Empfehlenswerte Übersetzerinnen und Übersetzer

An dieser Stelle möchte ich mal einige meiner Kolleginnen und Kollegen empfehlen, die ich sehr schätze. Dafür müssen sie drei Kriterien erfüllen. Ich muss sie persönlich kennen. Ich muss etwas von ihnen gelesen haben. Und sie müssen irgendwie im Internet präsent sein.

Frank Böhmert – Mit Frank fing alles an. Er war maßgeblich mit daran beteiligt, dass ich heute als Übersetzer tätig bin. Dabei hatte ich ihn schon lange, bevor ich ihn im Internet oder gar persönlich kennengelernt habe, bereits im Regal stehen. Die fünf Bücher von Salvatore (siehe Foto) habe ich bereits als Jugendlicher gelesen, und die Hobbit-Hommage mit den drei Bänden um die Drachenwelt hat mir damals sehr gut gefallen. Auch Franks Übersetzung zur Romanvorlage des großartigen Spike-Lee-Films 25 Stunden mit Edward Norton las ich, bevor ich Frank kennengelernt habe. David Benioff ist inzwischen übrigens Showrunner von Games of Thrones. Den ersten näheren Kontakt mit Frank hatte ich, als er für die Übersetzung von Phillip K. Dicks Die Lincoln Maschine fragte, ob jemand im SF-Forum die deutsche Ausgabe von Peter Pan zur Hand habe. Ich hatte. Es ging um den Namen des Hundes, ich half ihm weiter und bekam später zum Dank ein Belegexemplar zugeschickt.

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An Franks Übersetzungen schätze ich vor allem, dass es ihm stets gelingt, einen lässigen, authentischen Tonfall zu erzeugen, der dafür sorgt, dass die Dialoge zu keinem Zeitpunkt gestelzt oder eben übersetzt wirken. Ganz gleich ob Jugendbuch oder Krimikost der alten Schule (wie bei Robert B. Parker). Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch keinen einzigen der neuen Tiptree-Bände gelesen habe. Eine Bildungslücke, die ich gedenke, bald zu füllen. Auf seinem Blog berichtet er unter anderem auch über seine Übersetzungen und hat erst jüngst ein höchst amüsantes Übersetzungsgewinnspiel veranstaltet.

Mein erster Klient des Tages – und der Woche, um ehrlich zu sein – kam am Dienstag nach Thanksgiving in mein Büro und setzte sich in einen der Stühle für meine Klienten. Er war mittelgroß und schlank und trug einen braunen Tweedanzug, eine blaue Fliege mit Paisly-Muster und eine zufriedene Miene.
»Sie sind Spenser«, sagter er.
»Ja, bin ich.«
»Ich bin Dr. Ashton Prince.«
»Wie nett.«
»Verzeihung?«
»Was kann ich für Sie tun, Dr. Prince.«
»Ich sehe mich mit einer höchst diffizilen Angelegenheit konfrontiert.«

(Erste Sätze aus Trügerisches Bild von Robert B. Parker, erschienen im Pendragon Verlag.)

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Gerd Rottenecker – Gerd kenne ich schon seit vielen Jahren durch das Forum der Bibliotheka Phantastika, wo er unter dem Namen Gero unterwegs ist. Es hat aber eine Weile gedauert, bis ich erfahren habe, dass er Übersetzer ist, und, dass ich Übersetzungen von ihm im Regal stehen habe. Unter dem Pseudonym Tim Straetmann übersetzt er Das Spiel der Götter von Steven Erikson. Bis Der Tag des Sehers habe ich die Reihe auf Deutsch gelesen, bin dann aber aus Platz- und Kostengründen auf die englische Fassung umgestiegen. Da krebse ich jetzt aber schon seit einer Ewigkeit in House of Chains rum. Danach werde ich wieder auf die deutsche Fassung umsteigen, obwohl ich Englisch eigentlich fließend lese. Was an seiner Arbeit so besonders ist, zeigt mein Bericht über einen Übersetzungsworkshop, den ich mit Gerd zusammen in Straelen besucht habe. Am ehesten würde ich seine Arbeit am Spiel der Götter mit jener von Ulrich Blumenbach an David Foster Wallaces Unendlicher Spaß vergleichen. Nur, dass Gerd keine Stipendien für seine Übersetzungsleistung bekommt. Denn es handelt sich ja um Fantasy, und das kann keine große Literatur sein.

Gerd hat jetzt keine persönliche Internetseite oder einen Blog, aber er ist einer der beiden verbliebenen Betreiber der Bibliotheka Phantastika, wo er regelmäßig interessante Autorinnen vorstellt, aber auch offen über seine Übersetzungsarbeit berichtet. Auch über die nicht so schönen Aspekte. Gerd ist ein alter Hase in der Branche und war schon Herausgeber bei Knaur Fantasy und Programmberater bei Blanvalet. Ich habe gerade festgestellt, dass ich mit dem Feist (siehe Foto) sogar eine Übersetzung von ihm im Regal stehen habe, von der ich gar nichts wusste, einfach, weil ich die drei Teile der Nebenreihe zur Midkemiasaga noch nicht gelesen habe.

