Aktuelles: Phantastische Netzstreifzüge 6

Eigentlich wollte ich nur einmal pro Woche Netzstreifzüge unternehmen, aber da sich schon wieder einige interessante Links angesammelt haben, gibt es jetzt schon Nachschub. Ich muss mich ja nicht künstlich selbst beschränken. Eine neue Ausgabe kommt einfach raus, wenn genug Material und Zeit vorhanden ist.

Die neue SF u. F Rundschau von Josefson ist da. Seiner Empfehlung von Perdido Street Station kann ich mich nur anschließen. Ein Wahnsinnsroman. Ansonsten stehen Annihilation von Jeff VandeMeer und eventuell Der Gottbettler (trotz des bescheuerten Titels) auf meiner Leseliste. Die Golkonda-Sachen sowieso. Den Chiang habe ich schon angefangen.

Deutschen Lesern dürfte Jacqueline Carey vor allem durch ihre erotisch angehauchte, komplexe Intrigenfantasy Kushiels Dart bekannt sein. Mit ihrer Sundering Duologie (Banewreaker & Godslayer) hat sie aber ein interessantes Werk abgeliefert, dass bekannte Motive Tolkiens geschickt auf den Kopf stellt. Ich habe es noch nicht gelesen (was ich noch nachholen werde), aber Rob H. Bedford, der sie auf SF-Signal vorstellt und richtig Lust darauf macht. Die beiden Bücher sind übrigens 2009 unter den Titeln Elegie an die Nacht 01 u. 02: Der Herr der Dunkelheit u. Der Fluch der Götter bei Lyx erschienen. Was an mir völlig vorbeigegangen ist, da ich diesen Verlag einfach nicht auf dem Schirm habe.

Eines der besten Bücher, das ich in den letzten zehn Jahren gelesen habe, ist Die gelöschte Welt (The Gone-Away World) von Nick Haraway (das Buch hat NinjasNinjas!!!!), jetzt ist endlich sein zweites Buch Der goldene Schwarm (Angelmaker) auf Deutsch erschienen. Der Knaus Verlag scheint es ernst damit zu meine, und hat einen tollen Buchtrailer produziert:

Der Münchener Verein Die Phantasten hat sich aufgelöst. Damit wird es in Zukunft vermutlich auch keinen Mucon mehr geben. Diese Fandomveranstaltung hat sich, glaube ich, in den letzten 3 Jahren in München etabliert. Ich hatte es bisher nicht dorthin geschaft, finde es aber sehr schade, dass es einen Con weniger im Jahreskalender geben wird. Es gab wohl einige Querelen und unschöne Aktionen, dazu war der Con schwer zu finanzieren und hatte nicht die besten Besucherzahlen (trotz des attraktiven Programms).

Wer sich (wie ich) für Science Fiction in den unterschiedlichsten Formen und Medien interessiert, kommt am japanischen Zeichentrick, also am Anime, nicht vorbei. Bereits in den 70er Jahren begeisterte die japanische! Zeichentrickserie Captain Future zahllose Kinder und Jugendliche; eine Begeisterung, die bei manchen auch heute noch nachwirkt. Meine erste Animeserie (damals wusste ich gar nicht, was das ist) war Captain Harlock.

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Diese VHS-Kassette habe ich als kleiner Steppke in den 80ern auf irgendeinem Flohmarkt aufgetrieben. Was Animes sind, habe ich erst gelernt, als ich mir zu Beginn der 90er Akira aus der hiesigen Videothek ausgeliehen habe. Da begann meine Leidenschaft für Animes. Vor allem in Filmform, zunächst für so Endzeitklopper wie Fist of the North Star, Tentakelschmuddelhorror wie Urutsoki Doji, Ghost in the Shell und alles, was ich bekommen konnte. Bald befanden sich auch SF-Serien bzw. deren Filmverwurstungen wie Gundam Wings oder Neo Genesis: Evangelion auf meinem Schirm. Welch reichhaltigen Schatz an SF-Serien es aus Japan gibt, stellt Animario auf Serienjunkies.de in einem sehr lesenwerten Artikel vor, der einen tollen Einblick in das Genre des Science Fiction Animes liefert. Da ist von schneller Action, Space Opera, Cyberpunk bis zu tiefer gehenden Werken alles dabei.

Ich sehe mir aktuell die (im Artikel nicht erwähnte) Serie Psycho-Pass an, die eine ähnliche Thematik wie Minority Report aufgreift, in dem Verbrecher bereits verhaftet oder exekutiert werden dürfen, wenn der Computer sagt, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Verbrechen begehen werden. Ein hochaktuelles Thema, das unterhaltsam, spannend und differenziert behandelt wird.

