Die Antwoord – $O$ (Rezension)

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Erklärung: Ich bin weder Musikjournalist noch Musiker, habe also keine Ahnung von dem, worüber ich hier schreibe. 🙂

Als sich Die Antwoord 2009 zu einem Internetphänomen entwickelt haben, hatte ich das zwar irgendwie am Rande mitbekommen, mich aber nicht näher damit beschäftigt und mir auch keine der Videos angesehen, da ich in diesem Jahr damit beschäftigt war, sehr kurzfristig eine Wohnung in Berlin zu finden, um dort mein Zweitstudium der nutzlosen Künste an der Freien Universität zu beginnen.

Es hat dann ganze sechs Jahre gedauert, bis auch ich endlich mitbekam, was für eine tolle Band das ist bzw. was für tolle Künstler da am Werk sind. Das ist erst vier Wochen her und die Videos der Band aber auch die Musik haben mich völlig umgehauen. Damit man meinen Musikgeschmack etwas einordnen kann, habe ich hier eine Liste mit meiner Lieblingsmusik erstellt. Wie man an der Liste sieht, sind da wenige Künstler dabei, die erst im neuen Jahrtausend mit dem Musizieren begonnen haben – ich bin vor allem durch meine Jugendjahre in den 90ern geprägt. Das meiste neue Zeug kommt mir wenig originell vor und kann mir nur wenig bieten.

Aber Die Antwoord gelingt es bekannte Elemente (White-Trash-Klischees, Eurodance, Hip-Hop, Rave usw.) zu einer sehr eigenwilligen und höchst kreativen Mischung zu kombinieren, angereichert mit ihrem sogenannten Zef-Style, dem Afrikaans-Akzent und weiteren südafrikanischen Einflüssen. Auf den ersten Blick bin ich auf diese White-Trash-Attitüde reingefallen und habe geglaubt, da hätten die südafrikanischen Flodders tatsächlich ihr musikalisches Talent entdeckt. Beschäftigt man sich aber etwas näher mit Watkin Tudor Jones (Ninja) und Anri de Tout (Yo-Landi Vi$$er), merkt man schnell, dass es sich hier um ein cleveres Kunstprojekt handelt bzw., dass man zumindest als ein solches gestartet ist. Denn so etwas hält man keine sechs Jahre in dieser Intensität durch, ohne es nicht auch ein Stück zu leben. In einem Interview mit Mother Jones sagt Ninja, dass er aufhören wollte, clever Witze zumachen, um stattdessen etwas Ehrliches zu tun. Ist ja auch ganz egal, was hinter dem Projekt steckt, was zählt, sind die Musik, die Videos und das Auftreten. Das ist Unterhaltung und Kunst.

Ninja und Yo-Landi haben es schon zuvor mit diversen anderen Projekten versucht, wie z. B. The Original Evergreen oder Max Normal.TV, bei dem Ninja im Anzug seine Kapitalismuskritik gerappt hat, während Yo-Landi dazu eine Powerpointpräsentation vorführte.

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Hört man sich das Debütalbum $O$ genauer an, merkt man schnell, dass da deutlich mehr Substanz hintersteckt, als das erste Video Zef Side vermuten lässt. Das Album war zunächst kostenlos auf der Homepage der Band erhältlich (oder war das die EP 5, da bin ich mir jetzt nicht sicher), dann schloss man einen Deal mit Interscope/Universal, der vor Erscheinen des zweiten Albums Tension rückgängig gemacht wurde. Inzwischen erscheinen alle Alben im von Die Antwoord selbst gegründeten Label ZEF-Records (verbessert mich, wenn ich hier falsch liege).

