Buchempfehlung: Armageddon Rock und Ready Player One

Um Zeit zu sparen rezensiere ich meine ersten beiden Bücher 2015 in einer Rezension. Das Lesejahr hat mit diesem beiden Titeln bereits großartig angefangen. Die Messlatte für die nachfolgende Lektüre liegt jetzt sehr hoch.

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Die beiden Bücher (Armageddon Rock von George R. R. Martin und Ready Player One von Ernest Cline) sind sich thematisch sehr ähnlich. Beide blicken auf eine vergangene Ära zurück, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Im Buch von Martin sind es die 60er Jahre mit ihrer Musik und Gegenkultur, im Roman von Cline die 80er Jahre mit ihrer Musik, den Filmen und Computerspielen sowie der Popkultur. Doch während bei Martin der Protagonist Sandy das Jahrzehnt noch selbst erlebt hat und sich nun in den 80ern befindet, blickt Wade aus der Zukunft – dem Jahr 2044 – um die 60 Jahre zurück, und ist der Welt dank der virtuellen Realität doch ganz nah.

Sandy Blair ist Schriftsteller und Journalist; einst war er Chefredakteur des ehemals coolen Szenemagazins Hedgehog, das die Musik und die Kultur der Gegenkultur der 60er Jahre dokumentiert hat. Sandy war an forderster Front dabei, hat über die Musik geschrieben und die Musiker interviewt. Auch die Nazgûl, die damals das große Ding waren, bis der Sänger von einem Scharfschützen während eines legendären Konzerts in West Mesa ermordet wurde – dies war (um es mal mit Hunter S. Thompson zu sagen) der Moment, als die Welle der Gegenkultur brach und zurückschwappte. Die langhaarigen Hippies, die frei Liebe lebten und alternative Lebensstile erforschten, tauschten ihre Ideale gegen ein paar Niketurnschuhe, ein Reihenhaus, ein sicheres Einkommen und einen pervers großen Fernseher ein.

All dies wird Sandy bewusst, als der ehemalige Manager der Nazgûl ermordet wird, und Sandy sich zwecks Nachforschungen auf eine Reise in die Vergangenheit begibt. Es ist ein wehmütiger Blick, den er mit seiner ehemaligen Geliebten und anderen Weggefährten dieser Zeit zurückwirft. Wie konnte das nur passieren? Was ist aus uns geworden?

Der Blick des Schülers Wade aus dem Jahr 2044 zurück auf die 80er Jahre ist alles andere als wehmütig. Er lebt in einer Zeit, in der die Kultur dieses Jahrzehnts idealisiert wird, in der virtuellen Realität – im MMOG Oasis – in das sich die meisten Menschen aufgrund der tristen Realität zurückgezogen haben, leben sie praktisch in einer simulierten Version dieser Zeit. Filme, Spiele und Bücher werden in Oasis zum Leben erweckt, man kann über Mittelerde oder die Scheibenwelt spazieren, Filme wie War Games als Hauptdarsteller nachspielen und alles zu einem popkulturellen Mischmasch zusammenführen, der ein einziges Leben aus Zitaten bedeutet. Dabei ist die Realität des Jahres 2044 deutlich schlimmer als die 80er Jahre Sandy Blairs. Wade lebt in einem sogenannten Stack, einem Trailerpark, in dem die Wohnwagen wie Hochhäuser übereinandergestapelt wurden. Die US-amerikanische Version einer Favela. Die Reichen wurden immer Reicher und haben sich in ihre städtischen Festungen zurückgezogen, während Gesetzlose, denen der immer ärmer gewordene Teil der Bevölkerung schutzlos ausgeliefert ist, im Land dazwischen marodieren. Doch diese Welt spielt für Ernest Cline nur eine Nebenrolle. Die Hauptrolle fällt der virtuellen Realität zu, in der sich die meisten – dank eines kostenlosen Zugangs für alle – fast komplett zurückgezogen haben. Dort können sie mittels eines Avatars zu einer neuen Person werden und ihre Aussehen selbst bestimmen.

Bei Martin kehren die 60er Jahre durch die Musik, durch ein Comeback der Nazgûl zurück (Nazgûl sind übrigens die 9 Ringgeister, die im Auftrag Saurons nach dem Ring suchen), bei Cline waren die 80er nie vorbei. Als der unglaublich reiche Erfinder von Oasis stirbt, vererbt er sein Vermögen und seine Firma an denjenigen, der mittels dreier Schlüssel und dreier Tore ein Easter Egg in der Spielewelt von Oasis findet. Was zu einer jahrelangen Jagd nach dem Ei führt, während der sich fast die ganze Welt mit den Filmen, den Spielen und der Musik der 80er beschäftigt, weil der Verstorbene sie so geliebt hatte. Dabei werden Wade und seine Freunde von natürlich von einem bösen Konzern gejagt, der die virtuelle Weltherrschaft erlangen will.

