Öffentliche Kritik an Übersetzungen: Der Spiegel und „Der erste Sohn“

Im Spiegel Nr. 36 wirft Martin Doerry die Frage auf, warum das in den USA zum Bestseller gewordene Buch Der erste Sohn von Phillip Meyer in Deutschland floppte. Doerry bezeichnet seinen dreiseitigen Artikel als „Erklärungsversuch“. Dabei ist die Frage schnell beantwortet. Wild-West-Romane funktionieren auf dem deutschsprachigen Buchmarkt einfach nicht. Der Roman beschreibt ein uramerikanisches Thema (das Leben an der frontier), für das man sich hier einfach nicht interessiert.

Trotzdem schießt sich Doerry auf die Übersetzung als Ursache ein, und liefert 13 Textbeispiele, bei denen die Übersetzung nicht so gut gelungen ist, bzw. wo etwas falsch übersetzt wurde. 13 Sätze bzw. Satzbruchstücke aus 600 Seiten.

Kritisiert man eine Übersetzung, muss man seine Argumente natürlich mit Beispielen untermauern. Aber gerade bei Literaturübersetzungen ist es schwierig, diese Beispiele aus dem Kontext gerissen zu bewerten. Hat der Übersetzer hier ein anderes Wort gewählt, weil durch die wörtliche Übersetzung eine Wortwiederholung auftaucht? Oder weil es nicht zum Satzrhythmus passt, nicht zur Sprachebene, zum Sprachfluss?

Fehler passieren. Vor allem bei einem so dicken Buch. Da kommt es auf die Zeit an, die der Übersetzer für den Text hat. Und auch darauf, ob er die Fahnenkorrekturen nochmal zur Ansicht bekommt. In seinem Leserbrief im Spiegel nur 38 schreibt Übersetzer Hans M. Herzog, dass dies hier nicht der Fall gewesen sei. Gibt damit aber auch fairerweise zu, dass ihm da tatsächlich ein paar Übersetzungsschnitzer durchgegangen sind. Schnitzer, die in einem finalen Korrekturgang der Druckfahnen noch auffallen könnten.

Mir selbst ist es auch schon passiert, dass ich die abgegebene erste Fassung einer Übersetzung erst wieder zu Gesicht bekam, als sie als Belegexemplar im Briefkasten lag. Da bemerkte ich dann nicht nur Fehler, die mir entgangen sind, sondern auch Fehler, die vom Lektorat „reinverbessert“ worden sind. Eine sehr ärgerliche Sache, da ich für den Text mit meinem Namen einstehe, obwohl die Fehler von jemand anderem gemacht wurden, ohne dass ich es hätte verhindern können.

Bevor man also den Übersetzer öffentlich als Alleinschuldigen ausmacht, sollte man sich man darüber nachdenken, dass es auf dem Weg von der Übersetzung bis zum fertigen Buch noch einige andere Fehlerquellen geben könnte. Wobei ich zugebe, dass es für die meisten Leser, die sich nicht mit der Buchbranche beschäftigen, schwierig sein dürfte, Einblicke in die Buchproduktion zu erhalten, da sich die Verlage in der Regel sehr bedeckt halten, was den Ablauf der Produktion angeht.

Der Übersetzer bekommt vom Verlag ein Manuskript, das es zu übersetzen gilt. Im Idealfall stimmt dieses Manuskript auch mit dem fertigen Originalbuch überein. Oft ist das nicht der Fall. Habe schon mehrfach gehört, dass Übersetzer eine Rohfassung erhalten haben, die teilweise massiv von dem fertigen Originalbuch abgewichen ist. Und meist haben sie es auch nicht gewusst oder erst per Zufall erfahren (ist oft der Fall, wenn die deutsche Ausgabe zeitnah zum Originalbuch erscheinen soll).

