Translate or Die? Literaturübersetzer werden?

Inzwischen habe ich sieben Bücher übersetzt (Nummer acht ist in Arbeit). Fünf sind bisher erschienen, zwei werden es noch in diesem Jahr (keine Ahnung wann). Dazu eine Kurzgeschichte und erst letzte Woche die Rohübersetzung einer TV-Dokumentation (dazu werde ich mich hier im Blog noch äußern). Die erste Übersetzung (Eingesperrt von Brian Keene) ist 2011 erschienen. Es waren Novellen von 100 Seiten dabei, aber auch Romane mit 250 und sogar 600 Seiten.

Immer wieder kommen Leute mit der Suchanfrage »Übersetzer werden« auf diesen Blog, den ich am 7. 11. 2011 mit diesem Blogeintrag gestartet habe: Wie ich Literaturübersetzer werde oder grandios scheitere

Mit diesem Blog wollte ich die obige Frage praktisch mit Livedokumentation beantworten; am eigenen Beispiel zeigen, wie man Literaturübersetzer wird. Zweieinhalb Jahre und acht Bücher später muss ich aber eingestehen, dass mir die Beantwortung dieser Frage nicht gelungen ist.

Ja, ich übersetze Literatur, und ja, ich könnte auch noch weiter Bücher übersetzen. Aber unter »Literaturübersetzer werden« verstehe ich, dass man das nicht nur tut, sondern auch davon leben kann. Und genau das, kann ich nicht.

Während der letzten vier Jahre, in denen ich studiert habe, war das kein Problem, aber jetzt muss ich ein regelmäßiges Einkommen haben. Am Montag trete eine feste (Teilzeit) Stelle als Sozialpädagoge an. Was nicht schlimm ist. Im Gegenteil, ich mache diese Arbeit gerne. Und dass es sich um eine halbe Stelle handelt, lässt mir auch noch Zeit für Übersetzungsaufträge.

Aber ich muss auch der Realität ins Auge sehen, alleine vom Übersetzen könnte ich in absehbarer Zeit nicht leben. Es ist mir nicht gelungen, gut bezahlte (im Sinnen von »davon Leben können«) Aufträge von Verlagen zu bekommen.

Ich habe extra den Einstieg über Kleinverlage gewählt, um Erfahrung zu sammeln, um mir eine Bibliografie aufzubauen und um Kontakte zu knüpfen. Die acht Übersetzungen für Kleinverlage (zwei davon waren einigermaßen anständig bezahlt) haben mir viel Spaß gemacht, ich habe dabei viel gelernt, viele interessante Menschen kennengelernt und glaube auch, dass ich inzwischen ein deutlich besserer Übersetzer bin, als ich es noch vor zwei bis drei Jahren (und auch vor einem Jahr) war.

Es werden immer wieder verschiedene Tipps gegeben, wie man Übersetzungsaufträge bekommen kann. Kontakte zu anderen Übersetzern knüpfen, zu Übersetzerstammtischen gehen, eben erstmal für Kleinverlage für wenig Geld arbeiten, an Übersetzungsseminaren teilnehmen und (was aber nur selten klappen soll) sich bei Verlagen bewerben.

Ich habe mich im letzten halben Jahr bei neun Genreverlagen beworben. Abgesagt hat einer, der Rest hat sich gar nicht gemeldet. Gut, Fantasy und SF ist momentan rückläufig. Es erscheinen immer weniger Übersetzungen, die Zahl ist seit 2010 um 40 Prozent zurückgegangen. Vielleicht hätte ich es in einem anderen Genre (Krimi oder Erotikschmonzette) versuchen sollen, aber ich habe halt bisher nur Genreerfahrung, und es soll auch schwer sein, aus der Schublade rauszukommen. Vielleicht waren auch meine Bewerbungen schlecht? Ich weiß nicht?
Und zugegeben, meine schriftliche Bewerbung bei Festa vor zwei Jahren, hat tatsächlich funktioniert, die Zusammenarbeit auf Dauer allerdings nicht.

