„Orakelknochen – Ein Zeitreise durch China“ von Peter Hessler

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10 Jahre lebte der Journalist Peter Hessler in China. Angefangen hatte das alles mit dem Friedenskorps, dem er beigetreten war, um in der chinesischen Provinz (in Fuling) Englisch zu unterrichten und Chinesisch zu lernen.

DAS Chinesisch gibt es nicht. In China werden viele Sprachen gesprochen, was man aber in der Regel meint, ist Hochchinesisch oder Mandarin, das als offizielle Landessprache gilt. Trotzdem werden in den vielen unterschiedlichen Provinzen unterschiedliche Dialekte und Sprachen gesprochen, was für die unzähligen Wanderarbeiter, die in die Metropolen und Sonderwirtschaftszonen wie Shenzen reisen, zu Verständigungsproblemen führt.

Hessler hat Mandarin gelernt und ein großes Interesse an der Geschichte der chinesischen Sprache, der Schriftzeichen und der Kulturgeschichte entwickelt. Daher auch die titelgebenden Orakelknochen, mit deren Entstehung und vor allem deren Erforschung sich Hessler intensiv beschäftigt hat. Denn die Orakelknochen sind die ersten Nachweise einer chinesischen Schrift. Aus ihnen hat sich (mit einigen Umwegen) das heute etablierte (wenn auch umstrittene) Zeichensystem mit fast 10.000 unterschiedlichen Zeichen in quadratischer Form entwickelt.

Die Erforschung dieser Zeichen und vor allem die Orakelknochenkoryphäe Cheng Mengija bilden einen der beiden roten Fäden, die sich durch das Buch ziehen und ihm Struktur verleihen. Mengija gilt als einer der wegweisenden Gelehrten in der Orakelknochenforschung, die durch die turbulenten politischen Umstände im 20. Jahrhundert einige Hindernisse zu überwinden hatte. Erst haben die Japaner das Land besetzt und über 200.000 Menschen beim berüchtigten Massaker von Nanjing ermordet, dann kamen die Kumintang unter Chiang Kai Schek an die Macht, wurden aber schon bald von den Kommunisten und Mao Zedong vertrieben, unter dessen Herrschaft vor allem die blutige Kulturrevolution den Menschen und vor allem den Gelehrten das Leben schwer machte.

1967 begann Chen Mengija unter rätselhaften Umständen Selbstmord. Peter Hessler hat es sich zur Aufgabe gemacht, mehr über sein Leben und seinen Tod herauszufinden. Dazu besuchte er zahlreiche alte Weggefährten, Freunde, ehemalige Studenten und Kollegen des Forschers, die teilweise die 90 Jahre schon deutlich überschritten haben, aber immer noch rüstig sind und vor allem einen messerscharfen Verstand und klare Erinnerungen besitzen.

Den zweiten roten Faden bildet die Geschichte einiger ehemaliger Studenten Hesslers, die als junge Wanderarbeiter durch China ziehen, und das Schicksal des gewitzten Uiguren Polat, der ein guter Freund des Autos wurde. Viele von Hessler Studenten aus der Provins Fuling halten auch noch lange, nachdem er die Schule dort verlassen hat, Kontakt zu ihm, schreiben ihm Briefe, telefonieren mit ihm oder werden von ihm besucht. Einige, wie William z. b. unterrichten selbst Englisch an Schulen, andere, wie z. B. Emily landen in Fabriken in den boomenden Sonderwirtschaftszonen. Das sind Planstädte, die eigens dafür gebaut wurden, die Wirtschaftskraft Chinas voranzutreiben.

In Hesslers Buch gibt es zwei unterschiedliche Arten von Kapiteln. In denen, die von den jungen, ehemaligen Studenten erzählen und die aktuelle Lage in China behandeln, geht der Autor größtenteils chronologisch vor, angefangen im Mai 1999 bis Juni 2002. Wobei Hessler durchaus auch mal vor und zurückspringt, wenn es thematisch angebracht ist.

Die zweite Art von Kapitel laufen unter dem Titel Artefakt und beschäftigen sich mit archäologischen Funden (wie z. B. den Orakelknochen) und dem Leben von Cheng Mengija. In ihnen versucht Hessler auch, einen Überblick der Kulturgeschichte Chinas von den ersten Dynastien, aus denen die Orakelknochen stammen, bis zur Gegenwart zu liefern – was ihm auch erstaunlich gut und verständlich gelingt. Die beiden Kapitelarten wechseln regelmäßig ab, so dass die Lektüre abwechslungsreich und spannend bleibt und am Ende ein stimmiges Gesamtbild ergibt.

Hessler wirft zwar den Blick eines Außenseiters – als eines „ausländischen Teufels“ – auf China, aber er ist den normalen Menschen und dem Alltag sehr nahe. Er macht nicht einfach eine längere Reise durch das Land, sondern lebt wirklich dort – und zwar nicht in den abgeschotteten Bezirken der Diplomaten und Auslandskorrespondenten, sondern illegal in einem ganz normalen Wohnviertel. Er schließt viele Freundschaften mit Einheimischen und nimmt an deren Leben teil. Hessler ist nicht der Typ, der mit der ganzen Auslandsclique in irgendwelchen Hotelbars abhängt, sondern mit seinem uigurischen Freund Polat in einem uigurischen Restaurant im russischen Viertel isst, während der Kellner die gekühlten Bierflaschen aus der Kanalisation angelt und Polat fragwürdigen Geldwechselgeschäften nachgeht. Hessler ist kein außenstehender Beobachter, er nimmt direkt am Geschehen teil und unterstützt Polat zum Beispiel bei dessen Ansinnen politisches Asyl in den USA zu beantragen und geht dabei auch eigene Risiken ein.

Was mir ein wenig fehlt, ist Hessler persönliche Meinung, wie er sich in bestimmte Situationen fühlt oder was er denkt. Auch über sein Privatleben erfährt man kaum etwas. Aber er bemüht sich viele verschiedene Perspektiven darzustellen, und interviewt ebenso Regierungsbeamten, wie einfache Bauern, Anhänger von Falun Gong oder Mitglieder verfolgter Minderheiten.

Zwischendurch bringt er immer wieder größere Themen aus dem Weltgeschehen mit ein. Zum Beispiel die Reaktionen der Chinese auf die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad. Oder die Olympiabewerbung Chinas – er begleitet z. B. eine Inspektionsgruppe des IOC auf einer recht absurden Besichtigungstour. Hessler gelingt es tatsächlich in einem Buch sowohl die Geschichte Chinas, die Entwicklung der Schriftszeichen, aktuelle politische Themen als auch das Leben einfacher junger Chinesinnen und Chinesen in einer stimmigen Mischung auf engbedruckten 600 Seiten unterzubringen, auf denen ich mich zu keinem Zeitpunkt gelangweilt habe.

Zu guter Letzt muss ich noch die Übersetzung von Paul Buller loben. In dem Buch geht es viel um Sprache und um sprachliche Unterschiede zwischen Chinesisch und Englisch. Viele Übersetzungskuriositäten und Probleme schildert Hessler anhand von Beispielen aus dem Englischen. Das macht eine Übersetzung in eine dritte Sprache nicht gerade einfach, aber Buller hat das gut gelöst und die englischen Beispiele und die chinesischen Schriftzeichen gut mit in die deutsche Übersetzung eingebunden.

Erschienen ist das Buch bei Dumont (für 16.99), ich habe es bei einem Gewinnspiel der Leipziger Buchmesse auf Twitter gewonnen.

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