Buchempfehlung: Todesreigen von Jeffery Deaver

Da es kürzlich Thema in den Kommentaren war, hier meine (10 Jahre alte) Rezension zu Jeffery Deavers erster Kurtzgeschichtensammlung.

Seit 1841 Edgar Allan Poes Geschichte „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ erschienen ist, hat sich die kriminalistische Kurzgeschichte zu einer Tradition entwickelt, in der sich viele große Autoren versucht haben. Die Bekanntesten sind hier wohl – neben Poe – Arthur Conan Doyle und Ray Bradbury. Genau diese Namen nennt Jeffery Deaver als Vorbilder in seiner Einleitung zu dem vorliegenden Kurzgeschichtenband „Todesreigen“. Es sind große Fußstapfen, in die der – vor allem durch seine Thriller um das Ermittlerduo Lincoln Rhymes und Amelia Sachs – bekannte Autor treten möchte. Denn auch wenn man packende Romane schreiben kann, heißt das noch lange nicht, dass einem auch gute Kurzgeschichten gelingen. Eine Kurzgeschichte funktioniert ganz anders als ein Roman. Der Autor muss es schaffen, den Leser auf wenigen Seiten in die Handlung einzuführen, und dabei geschickt die überraschende Pointe vorbereiten. Mit den sechzehn vorliegenden Kurzgeschichten beweist Deaver, dass er auch in diesem Metier ein Meister seines Fachs ist.

Eines seiner Lieblingsthemen ist das Stalking. Stalker sind fanatische Menschen, die von ihrem Opfer vollkommen besessen sind und glauben, dass ihre Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Leider sind der Polizei die Hände gebunden, solange nichts Ernsthaftes passiert. So sind die Opfer meist sich selbst überlassen und dem Psychoterror hilflos ausgeliefert. Genauso ist auch Kari in „Der Fluch der Schönheit“ einem vermeintlichen Verehrer ausgeliefert. Doch sie findet einen recht ungewöhnlichen Weg, sich seiner zu entledigen.
„Der kniende Soldat“ zeigt wiederum, dass man einen „Stalker“ auch zu seinem eigenen Vorteil benutzen kann, um einem ganz anderen Psychoterror zu entkommen.

Ein weiteres beliebtes Thema Deavers ist die Eifersucht bzw. das Fremdgehen des Partners und was man dagegen tun kann. In „Der Sündenbock“ versucht eine Frau, jemanden zu finden, dem sie den Mord an ihrem Mann in die Schuhe schieben kann, und erlebt dabei eine böse Überraschung. In „Der Verdacht“ führt selbiger zum Niedergang des vermeintlich betrogenen Ehemannes. Auch in „Dreieck“ setzt sich der Protagonist mit einem Liebhaber auseinander, und führt die Geschichte zu einem überraschenden Ergebnis. Denn wie in den meisten Geschichten von Jeffery Deaver, sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen.
So versuchen in „Der Überfall“ zwei Deputies den Überfall auf einen Geldtransporter auf eigene Faust aufzuklären, um dabei selber etwas von Beute abzusahnen, und finden dabei zwei Sündenböcke, mit denen wohl niemand gerechnet hätte.
Meine Lieblingsgeschichte ist „Das Ferienhaus“, in der ein Geiselnehmer von seiner Geisel eine wertvolle Lektion über Vertrauen lernt.

Es würde wohl zu weit führen, hier auf jede einzelne Geschichte einzugehen – und es würde auch zu viel verraten. Denn Deavers Geschichten leben davon, dass der Leser vom Autor auf eine falsche Fährte gelenkt und vom Ende vollkommen überrascht wird. Diese Technik, die Deaver auch gerne in seinen Romanen verwendet, führt er in seinen Kurzgeschichten zur Meisterschaft. Dabei weicht er von der „political correctness“ seiner Romane ab und verleiht den Geschichten einen zusätzlichen Reiz, indem er öfters auch den „Bösewicht“ am Ende triumphieren lässt.

An dieser Stelle möchte ich noch die einzige Geschichte um das Ermittlerduo Rhymes und Sachs erwähnen, die leider die schwächste Geschichte des Buches ist. In „Das Weihnachtsgeschenk“ gelingt es dem Autor leider nicht, die – aus den anderen Geschichten bekannte – Spannung aufzubauen, und das Ende wirkt dann leider auch stark konstruiert. All die Aspekte, die die Romane so reizvoll machen, kommen in der Kurzgeschichte leider nicht zur Geltung. Die Geschichte erweckt den Eindruck, dass sie einzig zur besseren Vermarktung der Kurzgeschichtensammlung geschrieben wurde. Wobei „Todesreigen“ es aufgrund der hervorragenden Geschichten gar nicht nötig hätte. Deaver beweist, dass er durchaus in der Lage ist, in die großen Fußstapfen seiner Vorbilder zu treten.

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