Ist das Buch (häufig unter großem Zeitdruck und schlecht bezahlt) übersetzt, geht die Übersetzung zum Lektorat. Die Lektorin geht den Text dann vor allem auf der sprachlichen Ebene durch. Im Idealfall geht die Übersetzung nach erfolgtem Lektorat wieder zurück zum Übersetzer, damit dieser die Änderungen bzw. die Änderungsvorschläge durchgehen kann, um sie abzusegnen oder auch um sich eine bessere Alternative zu überlegen oder für seine Version zu kämpfen. Das kostet natürlich Zeit und wird dem Übersetzer auch nicht bezahlt.

Das Lektorat erfolgt inzwischen häufig bei freien Lektoren und Lektorinnen, die nicht beim Verlag angestellt sind.Bekommen sie z. B. eine ziemlich fehlerfreie Übersetzung und haben nichts anzumerken oder zu ändern, kommen sie schnell in Erklärungsnot, wofür sie denn da ein Honorar verlangen würden. Da macht man auch schon mal Änderungen, wo eigentlich keine notwendig wären.

Dann geht es zum Korrektorat, das im Idealfall nicht mit dem Lektorat identisch ist. Mehr Augen sehen auch mehr Fehler. Hier geht es jetzt um Tipp-, Rechtschreib-, Komma- und Grammatikfehler.

Dann geht der Text in den Satz. Satz heißt, der Text wird so gesetzt, dass er in der gedruckten Fassung ein einheitliches und stimmiges Bild abgibt. Ordentliche Zeilen- und Seitenumbrüche, eine gleichmäßige Zeilenlänge usw. Dabei werden oft noch sogenannte Schusterjungen und Hurenkinder entfernt. Also Wörter bzw. Satzteile, die dafür sorgen, dass der Text nicht gleichmäßig ordentlich aussieht, bei Absätzen am Ende der Seite. Je nach Setzer können da durchaus wichtige Sachen verschwinden. Bei einem richtig guten Setzer (wie z. B. im Golkonda Verlag) gibt es keine Hurenkinder.

Der fertig gesetzte Text ist dann die sogenannte Druckfahne, also die Version des Textes, die in die Druckerei geht. Und im Idealfall bekommt der Übersetzer sie noch zu sehen, bevor sie unter seinem Namen in den Buchhandel gelangt.

Das ist jetzt grob vereinfacht dargestellt. Ich bin auch kein Experte, was die Buchproduktion angeht. Aber es sollte verdeutlichen, dass nicht immer der Übersetzer alleinige Schuld an Fehlern im fertigen Buch hat. Da gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Fehlerquellen. Und immerhin ist ja der Verlag auch dafür verantwortlich, was da bei ihm als Buch erscheint. Erhält er eine schlechte Übersetzung, muss er dafür sorgen, dass sie in Ordnung gebracht wird. Aber das alles kostet eben Zeit und Geld.

Am Ende seines Artikels geht Doerry zumindest noch darauf ein, dass viele Titel unter einem hohen Zeit- und Kostendruck entstehen, der einer fehlerfreien, guten Produktion nicht gerade förderlich ist.

Für den Übersetzer ist ein solch prominenter Artikel im Spiegel mit Sicherheit vernichtend und wird sich negativ auf die Auftragslage auswirken. Egal, ob und wie er jetzt für etwaige Fehler im Buch verantwortlich ist.

Dass eine gute oder schlechte Übersetzung dafür sorgen kann, ob ein Buch ein Bestseller werden kann, wage ich doch zu bezweifeln. Die in einer Woche von 10 Übersetzern runtergehetzte, schlechte Übersetzung von Dan Browns Das verlorene Symbol hat sich jedenfalls nicht negativ auf dessen Verkaufszahlen ausgewirkt. Und wie schon erwähnt, der Wilde Westen zieht einfach nicht, weder in Film noch in Buchform.

 

Edit: einige Tippfehler verbessert.

