Wie der Wind sich hebt & The Kingdom of Dreams and Madness

Wie der Wind sich hebt ist der letzte Film des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki, und es ist vielleicht sein persönlichster. Der Film erzählt die Geschichte des japanischen Flugzeugingenieurs Jiro Horikoshi, der vor und während des Zweiten Weltkriegs für Mitsubishi den Jagdflieger Mitsubishi A5M gebaut hat. Obwohl es sich dabei um ein Kriegsflugzeug handelt, stellt Miyazaki den jungen Ingenieur als Pazifisten dar, der ausschließlich vom Fliegen träumt, wegen seiner Kurzsichtigkeit aber kein Pilot werden kann. Wie historisch akkurat das ist, kann ich nicht beurteilen, aber mit dieser Figur drückt Miyazaki auch seinen eigenen Widerspruch aus – denn er selbst ist schon seit seiner Kindheit von den Zero Fightern der japanischen Luftwaffe, die im Zweiten Weltkrieg unter anderem als Kamikazeflieger eingesetzt wurden, fasziniert. Anderseits ist er aber auch Antimilitarist und kritisiert die Regierung Abe heftig für ihre Aufrüstungspläne und das Bestreben, die pazifistische Verfassung zu ändern.

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Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs werden hier nur am Rande angedeutet, meist in den Traumsequenzen, in denen Jiro dem italienischen Flugzeugingenieur Caproni begegnet, und der zu ihm meint, dass keiner der Kampfpiloten, die da gerade in den Einsatz fliegen, zurückkommen würden. Im letzten Drittel des Films werden auch die Machenschaften der japanischen Geheimpolizei angedeutet. Und auch bei Jiros Deutschlandbesuch, sieht er einen wütenden Mob, der jemanden durch die Straßen verfolgt, was wohl auf die Schlägertruppen der SA anspielen soll. Miyazakis Kritik kommt nie direkt, sondern fast ausschließlich durch Bilder oder kleine Andeutungen, was vermutlich dem aktuellen politischen Klima in Japan geschuldet ist. In der Dokumentation The Kingdom of Dreams an Madness (siehe unten) erwähnt der Produzent Toshio Suzuki, dass wieder eine Art Zensur am Entstehen sei, und man bestimmte Themen nicht mehr im Film bringen könne. Ganz zu schweigen davon, dass eine geschichtliche Aufarbeitung wie in Deutschland nie stattgefunden hat. Für westliche Zuschauer, die nicht über die japanische Geschichte und die dortige Kultur Bescheid wissen, könnte der Film wie eine Verklärung oder Geschichtsklitterung wirken, wobei diese Vorwürfe auch von japanischen Kritikern kamen (während die Konservativem im vorwerfen, Japan zu verteufeln).

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In erster Linie ist es ein Film über die Leidenschaft fürs Fliegen und die Liebe eines jungen Paares. Eine längere Passage des Films spielt in einem Hotel in den Bergen und spielt direkt auf Thomas Manns Der Zauberberg an. Jiros Schwarm leidet an einer Lungenkrankheit und es gibt einen deutschen Gast, den Jiro als Hans Castorp bezeichnet. An dieser Stelle muss ich den Umgang der Macher mit den deutschen Sätzen loben, die hören sich alle an, als könnten die Sprecher tatsächlich einwandfreies Deutsch sprechen (was bei amerikanischen Produktionen ja nicht gerade selbstverständlich ist).

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Einen richtigen Plot hat der Film gar nicht, was auch nicht wichtig ist. Mein Nachbar Tortoro hat auch keinen, und ist trotzdem ein Meisterwerk und einer meiner Lieblingsfilme. Hier geht es eben um den getriebenen Jiro, der unbedingt ein tolles Flugzeug bauen will, auch wenn dabei seine Todkranke Frau vernachlässigt wird. Es gibt keine wirkliche Spannungskurve oder ein Erzählgerüst. Alles wirkt sehr episodenhaft und das Ende (das Myazaki ursprünglich etwas anders geplant hatte) wirkt abrupt.

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Besonders loben muss ich an der Stelle Miyazakis Idee keinen professionellen Schauspieler oder Sprecher für die Rolle des Jiros zu nehmen (die sollen alle furchtbar gewesen sein), sondern den in Japan bekannten Animeregisseur Hideaki Anno (Neon Genesis Evangelion), der eine ganz eigene Art zu sprechen hat, die sich deutlich von den eher gleich klingenden und intonierenden Sprechern unterscheidet, die man sonst so in Animes hört. Seine ruhige, nerdige Art zu sprechen wirkt (auch wenn ich das Wort für überstrapaziert halte) authentisch. Zur deutschen Synchro kann ich nichts sagen, die kenne ich nicht.

Wie der Wind sich hebt ist einer von Miyazakis schwächsten Filmen, was aber immer noch einen tollen Film bedeutet. Bis auf die Traumsequenzen kommt er dieses Mal ganz ohne phantastische Elemente aus, auch wenn ein wenig Zauberbergatmosphäre in der Luft liegt.

Im Trailer hört man die tolle Stimme von Hideaki Anno. Man kann auch englische Untertitel einstellen, oder einfach den deutschen Trailer auf youtube schauen.