Ich habe mich bei mehreren Übersetzungsseminaren beworben, stets ohne Erfolg, und wenn man noch eine feste Stelle hat (habe im letzten halben Jahr Teilzeit (unter 50% im Kindergarten gearbeitet), um seine Kosten zu decken, wäre es auch schwierig, Zeit für ein einwöchiges Seminar zu finden.

Ich habe für drei Kleinverlage acht Romane übersetzt, ohne dass mir dass irgendwie weitergeholfen hätte, außer bei meiner persönlichen bzw. fachlichen Entwicklung.

Ich kenne inzwischen unzählige ÜbersetzerInnen, Lektorinnen und sonstiges Verlagsvolk, aber ich bin wohl ein schlechter Netzwerker, dem es nicht gelingt, diese Kontakte zur Auftragsgewinnung zu nutzen. Wobei der Auftrag für die TV-Doku tatsächlich über einen solchen Kontakt zustande kam. Aber eben keine Literaturübersetzung. (Das mit der Doku hat mir übrigens viel Spaß gemacht, und es werden hoffentlich noch weitere folgen.)

Wenn ich diese Sommer meine dritte Captain-Future-Übersetzung abgeben haben werde, werde ich erstmals seit 2011 ohne Übersetzungsauftrag für ein Buch sein. Ich habe mir auch vorgenommen, erst wieder einen schlecht bezahlten (so muss man sie leider nennen) Übersetzungsauftrag für ein Buch anzunehmen, wenn ich vorher eine professionell bezahlten (mit einem Normseitenhonorar über 10 Euro) bekommen habe.

Viele professionelle Übersetzer machen solche kleine Aufträge – für Freunde, aus Spaß, weil ihnen das Buch am Herzen liegt oder aus sonstigen Gründen. Aber sie machen es neben ihren Übersetzungen mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Alles andere wäre auf Dauer Selbstausbeutung. Manche Leute übersetzen auch aus Spaß neben ihrem Vollzeitbrotberuf, weil es ihnen Spaß. Aber das ist nicht mein Anspruch. In meiner Freizeit möchte ich an meinen eigenen Werken schreiben (die bisher nur für die Schublade sind).

Insofern lieber Blogbesucher, der du wissen möchtest, wie man Literaturübersetzer werden kann – ich kann dir die Frage nicht beantworten. Die hier aufgezählten Versuche gelten als die üblichen Wege und vielleicht magst du mehr Erfolg damit haben als ich, aber die Frage: Wie werde ich Literaturübersetzer?, kann ich in diesem Blog nicht beantworten.

Meine Mission, dies in diesem Blog zu dokumentieren ist gescheitert. Das finde ich schade, aber verbittert bin ich darüber nicht (ein wenig frustriert aber durchaus). Ich habe auch noch nicht aufgegeben, sehe meine Chance aber aufgrund der aktuellen Situation auf dem Büchermarkt als sehr schlecht. Ich weiß von vielen Übersetzern, die bisher gut im Geschäft waren, dass sie inzwischen Schwierigkeiten haben, Aufträge zu bekommen. Nicht wenige orientieren sich um, machen andere Übersetzungen, bauen sich ein zweites Standbein auf usw. Vielleicht ändert sich die Situation auch wieder? Vielleicht habe ich einfach die richtige Chance übersehen, als sie sich mir bot? Wer weiß?

Translate or Die wird es weiter geben. Ich werde hier weiter gut gelaunt über meine nicht-literarischen Übersetzungen berichten, über die Phantastikszene, über lesenswerte Bücher und Serien, sowie Essays und Artikel schreiben.

Wie schon geschrieben, meine feste Stelle ist eine Teilzeitstelle, und ich werde weiterhin als Übersetzer arbeiten und nehme gerne (anständig bezahlte) Aufträge entgegen.

Und wer könnte diesem sympathischen Übersetzer schon widerstehen?

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9 Gedanken zu “Translate or Die? Literaturübersetzer werden?