 

P. S. Es geht mir hier nicht um Schuldzuweisung, sondern nur darum, mögliche weitere Fehlerquellen neben den Übersetzern aufzuzeigen (siehe die Kommentare unten).

9 Gedanken zu “Öffentliche Kritik an Übersetzungen: Der Spiegel und „Der erste Sohn“

  1. Ich las den Spiegel-Artikel auch mit einem gewissen Strinrunzeln und wäre spontan ebenfalls nicht auf die Idee gekommen, das Scheitern des Buchs in Deutschland der Übersetzung anzulasten. Die genannten 13 Beispiele sind jedoch teilweise ganz schöne Klopper … Insgesamt ist es wohl so, dass nicht immer die Sorgfalt waltet, Bücher drehen immer schneller. Und dass man Übersetzer inzwischen auch mit Gehetzter, uhm, übersetzten könnte, stimmt leider auch.
    Aber!
    Hier

    „Das Lektorat erfolgt inzwischen häufig bei freien Lektoren und Lektorinnen, die nicht beim Verlag angestellt sind.Bekommen sie z. B. eine ziemlich fehlerfreie Übersetzung und haben nicht anzumerken oder zu ändern, kommen sie schnell in Erklärungsnot, wofür sie denn da ein Honorar verlangen würden. Da macht man auch schon mal Änderungen, wo eigentlich keine notwendig wären.“

    muss ich doch mal kurz einhaken. Ich finde es muss nicht sein, dass Übersetzer und Lektoren (auch oft mittel bis schlecht bezahlt und in Hetze) sich gegenseitig beschuldigen. Auch ist nicht jedes Außenlektorat ein schlechtes; oft hat die Außenlektorin, der Außenlektor sogar mehr Zeit für einen Autor bzw. einen Text, weil er nicht auch noch den ganzen Verlagsalltag mitmachen muss. Oder kurz gesagt: Meine Außenlektorin ist ein Schatz.

    • Es war nicht meine Absicht, hier anderen an der Produktion Beteiligten Schuld zuzuweisen. Mir ging es nur darum, mögliche Fehlerquellen aufzuzählen. Viele Lektoren machen eine ganz tolle Arbeit. Aber dieses Argument, dass es auf mehreren Seiten nichts zu verbessern gäbe, und dass das blöd aussehen würde, habe ich erst kürzlich von einer Lektorin selbst gehört.

      Meistens arbeiten alle prima zusammen, um am Ende ein möglichst gutes Buch zu veröffentlichen

      • Hm, das finde ich natürlich ein etwas fragwürdiges Argument, kann es aber nachvollziehen. Hier wünsche ich mir einfach mehr Selbstbewusstsein – es darf ja nicht der Rotanteil beweisen (müssen), dass jemand seine Arbeit gemacht hat. Ach, insgesamt werden viele, die an der Entstehung eines Buches beteiligt sind, zu wenig gewürdigt. Gut, dass du die Produktion erwähnt hast. So ein Buch zu setzen/gestalten ist alles andere als trivial.

      • Ich hatte den Eintrag jetzt auf die Schnelle runtergeschrieben (und hoffentlich inzwischen die meisten Tippfehler verbessert). Kann sein, dass dadurch etwas Ungleichgewicht in meiner Argumentation entstanden ist. Ich hatte einfach die ersten möglichen Fehlerquellen aufgeschrieben, die mir eingefallen sind. Ich empfinde das Lektorat als eine enorme Bereicherung, egal ob jetzt beim Verlag angestellt oder nicht. Wobei VerlagslektorInnen tatsächlich immer weniger Zeit haben, sich mit den eigentlichen Texten zu beschäftigen, weshalb die Zahl der Außenlektorate steigt. Was ja nichts Schlechtes ist. Man arbeitet ja nicht automatisch schlecht, nur weil man als Freiberufler arbeitet. 😉

  2. P.S. Meine Übersetzungen wurden durch die Zusammenarbeit mit dem Lektorat bisher immer deutlich besser.

  3. Ich persönlich gehe nur in seltenen Fällen davon aus, dass Übersetzungen für den Erfolg oder Misserfolg eines Buches verantwortlich sind. Zwar mag es durchaus sein, dass schlechte Übersetzungen den Lesegenuss stören, aber ich möchte behaupten, dass der Großteil der Käufer ein Buch wegen der Thematik, dem Aufbau der Handlung, natürlich auch wegen der verwendeten Sprache, aber eben nicht in erster Linie wegen ihr, kauft.

