Serienempfehlung: Penny Dreadful

Als eine Serie mit dem Titel Penny Dreadful angekündigt wurde, dachte ich da an eine Anthologiesendung mit abgeschlossenen Einzelfolgen auf durchschnittlichem Niveau, obwohl die Penny Dreadfuls aus dem 19. Jahrhundert in der Regel Seriengeschichten waren, die über einen längeren Zeitraum veröffentlicht wurden. Ich habe mich dann auch, anders als sonst, nicht weiter über die Serie informiert, sondern einfach reingeschaut, als mir dies Ende September dank Netflix möglich war.

Ich hätte nicht falscher liegen können. Dass man hier mehr als Durchschnittsware präsentiert bekommt, hätte schon durch den ausstrahlenden Sender Showtime klar sein sollen, aber auf welch hohem und gleichzeitig unterhaltsamen Niveau die Serie daher kommt, hat mich gleich in der ersten Folge von den Socken gehauen. Hier stimmt einfach alles: Drehbücher, SchauspielerInnen, Ausstattung, Literaturverwurstungen usw.

Penny Dreadful spielt im viktorianischen London, ungefähr zur selben Zeit, wie die im letzten Jahr angelaufene Serie Dracula (die in Deutschland am Montag auf VOX startet), und ähnelt dieser auch thematisch. Immerhin geht es um Vampire und Namen wie Mina Harker und Van Helsing tauchen auf. Wo aber Dracula, trotz interessanter Ansätze am eigenen oberflächlichen Pomp mit schwülstigen Dialogen, sinnlosem Kostümgedöns und peinlichem Pathos zugrunde geht (die Serie wurde nach der ersten Staffel eingestellt), zeigt Penny Dreadful, wo der Hammer über dem Pflock ins Herz des Vampirs hängt.

Von der Ausstattung her befindet man sich auf einem ähnlich hohen Niveau, wie Ripper Street; als Zuschauer fühlt man sich förmlich in die schmutzigen und vom Dampf aus den Fabriken vernebelten Straßen Londons hineingezogen, wo die an Schwindsucht erkrankten Dirnen einem hustend das Blut auf die polierten Schuhe spucken und eine Bande von lärmenden Straßenjungen einem den Geldbeutel aus der feinen Hose stibitzt, wo die Angst vor dem Ripper die Menschen eilige an dunklen Gassen vorbeihuschen lässt, hinein in die vermeintliche Sicherheit der flackernden Gaslichter.

Die Drehbücher und Dialoge sind noch mal eine Stufe über Ripper Street und die Darsteller sogar zwei Klassen besser. Allen voran Eva Green, die molosovsky kürzlich als weiblichen Klaus Kinskis bezeichnet hat (rein im schauspielerischen Sinne natürlich). Aber auch Timothy Dalton als ehrgeiziger und gnadenloser Adliger, der für seine Ziele auch über die Leichen von Freunden geht. Herauszuheben ist auch Rory Kinnear, der seiner Figur als widererweckter Kreatur eine poetische Traurigkeit verleiht, die ihreslgeichen sucht.

Inhaltlich ist die Serie eine Mischung aus Die Liga der außergewöhnlichen Gentleman und verschiedenen historischen Gruselstoffen aus der viktorianischen Zeit. Ich möchte hier jetzt nicht zu viel Spoilern, da ich selbst ja nicht über die Serie im Vorfeld wusste, und von jedem neuen Namen und Auftreten positiv überrascht wurde.

Im Prinzip geht es um einen Vater, der seine an ein übernatürliches Wesen verlorene Tochter zurückbekommen möchte. Dafür umgibt er sich mit einer illustren Schar teilweiser nicht weniger übermenschlicher Wesen und geht rücksichtlos auf die Jagd. Das ist aber nur die Grundstory, der rote Faden, der durch die Serie führt. Daneben gibt es noch viele andere Handlungsstränge, die zunächst nur lose oder gar nicht miteinander verbunden sind. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte, der viel Raum eingeräumt wird, und die oft in einzelnen Folgen ausführlich erzählt werden. Dadurch gibt es keine klassische lineare Erzählstruktur, die durch kurze Flashbacks ergänzt wird, sondern immer wieder Einzelfolgen, die auf ihre ganz eigene Weise erzählt werden und dadurch für viel stilistische Abwechslung sorgen (anders als das monotone Dracula).

Eva Green ist eine Wucht. In der ersten Folge wirkt sie noch sehr stoisch und zeigt kaum eine Regung auf ihrem Gesicht, aber schon in der zweiten Folge, lässt sie während einer Séance so richtig die Sau raus, und zeigt, was für eine wandlungsfähige Schauspielerin sie ist. Eine Leistung, die im weiteren Verlauf der Serie sogar noch gesteigert wird. Auch Josh Hartnett liefert als geheimnisvoller amerikanischer Revolverheld eine gute Vorstellung.

Penny Dreadful ist gruselig, unheimlich, brutal, traurig, poetisch und vieles mehr. Hier werden nicht einfach klassische Schauergeschichten mit den Mitteln des modernen Fernsehens erzählt. Da steckt viel mehr drin.  Es werden unterschiedliche historische und literarische Themen kunstvoll zu einer eleganten und schaurigen Mischung verwoben.

Die Serie verdient es viel genauer analysiert zu werden (was ich vor Start der zweiten Staffel tun werde), aber in diesem Beitrag hier möchte ich ganz spoilerfrei auf sie hinweisen.

Bei Showtime gibt es eine interaktive Karte, auf der man die Schauplätze der Serie besuchen kann. Aber vorsicht, hier werden die Namen der Figuren gespoilert.

Und hier noch ein spoilerfreier Trailer, der einen guten Eindruck von der Serie vermittelt:

 

4 Gedanken zu “Serienempfehlung: Penny Dreadful

  1. Ich glaub, ich muss meine eher reservierte Haltung TV-Serien gegenüber endgültig aufgeben … das klingt ja echt nach hochinteressantem Stoff!

  2. Ich war auch sehr positiv überrascht von der Serie. Vor allen dingen auch, weil hier „Dracula“ eigentlich nur eine untergeordnete Figur ist.
    Wäre super, wenn es eine 2. Staffel geben würde – wenn sie den Stil der ersten Staffel beibehält und man nicht wieder in den Mainstream abkippt.

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