Die Rostflecken auf der schwarzen, vernarbten Oberfläche von Mocks Wetterfahne sahen aus wie aufgemalte Seen aus Blut. Ein Jahrhundert alt, hockte sie auf der Spitze einer alten Pike, die ganz am äußeren oberen Ende der Festungsmauer angebracht worden war. Monströs und missgestaltet wie sie war – kalt in die Form eines geflügelten Dämons gehämmert, dessen Zähne in einem boshaften Grinsen gebleckt waren -, wurde sie von jedem Windstoß hin und her geschüttelt und quietschte protestierend.

(Erster Absatz aus Die Gärten des Mondes von Steven Erikson.)

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Simone Heller – ist die zweite verbliebene Betreiberin der Bibliotheka Phantastika. Es hat bei mir auch eine Weile gedauert, bis ich rausbekommen habe, dass Mistkaeferl als Übersetzerin tätig ist. Und auch in diesem Fall entdeckte ich, dass sie mit Sündenfall von Ken Scholes bereits in meinem Regal steht. Und wie Gerd treffe ich sie inzwischen regelmäßig bei verschiedenen Veranstaltungen wie dem Bucon oder der Leipziger Buchmesse.

Ihre gelingt es, eher ungewöhnlicher Fantasy abseits der üblichen Klischees und Handlungsmuster eine adäquate deutsche Stimme in einem eleganten Stil zu verleihen. Ihr sehr schöne und übersichtlich gestaltete Homepage liefert einen guten Überblick über ihre Dienstleistungen und ihre bisherigen Arbeiten. Der dazugehörige Blog ist leider vor einigen Monaten etwas eingeschlafen. Sie ist auch als Lektorin tätig und hat z. B. das vielbeachtete In einer anderen Welt von Jo Walton in der Übersetzung von Hannes Riffel lektoriert.

Der Abtrünnige drückte sich in die Schatten des Felsens und betete, ohne sich an eine bestimmte Gottheit zu wenden, dass die Kreaturen, die unter ihm auf Maultieren durch den Pass ritten, nicht aufsehen würden. Seine Hände schmerzten, seine Bein- und Rückenmuskeln zitterten vor Erschöpfung. Im kalten, staubgeschwängerten Wind flatterte der dünne Stoff seiner Zeremonienroben. Er riskierte einen Blick hinab auf den Pfad.

(Erster Absatz aus Das Drachenschwert von Daniel Hannover).

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Jochen Schwarzer – Ohne Jochen Schwarzer würde es diesen Blog vermutlich nicht geben. Denn Translate or Die ging am 12. November 2011 mit dem Eintrag Wie ich Literaturübersetzer werde oder grandios scheitere online. Am selben Tag hatte ich zuvor ein Berufseinsteigerseminar für Literaturübersetzer am Literarischen Collouqium Berlin besucht, das von Jochen Schwarzer geleitet wurde. Wir stellten fest, dass wir mit Frank Böhmert einen gemeinsamen Freund haben, und der brachte Jochen dann auch einige Monate später erstmals mit zu unserem SF-Stammtisch. Seitdem stehen wir in Kontakt, und erst letzten Mittwoch haben wir uns in Berlin wieder zum Stammtisch getroffen.

Seine Übersetzungen von Patrick Rothfuss kenne ich nicht, da ich die englischen Ausgaben schon lange vor Erscheinen der deutschen Fassungen gelesen habe. Was ich von ihm aber gelesen habe (natürlich wieder, bevor ich ihn kennengelernt habe 😉 ), ist Null von Adam Fawler, Das schwarze Herz von John Conolly, Die Mission und Das Spiel des Löwen von Nelson De Mille, Duddits von Stephen King, und Die Wette von Hely und Chandrasekaran. Er ist nicht umsonst DER deutsche Rothfuss-Übersetzer und verleiht dieser anspruchsvollen, poetischen Fantasy eine literarische deutsche Stimme. Seine Homepage ist dezent und beschränkt sich auf die wichtigsten Eckpunkte seines beruflichen Schaffens. Interessant ist der Hinweis auf an ihn zurückgefallene Übersetzungsrechte an vergriffenen Büchern, die man bei ihm für Neuausgaben erwerben kann. Das habe ich sonst noch auf keiner Übersetzerseite gesehen.