 

Nach einem disharmonischen Intro und dem schrägen Refrain beginnt der erste Song In Your Face mit einem knalligen, treibenden Beat, zu dem bald die eigenwilligen und von einem starken Afrikaans-Akzent geprägten Raps von Yo-Landi einsetzen. Trotz des etwas nervig verzerrten Refrains und den nicht weniger nervigen Rapeinlagen durch Ninja, ein kraftvoller, wenn auch nur begrenzt eingängiger Einstieg in das Album, in dem es vor allem um die Bandmitglieder selbst geht, und wie sie sich mit den Jahren verändert haben, verpackt in eine prollige Selbstdarstellung (wie es sich für richtigen Gangsta-Rap gehört).

Lied Nummer zwei ist dann schon direkt der große Hit, mit dem Die Antwoord weltweit bekannt wurde: Enter the Ninja. Die ersten zehn Sekunden haben mich schon direkt mit ihrem nach einem Theremin klingenden Sound gepackt, bevor es dann mit einem bombastischen Elektroorgelsound in einer einfachen Akkordfolge weitergeht (bin kein Musiker, verbessert mich, wenn ich hier falsch liege). Danach setzt auch schon der Ohrwurm-Refrain mit Yolandis Schulmädchenstimme ein, den sich Die Antwoord bei Smile.dks Dance-Nummer Butterfly ausgeborgt haben (woraus sie auch kein Geheimnis machen). Und dann geht es auch schon mit Ninjas schnellen Raps los, die er in diesem Song wirklich perfekt hinbekommen hat. Hier stimmt einfach alles: der Flow, die Rhymes, der Rhythmus in Verbindung mit der Musik und die Tempiwechsel. Inhaltlich wird hier eine leicht klischeehafte White-Trash-Biografie eines Underdogs gestrickt, der sich selbst für einen Ninja hält bzw. das Bild aus den Ninja-Filmen der 80er (American Fighter) als Vorbild für seinen Lebensstil nimmt und damit trotz aller Widerstände erfolgreich geworden ist. Enter the Ninja ist einer dieser Songs, den eine Band nur einmal im Leben schreibt, ganz gleich, wie viele tolle Lieder noch folgen. Wie Creep von Radiohead, Yesterday von den Beatles, Piano Man von Billy Joel, Loser von Beck, Tribute von Tenciuos D usw. Nicht, dass ich Enter the Ninja, mit diesen Songs auf eine Stufe stellen würde, es soll nur verdeutlichen, wie das Lied im Gesamtwerk der Band einzuordnen ist. Enter the Ninja ist übrigens ein trashiger Ninja-Film aus dem Jahr 1981 von Cannon (deren Filme ich als Kind geliebt habe) mit Franco Nero, der für das Studio so etwas wie einen Durchbruch bedeutete.

Wat Kyk Jy (vermute mal, das heißt so was wie »Was guckst du«) beginnt als Technonummer mit als Parolen gerufenen Lyriks auf Afrikaans, gefolgt von in lässigem Tonfall gesprochenem Text von Ninja. Habe ich als eher mittelmäßig empfunden, da das Gelaber von Ninja eher nervt.

Weiter geht es mit dem besten Song des Albums. Bei Evil Boy passt die Kombination aus Inhalt, Musik und Präsentation perfekt. Es handelt sich um eine seltene Kooperation mit dem jungen südafrikanischen Rapper Wanga. Anders als es auf den ersten Eindruck im Video wirkt, wo der in Xhosa gerappte Teil von Wanga untertitelt ist, geht es nicht gegen Homosexualität, sondern gegen den Ritus der Beschneidung bei jungen Männern, die unter solchen Umständen stattfinden (Küchenmesser, keine Desinfektion usw.), dass jährlich dutzende an den Folgen von Infektionen sterben. Es heißt, die Beschneidung würde sie zu echten Männern machen, die nicht schwul werden, die nicht evil boy for life bleiben. Und genau gegen diesen Glauben richtet sich das Lied, und macht sich lustig über die Penisfixiertheit einer extrem homophoben Gesellschaft. Die von Diplo produzierte kraftvolle und abwechslungsreiche Musik ist erstklassig und hat mich richtig in den Song reingezogen.