The Kingdom of Dreams and Madness

Ist eine japanische Dokumentation aus dem Jahr 2013 über Hayao Miyazaki und das Studio Ghibli. Die Kamera begleitet den Regisseur und Zeichner während seiner Arbeit an dem Film Wie der Wind sich hebt, und zwar vom Erstellen des Storyboards (Miyazaki arbeitet ohne Drehbüher, allerdings gibt es seine eigene Manga-Vorlage) über die Sprecheraufnahmen bis zum fertigen Film und Miyazakis Ankündigung in Rente zu gehen.

Ich hatte immer gedacht, dass Hayao Miyazaki eher der Typ weiser, alter, zurückhaltender und schüchterner Mann sei, aber da habe ich mich geirrt. Er ist vielmehr ein kettenrauchender Getriebener, der sich in der Doku auch als ziemlich redselig entpuppt. Man erhält schon einen guten und selbstkritischen (und selbironischen) Einblick in seine Arbeitsweise und auch in seine Ansichten über die Welt („The world ist rubbish“), die natürlich stark von der noch nicht lange zurückliegenden Katastrophe in Fukushima geprägt ist. Wirklich persönliche Einblicke in sein Privatleben erhält man allerdings nicht. An einer Stelle fragt ihn die Dokumentarfilmerin, warum er seine Frau geheiratet habe, worauf er sehr kryptisch antwortet. Ansonsten bleibt das Privatleben außen vor. Miyazaki scheint für seine Arbeit zu leben. Er hat einen festen Tagesablauf, dem er an sechs Tagen der Woche folgt, am siebten Tage, sagt er, gehe er den Fluss säubern. Was immer das heißen mag. Umweltschutz spielt in seinen Filme häufig eine wichtige Rolle (am deutlichsten in Prinzessin Mononoke).

Aber auch Toshio Suzuki – Miyazakis langjähriger Gefährte und Produzent, der die treibende Kraft hinter den Filmprojekten ist – kommt ausführlich zu Wort, und erzählt viel über Miyazakis Werdegang und wie dieser von Isao Takahata entdeckt wurde, wie sie das Studio Ghibli zusammen gründeten und wie sie immer mehr miteinander stritten, so dass Takahata mit seiner Arbeit ans andere Ende von Tokio gezogen ist. Über Takahata – der zeitgleich an seinem letzten Film Die Legende der Prinzessin Kaguya arbeitete, es aber nicht so mit Abgabeterminen hat – wird viel geredet. Im Film taucht er aber selbst erst am Ende auf und viel erzählt er auch nicht.

Größtenteils wirkt es, als würden alle im Studio Ghibli in entspannter Atmosphäre unter einem humorvollen Chef arbeiten, aber so ganz scheint es in Wirklichkeit nicht zu sein. Allerdings gibt es nur eine einzige Mitarbeiterin, die sich dazu äußert, wie schwierig es sein kann, unter dem Perfektionisten Miyazaki zu arbeiten, der einem jederzeit über die Schulter gucken kann. Viele hätten aufgrund des Drucks wieder gekündigt. Miyazakis Sohn Goro (Der Mohnblumenberg) äußert sich in einer Konferenz (ohne den Vater) sehr selbstkritisch, er sei nur zufällig da hineingeraten und habe eigentlich gar keine Filme drehen wollen. So ganz schlau bin ich nicht daraus geworden, worum es in der Sitzung ging, aber es herrschte einen angespannte Atmosphäre.

Ein bisschen erzählt Miyazaki dann aber doch über seine Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, wie sein Vater als Zulieferer für Flugzeugteile reich geworden sei, und wie Miyazaki selbst eine Leidenschaft fürs Fliegen und für Flugzeuge entwickelt habe.

Schaut man sich diese Doku und Wie der Wind sich hebt kurz hintereinander, entdeckt man viele Parallelen zwischen der Hauptfigur Jiro und Hayao Miyazaki. Beide sind rauchen viel, sind Workoholics, getrieben von ihren Ideen und einer widersprüchlichen Leidenschaft.

Es ist eine leise aber mitreißende Dokumentation, die mich dazu veranlasst hat, mir umgehend die beiden Filme Miyazakis zu kaufen, die ich noch nicht gesehen habe. Bisher hatte ich nur mein Nachbar Tortoro auf DVD, aber in den nächsten Monaten werde ich mir die restlichen Film noch anschaffen und hier im Blog besprechen, den die Filme aus dem Studio Ghibli und insbesondere die Filme von Miyazaki versprühen eine einzigartige Kinomagie, die ich in den ganzen Superhelden, SF und Actionblockbustern, die gerade unsere Kinos überschwemmen, schmerzlich vermisse.

Meines Wissens nach, gibt es die Doku noch nicht auf Deutsch. Ich habe die englische Fassung gesehen.

Nachtrag vom 24. April 2016: Wenn ich das richtig sehe, wird die Doku am 27. Mai als Blu-ray und DVD in Deutschland (OmU) erscheinen

Ein Gedanke zu “Wie der Wind sich hebt & The Kingdom of Dreams and Madness

  1. Wenn Du noch mehr Myazaki-Stoff brauchst, kann ich die beiden Bände seiner gesammelten Texte sehr empfehlen: »Starting Point« (1979-1996) und »Breaking Point« (1997-2008).

    Was die fehlende Handlung oder Plotlosigkeit angeht: ich versuche, vor allem bei japanischen Filmen & Comics, mehr darauf zu achten, ob sie dem dort viel üblicheren Kishotenketsu-Aufbau folgen: https://en.wikipedia.org/wiki/Kish%C5%8Dtenketsu

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