Als Auri aufwachte, wusste sie, dass sie noch sieben Tage hatte.
Ja, sie war sich da ziemlich sicher. Am siebten Tag würde er sie besuchen kommen.
Eine lange Zeit. Lange, wenn man wartete. Aber gar nicht so lange bei all dem, was noch zu tun war. Nicht, wenn sie gewissenhaft zu Werke ging. Nicht, wenn sie bereit sein wollte.
Als sie die Augen aufschlug, sah Auri den Hauch eines schummrigen Lichtscheins. Das war eine Seltenheit, denn sie befand sich in Mantel, ihrem allerprivatesten Ort. Dann war es also ein weißer Tag. Ein tiefer Tag. Ein Findetag. Sie lächelte, und Aufregung perlte in ihrer Brust.

(Die ersten Sätze aus Die Musik der Stille von Patrick Rothfuss.)

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Heide Franck – kenne ich aus dem Umfeld des Golkonda Verlags und dem Berliner Übersetzerstammtisch. Bei Golkonda ist sie inzwischen für die Pressearbeit zuständig, aber auch als Übersetzerin tätig. Ihre Übersetzung von Ein feiner dunkler Riss von Joe R. Lansdale hat mich schwer beeindruckt. Mit ihrer präzisen Übersetzung des im Stil einer plaudernden Jugenderinnerung gehaltenen Textes gelingt es ihr hervorragend, die schwüle Südstaatenatmosphäre dieses Coming-of-Age-Romans in den von Rassismus geprägten 50er Jahren der USA herüberzubringen.

Neben ihrer Tätigkeit als Übersetzerin gilt Heide auch als unfehlbare Korrekturleserin, der kein Fehler entgeht. Ihre Homepage ist ähnlich schlicht und professionell gehalten, wie die von Jochen.

Mein Name ist Stanley Mitchel Junior, und ich schreibe hier auf, woran ich mich erinnere.
Die ganze Geschichte hat sich in einer Stadt namens Dewmont zugetragen. Es ist eine wahre Geschichte, die sich innerhalb einer kurzen Zeitspanne abspielte, und ich habe sie selbst erlebt.
Dewmont wurde nach einem der ersten Siedler benannt, der Hamm Dewmont hieß. Viel mehr weiß man nicht von ihm. Er ist hier aufgetaucht, hat dem Ort seinen Namen gegeben und ist dann spurlos verschwunden.
In den ersten Jahren war Dewmont eine trostlose Ansammlung von Holzhütten, die sich am Ufer des Sabine River im tiefsten Herzen von Texas festgesetzt hatten – eine Gegend voll weißem Sand und rotem Lehm, gewaltigen Kiefern und schlangenverseuchten Sümpfen.

(Die ersten Sätze aus Ein feiner dunkler Riss von Joe R. Landsale)

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Nachtrag:

molosovsky – Fast hätte ich molo vergessen, der den ersten Kurzgeschichtenband mit stilistisch sehr unterschiedlichen und sprachlich teils komplizierten Geschichten so wunderbar ins Deutsche übertragen hat. Molo ist der Einzige in dieser Liste, der nicht hauptberuflich als Übersetzer tätig ist. Er macht es aus reinem Spaß an der Sprache. Aktuell lektoriert er die eine Delany-Übersetzung. Auf seinem Blog ist leider etwas ruhiger geworden, dafür ist er fleißig auf Twitter unterwegs. Ich kenne ihn aus verschiedenen Internetforen und habe ihn, wie alle hier in dieser Liste, inzwischen zu mehreren Anlässen schon persönlich getroffen.

Läge der Turm der Länge nach auf der Ebene von Shinar, würde man zu Fuß von einem Ende zum anderen zwei Tagesreisen benötigen. Doch da der Turm aufrecht steht, dauert es einen ganzen Monat, um von seinem Sockel bis zur Spitze emporzusteigen – wenn man denn nichts tragen musste. Aber nur wenige Menschen besteigen den Turm mit leeren Händen; das Tempo der meisten wird von Karren mit Steinen bestimmt, die sie hinter sich herziehen. Vier Monate vergehen zwischen dem Tag, an dem die Ziegel auf die Karren verladen werden, um ein Teil des Turms zu werden.

(Erster Absatz aus Der Turmbau zu Babel von Ted Chiang)

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3 Gedanken zu “Empfehlenswerte Übersetzerinnen und Übersetzer

  1. Bin total gerührt, dass ich Dir noch eingefallen bin. <B

    • Du bist der Einzige in der Liste, den ich letzte Woche nicht in Berlin und/oder Leipzig getrofffen habe. Deswegen hatte ich dich nicht sofort auf den Schirm. Aber kurz nachdem ich auf „Publizieren“ geklickt hatte, erschien mir Hellboy, hämmerte mit seiner Donnerfaust auf den Schreibtisch und knurrte: „mo – lo – sov -sky“. 🙂

  2. Auf Big R ist halt verlass.

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