  1. Wenn man bedenkt, daß neben den Autoren die Übersetzer die wichtigsten Menschen im interkulturellen Dialog sind, ist es eine Schande, wie diese bezahlt werden. Aber das hat in Deutschland Tradition, wir bezahlen ja auch unsere Kindergärtner oder Krankenschwestern nicht angemessen für die erbrachten Leistungen. Danke für diesen ausführlichen Beitrag.

  2. Ich ziehe den Beruf der Übersetzerin für mich zwar nicht in Betracht (Gott, wie ich diese Übersetzungskurse im Studium gehasst habe – das ist absolut nichts für mich!), finde deinen Beitrag aber sehr interessant. Freunde von mir studieren Übersetzungswissenschaften und haben auch gehörigen Bammel vor dem Berufseinstieg und dein Beispiel zeigt ja, wie schwer ist scheinbar ist, in dem Berufsfeld Fuß zu fassen, selbst wenn man mit Leidenschaft dabe ist. Ich finde es bewunderswert, dass du dich dennoch nicht unterkriegen lässt und daran festhältst. Ich drück‘ die Daumen, dass bald weitere (und anständig bezahlte – warum müssen Geisteswissenschaftler sich eigentlich immer unter Wert verkaufen?!?) Aufträge hereinkommen!

  3. Ich bewundere Deine Offenheit, die Art wie Du nüchtern eigene Schwächen markierst und dabei Frust zur Kenntnis nimmst, aber nicht tonangebend werden lässt. — Gutes Gelingen dem Balancieren Teilzeitjob & Übersetzerei, Kollege!

  4. Bin froh, dass es kein Abschiedspost wurde!
    Hau rein Markus, so wie es gute ÜbersetzerInnen braucht, ist auch ein engagierter Sozialpädagoge ein Wunder!

  5. Viele Literaturübersetzer haben andere Brotjobs – frag mal die aus kleineren Sprachen 😀

    Auf die Mischung kommt’s an und darauf, sich nicht die Freude am Tun verderben zu lassen.

    Dein Blogeintrag, so ernüchtert er auch klingt, deutet mir darauf hin, dass du auf dem richtigen Weg bist!

  6. Ich habe noch von keinem Literaturübersetzer gehört, der weniger als – grob geschätzt – 10 Jahre übersetzt und davon allein leben kann. Die haben alle noch andere Standbeine und/oder einen gut verdienenden Partner. Zu den üblichen Startschwierigkeiten als Freiberufler kommt bei Literaturübersetzung eben auch noch die meist unterirdische Bezahlung, durch die man kaum Rücklagen für Auftragsflauten bilden kann.

  7. Ach, noch was, Markus. Du schreibst: Ich habe mich im letzten halben Jahr bei neun Genreverlagen beworben.

    Das ist zu wenig. Hatte ich dir nicht mal meine Faustregel gesagt? Sie geht so, und das ist jetzt allgemein an den Nachwuchs gerichtet:

    Macht jede Woche eine Akquise. Immer die, die ihr am lockersten hinbekommt – aber jede Woche eine. Weniger hieße, sich selbst ein Bein zu stellen, mehr wäre Aktionismus.

    Ich sage immer, und das ist eine Erfahrungszahl: Zehn Prozent der Kaltakquisen klappen irgendwann.

    Bei 26 Akquisen hättest du, Markus, also jetzt zwei bis drei Aufträge an Land gezogen. Bei neunen eben so null bis einen …

    Also, wenn du das Feuer noch hast: Halte durch!

    Und fasse bei den Verlagen oben nach! (Auch das zählt zur wöchentlichen Akquise.)

    Die antworten nicht? Prima, dann biete ihnen noch mal deine Dienste an! Leg ein Exemplar deiner passendsten Übersetzung bei! Ja, das gedruckte Buch – keine billige Datei. Zeig ihnen, dass du (dir) was wert bist. Und dass du sie knacken willst, diese hartschaligen Austern.

    Und zu guter Letzt, wegen der Begriffsverwirrung: du „bewirbst“ dich als Dienstleister nicht – du biestest an.)

  8. Vielen Dank für die Kommentare!

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