    Auch deutsche Bücher, die die Bestsellerlisten hinaufklettern, sind keine Beispiele für glorreiche Leistungen bei der Wortwahl, sondern eher gute Beispiele für clevere Plots.

    Insofern finde ich den Rückschluss gewagt, dass eine Übersetzung, der man zwar Fehler nachweisen kann, aber die immerhin ein 600 Seiten Wälzer einigermaßen gekonnt bewältigt hat, die Schuld an einem Flop zuschieben kann. Ich glaube soviel Macht hat (auch wenn ich guten und schlechten Übersetzern sehr viel zugestehe) eine Übersetzung dann doch nicht – hinsichtlich des Marktes.

  4. Lese gerade „Kanada“ von Richard Ford, übersetzt von Frank Heibert. Darin liegt bei einem Autowrack ein „Auto-Radiator“! Sollte nicht ein der deutschen Sprache Mächtiger das Wort „Kühler“ kennen? An anderer Stelle hat eine Frau einen „Shunt“ an der Hand, über den bei einer ärztlichen Therapie eine Medikamentenlösung („Tropf“) eingeführt wird. „Shunt“? Aha. Das Ding war fachsprachlich wahrscheinlich eine „Braunüle“. „Kanüle“, „Zugang“ oder so hätte mir schon gereicht.

    Hier muss ein ganzes Kollektiv versagt haben: Übersetzer, der nicht übersetzt, Lektorat, das nicht lektoriert, Korrektorat, das sich auch über gar nix wundert. Das geht vom Computer des Übersetzers (der vielleicht sogar eine Rohübersetzung via Google Translate auf dem zweiten Bildschirm hat) schnurstracks in den Satz. Das nicht bei einer Gebrauchsanweisung für eine Black & Decker, sondern bei einem Roman eines der wichtigsten US-Autoren.

  5. Völlig klar, das mit den „Flüchtigkeitsfehlern“. Wobei ich nicht so ganz verstehe, worin das mit der Flüchtigkeit genau besteht. Ein Lektor (der ja nicht immer eine „Lektorin“ sein muss) sollte – und das gilt auch für nicht-übersetzte Bücher – einen Text mit einer gewissen kühlen Distanz lesen. Und alarmiert sein, wenn etwas „komisch“ klingt. Wenn ich als freiwilliger Leser über einen „Radiator“ stolpere, sollte das ein professioneller Leser ebenso tun. Ich vermute aber – begründet auch aus eigener Erfahrung als Autor -, es macht sich allenthalben in den Verlagen eine Scheiß-egal-Haltung breit: Merkt eh keiner, und wenn doch, dann ist das Buch ja schon verkauft.

    Mein nach wie vor unschlagbares Lieblingsbeispiel für diese Haltung ist aus „Hollywood Animal“, der Autobio des Drehbuchautors Joe Eszterhas. Da waren, wohl aus Zeitdruck, gleich drei Übersetzer am Werk. Darin stolpert man über einen Satz, wonach jemand an der

    „Kaumgummikrankheit“

    leidet. Das ist einfach wunderbar. Jedem Englischsprechenden ist sofort klar, wie das im Original gelautet haben muss (ich hab’s nie nachgeguckt, würde aber jede Wette darauf eingehen). Auch der (Nicht-)Über dürfte sich gewundert haben, war aber offenbar zu faul, um irgendwas gegen seine Ratlosigkeit zu unternehmen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s