Gerade wurden die Nominierungen des Kurd-Laßwitz-Preis 2014 bekannt gegeben. Ich gratuliere allen Nominierten. Der Preis zeichnet seit Anfang der 80er Jahre Schaffende im Bereich der Science Fiction in verschiedenen Kategorien aus. Für beschämend halte ich allerdings, dass mal wieder kein Hörspiel nominiert wurde, da angeblich keines erschienen sei, das sich einer Nominierung als würdig erwiesen hätte. Dabei gab es 2013 einige gute SF-Hörspiele (auch gebührenfinanzierte, die ausschließlich im Radio liefen). Ist schon interessant, dass ein SF-Genrepreis an dieser Stelle so scheuklappenartige auf eine scheinbare Unterscheidung zwischen E und U fixiert ist, während im Romanbereich anscheinend ganz andere Kriterien angewendet werden. Mir fällt es deshalb schwer, diesen Preis ernst zu nehmen. Was man mit Preisen aber sowieso nicht allzu sehr machen sollte. Sie sind eine tolle Sache für die Nominierten und die Preisträger, aber ansonsten …  bieten sie vor allem wieder für Diskussionsstoff im Fandom. 😉

Ich habe es leider nicht auf die Fantasy Filmfest Nights 2014 geschafft. Aber Torsten Dewi war dort und schildert seine Eindrücke der gesehenen Filme wie immer in nachvollziehbaren Kritiken (Teil 1, Teil 2 und Teil3). Im Forum des FFF-Archivs wird übrigens vom Fantalk mit den Machern des Festivals berichtet und über die Änderungen im Ablauf diskutiert.

Auf dem Blog Skalpell und Katzenklaue gibt es einen interessanten und sehr ausführlichen Artikel, der sich wiederum einen Blogartikel von Sofia Samatar (Autorin von A Stranger in Olandria) auseinandersetzt. Samatar stellt die These auf, dass Steampunk in Afrika (nicht afrikanischer Steampunk!) nicht funktionieren würde, weil Steampunk per Definition ein westliches, kolonialistisches Genre sei, dass vor allem durch die hiesige Industrialisierung geprägt wird und diesen Fortschritt (inklusive seiner negativen Folgen für die kolonisierten Länder) völlig unkritisch propagiere. Zumindest habe ich es so verstanden.

Raskolnik wiederum sieht darin eine Fortschritts- und Technologiefeindlichkeit, die sich vor allem in der intellektuellen linken Postmoderne zeige, die wie die linke, angloamerikanische SFF Gemeinde vor allem von Ideen der Identitätspolitik beeinflusst sei. Raskolnik sieht den imperialistischen Kolonialismus als etwas, dass nicht durch Ideen sondern durch materielle Realitäten überwunden werden kann.

So bin ich überzeugt davon, dass Sofia Samatar von einem ehrlichen Abscheu vor dem Kolonialismus und seinen kulturellen Ausdrucksformen beseelt ist. Das Problem ist, dass ihre Weltanschauung einer realen Überwindung des Imperialismus im Wege steht. Denn selbiger ist nicht Teil einer vergangenen Epoche (der »Moderne«), sondern eine aktuelle Realität. Er basiert nicht auf irgendwelchen Ideen (dem »westlichen Fortschrittsgedanken«), sondern auf materiellen Grundlagen. Er besteht in erster Linie nicht aus kulturellen Phänomenen, sondern aus ökonomischen Ausbeutungs- und politischen Abhängigkeitsverhältnissen. Um ihn zu überwinden, müsste der Kapitalismus überwunden werden. Und dies wäre nur auf der von der industriellen Entwicklung der letzten Jahrhunderte gelegten Basis möglich.

Samatar unterscheide seiner Ansicht nach in westlich, Fortschritt = böse; und prä-industriell, nicht-westlich = gut, und eine Verlegung des industriellen Fortschritts nach Afrika wäre auch ein kolonistischer Akt.
Mir fehlt die Zeit jetzt wirklich ausführlich darauf einzugehen, ich kann beide Seiten verstehen, stimme aber keiner zu. Mann muss bedenken, dass der industrielle Fortschritt (Erfindung der Dampfmaschine usw.) historisch mit der Kolonisierung einhergegangen ist und beides war sicher primär durch das Streben nach Reichtum und Macht angetrieben, aber dabei sollte man die kulturellen Gegebenheiten der Zeit und der Gesellschaft nicht völlig ausblenden.

Raskolnik schreibt: Er [der westliche Imperialismus] besteht in erster Linie nicht aus kulturellen Phänomenen, sondern aus ökonomischen Ausbeutungs- und politischen Abhängigkeitsverhältnissen. Um ihn zu überwinden, müsste der Kapitalismus überwunden werden. Und dies wäre nur auf der von der industriellen Entwicklung der letzten Jahrhunderte gelegten Basis möglich.

Aber hey, hier geht es um phantastische Literatur, da sollte alles möglich sein, auch die Überwindung des Kapitalismus und Steampunk in Afrika. Letzteres wird natürlich schwierig werden, da dieses Dampf getriebene Szenario oft gewählt wird, um eine Atmosphäre des Abenteuers und der Entdeckung zu erzeugen, die die grausame Realität des Kolonialismus stark verklärt.

Ich halte es für legitim, die Moderne kritisch zu betrachten. Man sollte nie vergessen, auf was unser heutiger Wohlstand und unser technologischer Stand aufgebaut wurde. Da kann ich es verstehen, wenn man einfachere (nicht primitivere) Gesellschaftsformen favorisiert (wobei man da aufpassen muss, dass man nicht in das abdriftet, was häufig als »Verklärung des edlen Wilden« bezeichnet wird und Rassismus von der anderen Seite sein kann). Diese gut-böse-Denke ist aber nicht meins. Ich kann auch nicht so etwas wie Kollektivschuld empfinden, höchstens eine gewisse Verantwortung. Ich fühle mich wohl, so wie ich lebe, in einer modernen, technologisierten und industriellen Gesellschaft, kann mir aber auch vorstellen, dass ein einfaches Leben, ohne den ganzen Kram angenehm sein kann.

 

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