompletten Geschichte.

2 Gedanken zu “Ich erzähl dir jetzt mal die Geschichte von meiner ersten Freundin (Kurzgeschichte)

  1. Gute Geschichte – ich kenne sie schon und kann die Lektüre empfehlen!

    • Danke Frank. Ich habe sie an ein, zwei Stellen deinem Ratschlag folgend noch verändert. Ein paar Wortwiederholungen ausgemerzt, ein paar Tippfehler beseitigt und fehlende Wörter ergänzt.

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