Buchempfehlung: Ein Westerwalddorf im Wandel der Zeit von Claus-Dieter Schnug u. Horst Bartels

Ich habe diese Chronik bereits im Dezember 2013 gelesen und die Kritik über die Feiertage geschrieben, sie dann aber auf der Festplatte vergessen. Deshalb kommt die Buchbesprechung mit ein paar Monaten Verspätung. Eigentlich ist es auch nur eine halbe Besprechung. Ich weiß, dass ich damals noch mehr schreiben wollte, aber was, habe ich vergessen.

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Einige von euch mögen schon mitbekommen haben, dass ich nach vier Jahren in Berlin, wieder in den Westerwald zurückgezogen bin. Und zwar in mein ursprüngliches Heimatdorf Hilgert. Es gehört zur Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen, liegt im sogenannten Kannenbäckerland, ist ungefähr 15 Minuten Autofahrt von Koblenz entfernt und liegt auf halber Strecke zwischen Köln und Frankfurt.

Passend zu meiner Rückkehr ist Anfang Dezember eine Dorfchronik erschienen. Und was für eine! 500 aufwendig gestaltete und hervorragend recherchierte Seiten, die den Preis von 40 Euro mehr als Wert sind.

Das Buch ist im Querformat gehalten, was die Lektüre etwas schwierig bzw. heikel macht. Am Besten liest man das Buch auf einem Tisch, da es zu schwer ist, um frei mit den Händen gehalten zu werden und dabei das Risiko zu hoch ist, dass Seiten einreißen können.

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Es handelt sich um ein Projekt, das schon seit einigen Jahren läuft und ursprünglich in Zusammenarbeit mit der Gemeinde entstehen sollte. Aber man konnte sich anscheinend nicht über den Inhalt einig werden. Mir ist das Gerücht zu Ohren gekommen, dass die Gemeinde nicht wolle, dass die Nazizeit darin vorkommt. Also hat sich Autor Claus-Dieter Schnug entschieden, dass Projekt alleine durchzuziehen, und die Nazizeit mit reinzubringen.

Sollte es tatsächlich so abgelaufen sein, kann ich dem Autor nur meinen größten Respekt aussprechen. Wenn man eine vollständige Chronik des Ortes haben möchte, darf eine so prägende und einschneidende Zeit, wie die des Dritten Reiches nicht fehlen. Alles andere wäre übelste Geschichtsklitterung und Verdrängung. So etwas darf nicht totgeschwiegen werden. Vor allem auch, da Hilgert eine wichtige Vorreiterrolle bei der Ausbreitung der NSDAP im Unterwesterwald gespielt hat. Zur eigenen Geschichte gehören auch die unschönen Zeiten und Ereignisse, und denen sollte man mit Aufklärung und Aufarbeitung begegnen. Wenn ich sehe, dass bei der letzten Bundestagswahl immer noch einige im Dorf für die NPD gestimmt haben, ist so etwas immer noch aktuell und notwendig.

Kommen wir aber endlich zum Inhalt:

Die Chronik umfasst die gesamte dokumentierte und überlieferte Geschichte von Hilgert, von der ersten Erwähnung des Ortes in einem Sühnebrief von 1349 (siehe Bild oben) über die beiden Weltkriege bis zum Bau des neuen Sportplatzes im Jahr 2013.

Insgesamt geht die Chronik durchaus chronologisch vor, aber nicht streng chronologisch, da die Kapitel themenorientiert eingeteilt sind, und es innerhalb der Kapitel durchaus auch zu Zeitsprüngen bzw. der Behandlung größerer Zeitabschnitte kommen kann, wenn es thematisch passt.

Kapitelüberschriften heißen z.B.: Die Entstehung des Ortes, Die erste Besiedlung, Der Wechsel zur Grafschaft Wied, Lebensverhältnisse zur Kaiserzeit, Die Turnhalle, Machtergreifung in Hilgert, Der Luftkurort, Der Bombenkrieg, Die Ortserweiterung, Die Pfeifenbäckerhalle, Das Ortsgeschehen bis zur Gegenwart

Man merkt dem Buch an, dass der Autor sehr sorgfältig und aufwändig recherchiert hat. Seine Schilderungen werden durch zahlreiche historische Dokumente aus den unterschiedlichsten Quellen unterstütz (die teilweise auch abgedruckt sind). Da gibt es einen Teilungsvertrag von 1376, Amtsbeschreibungen von 1814, kaufmännische Übersichten, Artikel aus einem Kreisblatt von 1900, Auszüge aus der Schulchronik, Briefwechsel usw. Hinzu komm die aufwändige und sehr gelungene grafische Gestaltung durch Horst Bartels.

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Je näher die Neuzeit heranrückt, desto ausführlicher sind natürlich die Dokumente (mit Ausnahme der Nazizeit, da wurde bei Kriegsende das meiste absichtlich vernichtet), aber es ist erstaunlich, wie viel auch schon in den vergangenen Jahrhunderten dokumentiert wurde.

Der Tonfall des Autors ist dabei immer nüchtern und sachlich, teilweise geht er mir für meinen persönlichen Geschmack zu sehr ins Detail, wenn es um die Auflistung von Geldbeträgen, Zahlungen, Gebietsverteilungen und rechtlichen Fragen geht, aber das gehört wohl auch in eine Chronik. Der Stil ist immer klar und verständlich, und zu keinem Zeitpunkt langweilig.

Es wird nur das geschildert, was auch belegt ist; fehlen Belege, wird dies vom Autor auch erwähnt.

Neben den äußeren Veränderungen, die vor allem aus Zugehörigkeiten zu Grafschaften bzw. Verwaltungsgebieten und Kriegen bestehen, gibt es auch einzelne Kapitel für die wichtigsten Ereignisse im Dorf. Wie den Bau des Badehauses, ein Landschulheim, das vor dem Krieg von einer Kirchenjugend genutzt wurde, die Nutzung des Ortes als Luftkurort, der Bau des Sportplatzes, der Turnhalle, der neuen Dorschule, des Kindergartens usw.

Besonders interessant fand ich z. B., wie man in den letzten drei Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts erfolgreich versucht hat, die Schule und den Kindergarten zu erhalten, in dem man neue Baugebiete für potentielle neue Familien ausgewiesen hat. Dadurch ist der Ort deutlich gewachsen und die demografische Entwicklung macht sich hier nicht bemerkbar. Dazu liegt Hilgert verkehrstechnisch auch sehr günstig für Pendler nach Koblenz, Frankfurt und Köln.

Ein weiteres wichtiges Thema ist das Handwerk der Pfeifenbäckerei. Hilgert liegt in einem Tonabbaugebiet und hat bereits im 19. Jahrhundert Tonpfeifen hergestellt, die in die ganze Welt exportiert wurden. Heute gibt es nur noch eine Pfeifenbäckerei.

Der Autor geht immer wieder auch auf die ökonomischen und Lebensverhältnisse der Dorfbewohner ein, die zeigen, wie sich die Berufsbilder im Laufe der Jahre verändert haben.

Eine Chronik liest man nicht unbedingt am Stück durch, aber ich habe sie innerhalb von zwei Wochen wie einen spannenden Roman verschlungen. Interessant ist sie natürlich nur für Leute, die sich auch für Hilgert interessieren. Die finden darin einen reichhaltigen Schatz über die Geschichte des kleinen Westerwalddorfes. Ich bin jedenfalls fasziniert davon, wie sich Hilgert im Laufe der Zeit entwickelt und verändert hat.

Zum Schluss noch ein Gruß an den mysteriösen Buchspender M.N. Live long and Prosper 😉

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