Wolfgang Jeschke – Der letzte Tag der Schöpfung

In Gedenken an Wolfgang Jeschke, hier meine Besprechung (aus dem Jahr 2005) seines Romans »Der letzte Tag der Schöpfung«. Nachrufe überlasse ich jenen, die ihn gekannt haben. Wie z. B. sein Nachfolger bei Heyne Sascha Mamczak auf diezukunft.de oder Dietmar Dath in der FAZ. Ich habe Wolfgang Jeschke mal live auf einem Bucon vor einigen Jahren gesehen, wo er einen Preis erhalten hat. Er wirkte damals schon gesundheitlich angeschlagen, um so höher ist es ihm anzurechnen, dass er trotzdem gekommen ist. Nach allem, was ich so lese und in den vergangenen Jahren schon gehört habe, soll er ein sehr netter Mensch gewesen sein. In meinem Bücherregal wird er auf ewig mehr als nur einen Platz haben, sowohl als Autor als auch als Herausgeber.

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Anfang der 80er Jahre – das Öl wird knapp. Zumindest glaubt dies die amerikanische Regierung. Schließlich hat man gerade erst eine Ölkrise hinter sich. Und die Amerikaner sind es leid, von den arabischen Ölstaaten abhängig zu sein. Aber was tun? Einen Krieg können sie sich nicht erlauben, denn der Vietnamkrieg ist der US-Bevölkerung noch zu gut im Gedächtnis. Glücklicherweise finden sich auf der ganzen Welt Artefakte, die darauf hindeuten, dass man in der Zukunft eine Lösung gefunden hat. Wie sonst lässt sich ein 60.000 Jahre alter Militärjeep erklären, der bei Ausgrabungen gefunden wurde. Dazu kommen noch weitere Gegenstände, die auf eine Pipeline in die Vergangenheit schließen lassen. Also schickt das US-Militär eine Gruppe von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Soldaten 60.000 Jahre zurück in die Zeit, um den Saudis das Öl unter dem Hintern weg zu pumpen. Allerdings lassen sich immer nur kleine Gruppen auf einmal in die Vergangenheit schicken. Dummerweise liegt die Genauigkeit jedes einzelnen „Abwurfs“ bei Plusminus ein paar Jahrhunderten. Und das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich die „Temponauten“ herumschlagen müssen. Denn die Amerikaner scheinen nicht die Einzigen zu sein, die mit Zeitreisen experimentieren.

Was als spannende archäologische Entdeckung beginnt und zu einem unvergleichlichen Abenteuer werden könnte, wird für den NAVY-Piloten Steve Stanley zum Horrortrip seines Lebens. Bereits kurz nach seiner Ankunft in der Vergangenheit merkt er, dass etwas schrecklich schief gegangen ist. Er findet sich in einer öden und verstrahlten Welt wieder, in der Krieg herrscht. Umgeben von scheinbar überlegenen Feinden, versucht er, mit einer kleinen Gruppe von Zeitreisenden zu überleben.

Der Mensch hat wirklich ein Talent dafür, sich in äußert unangenehme und ausweglose Lagen zu manövrieren. Dabei spielen Dummheit, Gier, Ignoranz und Gewissenlosigkeit eine große Rolle. Alles Eigenschaften, die hervorragend auf den militärisch-industriellen Komplex Amerikas – vor dessen Macht schon Präsident Eisenhower warnte – zutreffen. Mit beispielloser Dummheit verändern die verantwortlichen Militärs in dieser Geschichte das Einzige, auf das sie bisher keinen Einfluss hatten: die Vergangenheit. Das Tragische an der ganzen Sache ist, dass sie die Veränderungen gar nicht mitbekommen, da sie ja schon immer da waren („Zeitreiselogik“). Es ist Bradburys berühmter Schmetterling, auf den sie nicht treten, sondern mit Atomraketen schießen.

Wolfgang Jeschke verpackt die geniale Idee des temporalen Öldiebstahls in eine spannende und kurzweilige Geschichte. Es gelingt ihm, das – wissenschaftlich gesehen – schwierige Thema der Zeitreise glaubhaft zu erklären, ohne dabei in langweilige Details zu gehen. Er zeigt uns, dass die Menschheit trotz wissenschaftlichem Fortschritt und dem Aufbau einer sogenannten Zivilisation immer noch nicht in der Lage ist, ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen. Aus Habgier, Neid und was-weiß-ich für Gründen, riskiert der Mensch gerade durch den wissenschaftlichen Fortschritt den weiteren Fortbestand seiner eigenen Art. Hier wird Darwins „Survival of the fittest“ ad absurdum geführt, denn der Stärkste kann uns alle töten – eingeschlossen sich selber.

Auch wenn das Buch schon 20 Jahre alt ist, hat es nichts an Aktualität verloren. „Der letzte Tag der Schöpfung“ ist eine spannende und intelligente Zeitreisegeschichte, die uns allen zu denken geben sollte.

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