Buchempfehlung: „Vom Staub kehrst du zurück“ von Ray Bradbury

Die Rezi stammt aus dem Jahr 2004, als Ray Bradbury noch lebte.

P1000275

Der kleine Timothy ist ein ganz normaler 10-jähriger amerikanischer Junge. Und genau das ist sein Problem. Denn er möchte kein normaler Junge sein, sondern so wie seine Familie. Die ist nämlich alles andere als normal. Da wäre z. B. Tausendmal-Ur-Grandmère, eine über viertausend Jahre alte Mumie, die immer noch sehr lebendig ist. Oder Onkel Einar, ein Riese von einem Mann mit ebenso riesigen Flügeln. Die Familie Elliot ist eine sehr ungewöhnlicher Haufen, in dem es von Spukgestalten nur so wimmelt. Alle paar Jahre trifft sich die ganze Familie zur „Heimkehr“, diesmal im alten Haus in Illinois, in dem auch Timothy wohnt. Gerade dieses Zusammentreffen der Spukgestalten, weckt in Timothy noch mehr denn Wunsch, so zu sein wie sie. Doch für sie sind harte Zeiten angebrochen. Die Menschen verlieren ihren Glauben und die Gespenster dadurch ihre Substanz. Immer schwieriger wird es für die Bewohner der Nacht, sich in den Schatten fortzubewegen, den immer weniger Dunkelheit gibt in diesen Zeiten, in denen Städte so hell strahlen, dass man die Sterne nicht mehr erkennen kann.

Wie schon sein Klassiker „Halloween“ ist auch „Vom Staub kehrst Du zurück“ kein eigentliches Gruselbuch. Vielmehr ist eine Hommage an die Kindheit und ihren romantischen Glauben an das Übernatürliche. In seinem einzigartigen poetischen Stil entwirft Bradbury einen melancholischen Rückblick auf eine Zeit, in der es noch in jeder Ecke spukte und das Flüstern des Windes einem erzählte, was Aufregendes in der Welt des Unsichtbaren geschieht. Die Ursprünge des Buches liegen im Jahr 1945. Bereits damals schrieb Bradbury das Kapitel „Heimkehr“ – das als Kernstück der Geschichte fungiert – als Kurzgeschichte. Doch erst im Jahr 2000 sollte die Geschichte vollendet werden und als Buch erscheinen. In Deutschland ist sie im Jahr 2004 in dem kleinen Verlag Edition Phantasia, in der großartigen Übersetzung von Joachim Körber, erschienen.
In einer Geschichte, an der so lange geschrieben wurde, fließen auch automatisch Aspekte des Älterwerdens mit ein. So ist die Geschichte von einer leicht wehmütigen aber auch freundlichen und schwärmenden Melancholie durchzogen, die zeigt, dass man auch im hohen Alter noch weiß, wie es ist jung zu sein.
Nicht umsonst verweißt Bradbury in seinem Nachwort, auf den Cartoonisten Charles Addams und seine „Addams Family“. Addams sollte die Geschichte illustrieren, die Ähnlichkeiten zur schrägen „Addams Family“ aufweist. Wie sie, entspricht auch die Familie Elliot kaum einer gesellschaftlichen Norm. Sie wird von der „normalen“ Welt kaum wahrgenommen und geraten sie doch einmal ins Blickfeld der Aufmerksamkeit, lösen sie nur Angst und Intoleranz aus. Und in unserer heutigen Zeit, in der alles und jeder überwacht wird und alles Fremde abgelehnt wird, ist es schwierig, für eine Familie wie die Elliots, noch einen Platz zu finden. Und so sterben, mit dem Glauben an das Übernatürliche, auch die letzten Urgesteine des Phantastischen langsam aus. Man darf gespannt sein, ob es in Zukunft noch ein letztes Aufbäumen des „Fast-Vergessenen“ gibt und Bradbury noch etwas Neues veröffentlicht. Es bleibt zu hoffen, denn trotzt seines hohen Alters scheint er einer der wenigen zu sein, die noch wissen, was Kindheit eigentlich bedeutet.

„Vom Staub kehrst Du zurück“ ist eine wunderschöne, melancholische, Erzählung über das Jungsein, das Junggebliebensein und das Älterwerden. Ein Buch wie der Herbst, nach jedem gefallenen Blatt legt sich etwas mehr Schwermut auf die Seele des Lesers, darüber, dass der Herbst bald vorüber ist und ein kalter Winter ins Haus steht. Ein Herbst, der mit 171 Blättern leider viel zu kurz ist und den Leser mit der Hoffnung auf das nächste Jahr zurücklässt.

 

Nachtrag: Das Buch ist übrigens 10 Jahre nach Erscheinen immer noch lieferbar! Bei einem großen Publikumsverlag wäre es vermutlich schon nach einem Jahr in der Ramschkiste der Supermärkte gelandet.

Nachtrag 2: Ray Bradbury hat danach übrigens noch 2 weitere Romane vor seinem Tod 2012 veröffentlichen können. Darunter das empfehlenswerte „Let’s all kill Constance“, ein Krimi-Noir, der mit einem tollen Einstieg hat.

Ein Gedanke zu “Buchempfehlung: „Vom Staub kehrst du zurück“ von Ray Bradbury

  1. Bradbury ist immer das (Wieder-)Lesen wert.

    Wir hatten’s doch kürzlich von den Amerika-Plakaten: Ich hab den Roman am Wochenende angefangen, und Lorenz‘ Erzählstil erinnert mich sehr an Ray Bradbury.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s