Ulrich Blumenbach über das Übersetzen und Nachwuchsförderung

Der Traum von ewiger »Pralinen-Prosa« – Auf dem Blog Intellectures.de gibt es ein sehr interessantes Interview mit dem renommierten Übersetzer Ulrich Blumenbach – der z. B. Infinite Jest (Unendlicher Spaß) von David Foster Wallace übersetzt hat -, das jeder lesen sollte, der sich halbwegs für die Tätigkeit des Literaturübersetzens interessiert. Vor allem geht es um sein aktuelles Mammutprojekt Witz von Joshua Cohen, das ein gewaltiger Brocken sein muss. Solche Projekte, wie auch das jüngst von Moshe Kahn übersetzte Horcynus Orca, sind eigentlich nur zu stemmen, wenn es eine Förderung für die Übersetzerin oder den Übersetzer gibt, oder im Nachhinein einen dotierten Preis. Die Verlage, die solche Bücher veröffentlichen, zahlen wohl nicht genug, um den enormen zeitlichen Aufwand, den solche fast unübersetzbaren Bücher benötigen, ausreichend zu vergüten.

Besonders bewundere ich Ulrich Blumenbach für seine Nachwuchsförderung, so holt er immer wieder jüngere Kolleginnen für Projekte an Bord, um diese zu fördern, damit sie bei den Verlagen einen Fuß in die Tür bekommen. Das kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen.

In einer Kolumne zur Nachwuchsförderung habe ich beschrieben, dass mir immer wieder das Argument begegnet ist, dass dem von mir empfohlenen Nachwuchs die Erfahrung der Übersetzung anspruchsvoller Werke fehle. Da kann ich nur sagen: wenn sie nie die Chance bekommen, ein anständiges Werk zu übersetzen, dann können sie auch nicht besser werden. Lektoren und erfahrene Übersetzer müssen meines Erachtens gemeinsam Entwicklungschancen für die nächste Generation der Übersetzenden entwickeln und ihnen das Handwerkszeug beibringen.

Lektoren gehen eher auf Nummer Sicher und wählen die 50-jährigen, erfahrenen Übersetzer, statt ihrerseits konsequent eine Nachwuchsförderung zu betreiben. Nach uns, den aktuellen Fünfzigern, klafft aber eine riesige Lücke, und absehbar laufen wir einer Katastrophe entgegen, denn mit siebzig Jahren werden auch wir den Staffelstab weitergeben wollen. Und wenn dann kein Nachwuchs da ist, dann stehen die deutsche Literaturszene und die deutschsprachigen Verlage dumm da. Das zu verhindern, ist Aufgabe von Übersetzern und Verlagen, auch wenn Übersetzer dabei in die schizophrene Lage geraten, möglicherweise an ihren eigenen Stühlen zu sägen.

Ich weiß ja inzwischen aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, bei Verlagen an Aufträge zu kommen, bzw. überhaupt einmal wahrgenommen zu werden. Ohne Kontakte und Beziehungen läuft da so gut wie nichts. Und das gilt auch für Bereiche, in denen es nicht um so anspruchsvolle Literatur geht, wie Blumenbach sie übersetzt. Ich habe zumindest meine Aufträge für die TV-Dokus für N24 durch einen befreundeten Übersetzer erhalten, der mir diesen Kontakt vermittelt hat. Dafür bin ich ihm immer noch unendlich dankbar, denn ohne die finanzielle Unterstützung durch diese Aufträge, hätte ich die Übersetzerei vermutlich schon längst aus finanziellen Gründen an den Nagel gehangen.

 

Nachtrag: Die im Zitat oben verlinkte Kolumne von Blumenbach ist auch sehr lesenwert. Sie zeigt, dass alles seine Vor- und Nachteile haben kann.

Das Übersetzen von Hochliteratur wird etwas besser bezahlt als das von Unterhaltungsliteratur, kostet aber sehr viel mehr Zeit. Man kann sich in die Armut hochübersetzen, wie Kollege Bernhard Robben mal sagte.

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