Buchempfehlung: Terry Pratchett – Die Nachtwächter

Bis zum 20. Dezember wird es hier im Blog noch etwas ruhiger zu gehen, da ich bis zu jenem Datum noch einige Abgabetermine einzuhalten habe (2 TV-Dokus und einen Captain Future). Deshalb betreibe ich heute mal, um Zeit zu sparen, Rezensionsnekromantie und poste meine 10 Jahre alte Besprechung eines meiner liebsten Scheibenweltromane.

P1000260

Eine Schildkröte, die durchs Weltall treibt und auf ihrem Rücken vier Elefanten trägt, die ihrerseits die Scheibenwelt tragen. Wie der Name schon sagt, ist die Welt eine Scheibe, also ziemlich flach, und man sollte nicht über ihren Rand hinaussegeln. Die größte Metropole auf der Scheibenwelt ist Ankh-Morpok, die vom Patrizier Lord Vetinari regierte Stadt, die Rassen und Völker aus aller Welt anzieht. In ihr gibt es unter anderem die berühmte „Unsichtbare Universität“, in der die Zauberer ihr Unwesen treiben bzw. ihre (unbestimmten) Studien betreiben. Für Ordnung sorgt die Stadtwache, angeführt vom – inzwischen zum Herzog aufgestiegenen – Samuel Mumm, der über die Beförderung gar nicht so glücklich ist, da er viel lieber Verbrecher in den Straßen jagt, als sich um Politik und Bürokratie zu kümmern.

So ist auch kein Wunder, dass er es an einem besonderen Jahrestag vorzieht, den gemeingefährlichen Mörder Carcer zu jagen. Während der Jagd kommt es zu einem unglücklichen Unfall, durch den Carcer und Mumm 30 Jahre in die Vergangenheit befördert werden. In ein Ankh-Morpok, das so ganz anders ist als das der Gegenwart. Hier herrscht nämlich noch Lord Schnappüber, der auf Grund seiner paranoiden Angst vor Attentätern Angst und Schrecken verbreitet. Die Stadtwache ist ein Haufen korrupter und krimineller Taugenichtse, die bei jedem Anflug von Ärger das Weite sucht. Die Straßen von Ankh-Morpork sind also alles andere als sicher, und es gibt nur eine Person, die dies ändern könnte: Sam Mumm.

„Die Nachtwächter“ ist inzwischen schon der 29te Scheibenweltroman, und man könnte meinen, dass dem Autor so langsam die Ideen ausgehen. Doch weit gefehlt. Terry Pratchett gelingt es wieder einmal, dem Stoff eine völlig neue Seite abzugewinnen. So ist Mumms Reise in die Vergangenheit ein interessanter Einblick in die Historie von Ankh-Morpork. Wir treffen dort viele bekannte Personen in ihrer jüngeren Version. Fred Kolon, der schon damals Mitglied der Stadtwache war; Nobby Nobs als diebischen, aber auch cleveren Straßenjungen; Vetinari, der einer ganz besonderen Gilde angehörte, und Treib-mich-selbst-in-den-Ruin-Schnapper, der als junger aufstrebender Unternehmer von einer erfolgreichen Zukunft träumt.

Vor allem unterscheidet sich der Roman von den anderen durch seine Ernsthaftigkeit. Sicher, die Geschichte ist immer noch lustig. Aber diesmal verzichtet Pratchett auf alberne Gags und witzige Abschweifungen, zugunsten der Charakterisierung seiner Hauptfigur. Es ist ein düsteres, von Angst und Folter geprägtes Ankh-Morpok, in dem sich jeder selbst der Nächste ist. Es geht um Herrschaft, Machtmissbrauch und Revolution. Durch die Ernsthaftigkeit gelingt es Pratchett, eine spannende Geschichte mit einem durchgehenden roten Faden zu schreiben. Etwas komplizierter wird die Geschichte in den Teilen, in denen der Mönch Lu-Tze (Kehrer) auftritt und versucht, Mumm seine Zeitreise mittels Quantentheorie zu erklären. Diesen Erklärungen kann man eigentlich nur folgen, wenn man schon etwas physikalisches Vorwissen besitzt.

Das von Paul Kidby gestaltete Titelbild parodiert die auf der Rückseite befindliche „Nachtwache“ von Rembrandt – und passt hervorragend zur Geschichte. Es ist allerdings kein Ersatz für die wunderbaren Titelbilder des leider verstorbenen Josh Kirby.
Die mir vorliegende Ausgabe ist als Taschenbuch in der allgemeinen Reihe von Goldmann erschienen.

Für Einsteiger in die Scheibenwelt ist „Die Nachtwächter“ nur bedingt geeignet, denn mit diesem Roman betritt Terry Pratchett eine neue Ebene. Er erzählt eine geradlinige und spannende Geschichte, die deutlich ernsthafter und düsterer ist als die bisherigen Romane.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s