Beide Bücher stecken voller Zitate, die man nur verstehen kann, wenn man die Musik der 60er sowie die popkulturellen Errungenschaften der 80er kennt. Ich bin Jahrgang 79, bin also in den 80ern und 90ern aufgewachsen und habe fast alles gesehen, gehört und gespielt, was Cline in Ready Player One erwähnt. Ich habe aber auch schon immer die Musik der 60er geliebt und weiß, dass George Martin mit dem Satz: Die Zeiten ändern sich, auf Bob Dylans The Times they are a Changing anspielt. Keiner kommt hier leben raus verweist auf The Doors, und mit Sternenstaub ist sicher jener Stardust von Jonie Mitchell gemeint. Wer nichts davon kennt, ist vor allem bei Ready Player One ziemlich aufgeschmissen, und fragt sich, in welchem Film er hier gelandet ist. Ich habe das Buch – ähnlich wie Patrick Rothfuss – als wie für mich geschrieben empfunden. Das ist praktisch meine Kindheit, die da auf 500 Seiten nacherlebt wird.

Armageddon Rock funktioniert ohne Kenntnisse über diese Zeit etwas besser, aber ein wenig Ahnung sollte man schon haben. Martin benutzt weniger Zitate als Cline, seine Geschichte lebt mehr von ihren Figuren und deren charakterlicher Tiefe, die er mit sprachlicher Wucht in einer treibenden Dynamik umsetzt. Doch ohne eine gewisse Vorliebe für diese Musik könnte das Buch auch langweilen, denn Martin geht bei der Beschreibung der einzelnen Songs und der Konzerte sehr ins Detail und beschreibt mit technischen Details die eindrucksvolle Wirkung der Musik. Den phantastischen Anteil in Armageddon Rock hätte es gar nicht gebraucht, den das Buch funktioniert vor allem im ersten Teil ganz hervorragend ohne übernatürliche Elemente. Je stärker der Phantastik bzw. Horroranteil im dritten Teil des Buches steigt, desto schwächer wird es. Zwar verleiht die unheimliche Präsenz dem Ganze dank Martins Schreibe eine Art hypnotischen Sogs, aber trotzdem schwächelt das letzte Drittel des Buches ein wenig, weil die Dynamik des Rückblicks und der Veränderungen, die er mit sich bringt, dadurch an Fahrt verliert. Nichtsdestotrotz ist das Buch ein kleines Meisterwerk über die Musik- und Gegenkultur der 60er Jahre.

Im Golkonda Verlag ist jetzt die überarbeitete Übersetzung von Peter Robert in einer wunderschönen Aufmachung von benSwerk erschienen, die ganz zum Stil der Nazgûl passt. Einziger Kritikpunkt ist für mich die sehr kleine Schrift. Wenn ich mehr als 50 Seiten am Stück gelesen habe, sind mir die Buchstaben vor den Augen verschwommen, weshalb die Lektüre etwas länger gedauert hat.

Bei Ready Player One sollte man schon Computerspiele mögen oder ihnen zumindest nicht gänzlich abgeneigt sein – dann ist das Buch ein echter Page Turner. Ich habe es innerhalb kürzester Zeit verschlungen und mich über jede Anspielung und jedes Zitat gefreut, dass ich erkannt habe (auch wenn die Referenzen teilweise zu sehr im Aufzählungsmodus präsentiert wurden). Mann könnte auch kritisieren, dass Cline zu Beginn zu häufig und zu lang den Erklärbär auspackt, wenn es um die Einführung in die Welt von Oasis geht, aber nach diesem Tuturial hat man dann auch das richtige Spielgefühl für diese einzigartige Welt. Ernest Cline ist eine großartige und bis zur letzten Seite spannende Hommage an die 80er Jahre in Form eines Science-Fiction Romans gelungen. Die Übersetzung von Sara und Hannes Riffel ist übrigens ganz ausgezeichnet und sehr kompetent. Gerade bei Romanen, in denen es um Jugendkultur, Computerspiele und deren Fachbegriffe geht, ist das keine Selbstverständlichkeit.

Wer sich für die in Ready Player One erwähnte Spieleklassiker interessiert, dem sei ein Besuch auf archive.org empfohlen. Dort kann man Arcadeklassiker wie Joust oder Q*Bert und DOS-Computerspiele der 80er Jahre kostenlos im Browser nachspielen.

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