 

Das von einem Xylophonsound und einem catchy Beat durchzogene Rich Bitch ist ein weiterer super Song auf dem Album, in dem Yo-Landi ganz alleine rappen und sich über reiche Upper-Class-Ladys lustig machen darf, die es aus der Armut zu Wohlstand geschafft haben. In Anbetracht ihrer Geschichte und einigen Äußerungen in Interviews scheint da aber durchaus Autobiografisches drin zu stecken, wenn sie z. B. rappt: I was a victim of a kak situation; Stuck in the system; With no fokken assistance und dass sie das Geld an der Kasse abzählen musste, womit das Lied trotz des Parodie-Charakters ernste Töne anschlägt. Musikalisch ist das Stück nicht gerade außergewöhnlich, dem Text aber angemessen und eingängig.

Fish Paste ist ein üblicher Angeberrap, in dem man den Hatern den Mittelfinger zeigt, behauptet der Coolste mit dem Längsten zu sein und einige Leute namentlich disst. Musikalisch ganz ordentlich. Ninja setzt leider wieder seine nervige Genervt-Stimme ein.

Scopie überzeugt mit einem eingängigen Refrain, Videospielsounds und minimalistischen Beats. Enthält viel Afrikaans, versauten Text und Ninja klingt wieder leicht genervt, aber irgendwie passt es hier. Ist kein Übersong, aber hat was.

Beat Boy, dessen Video wohl zur Bekanntheit der Band und ihrem White-Trash-Image beigetragen hat (allerdings nur einen kurzen Auszug aus dem Song enthält), ist eigentlich nicht schlecht, nervt aber auf einer Laufzeit von acht Minuten nach der Hälfte mit seiner Monotonie. Der Text ist auch wieder ziemlich versaut, pornographisch mit spirituellen und BDSM-Bezügen und könnte manchen Hörer leicht verstören. Meines Wissens nach, hat Ninja Teile davon auch schon auf einem früheren Soloalbum verwendet, und es passt auch nicht so recht zum Rest.

Never make a pretty woman your wife, heißt es in She makes Me a Killer, in dem es um Eifersucht und durchgeknallte Tussen mit Ansprüchen geht – zumindest aus seiner männlichen Macho-Sicht. Musikalisch gefällt es mir mit seiner dramatischen Inszenierung, textlich allerdings weniger, auch wenn es wohl eine ironische Kritik an dieser männlichen Sichtweise auf Frauen ist. Yo-Landi ist an dem Song übrigens nicht beteiligt.

Zum schrägen und völlig aus der Reihe tanzenden Party/Saufsong Doos Dronk in Kooperation mit Jack Parow und Francois Van Coke, fällt mir nicht viel ein, es hört sich an wie eine Mischung aus Seemannslied und Gogol Bordello. Bei dieser Liveperformance des Songs ist vor allem interessant, wie viel tiefer und aggressiver sich die Stimme von Yo-Landi im Vergleich zu den anderen Liedern anhört. Das Lied wirkt live auch deutlich besser als auf dem Album.

Zum Abschluss gibt es mit $O$ noch ein stimmungsvolles und eingängiges Instrumentalstück von DJ Hi-Tek

Mit diesem Album ist Die Antwoord ein eindrucksvolles Debütalbum gelungen, das zwar einige mittelmäßige Stücke enthält, insgesamt aber mit einigen herausragenden Songs wie Enter the Ninja und Evil Boy sowie großem Abwechslungsreichtum punkten kann. Der hohe Anteil an Afrikaans verleiht dem Ganze vor allem dank Yo-Landis bezauberndem Akzent eine exotische Note für Hörerinnen und Hörer, die sonst vor allem an englischsprachige Musik gewöhnt sind.

Listen and be happy.

 

Demnächst folgt hier die Besprechung des zweiten Albums Ten$ion.

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