Übersetzungsfehler: Als die Comics das Laufen lernten

Vorweg. Es geht mir nicht darum, andere ÜbersetzerInnen bloßzustellen, sondern einfach darum, auf geläufige Übersetzungsfehler hinzuweisen. Fehler, die mir in meinen Übersetzungen auch passieren.

Ich lese gerade das Buch Gone Girl, das aktuell von David Fincher verfilmt wird. Insgesamt liest sich die deutsche Übersetzung recht flüssig und fehlerfrei, aber ein dicker Klops ließ mich doch staunend zurück.

Als es zunächst hieß, dass sich die beiden Protagonisten einen Comic auf einer Raub-DVD ansehen würden, habe ich nur kurz gestutzt und überlegt, ob so etwas wohl in New York üblich sei (was immer auch eine Raub-DVD ist?). Später führte der Protagonist und Erzähler dann ein Telefonat und meinte, dass er im Hintergrund einen „Comic laufen höre„. Wo er wohl hinläuft, der Comic, dachte ich mir. Hat er vielleicht in der unsichtbaren Universität angerufen, wo Bücher durchaus schon mal weglaufen können? Aber da hat sich niemand mit einem „Ugh“ gemeldet. Sondern eine normale Frau. Die Mutter am anderen Ende der Leitung schickte dann ihre Kinder runter, und mir wurde klar, dass da kein Comic das laufen gelernt hat, sondern im Fernsehen ein Cartoon läuft. So steht es bestimmt auch im Original. Dass man im Jahr 2013 einen (TV-) Cartoon als Comic übersetzt, ist schon ein heftiger Klops.

Comic = Comic, kann in Heftform gelesen werden, als Album, in einer Zeitung oder auch in Buchform.
Cartoon = Zeichentrickserie oder Film, wenn man heute von Cartoons schreibt bzw. spricht, sind in der Regel „animated cartoons“ gemeint, also Zeichentrickserien wie Bugs Bunny, Road Runner usw.
Es gibt natürlich auch die ursprüngliche Form des Cartoons, der eine Karikatur in einer Zeitung meint oder einen kurzen Comicstrip wie Calvin und Hobbes  oder die Peanuts, die mit vier oder fünf Bildern einen Strip in einer Zeitung bilden.

Aber Comic ist immer etwas zum Lesen. Es gibt Comicverfilmungen als Realfilm, also mit echten Schauspielern, oder in animierter Form, das sind dann aber Zeichentrickfilme oder Trickfilme. Kommen sie aus Japan, wo man Comics als Mangas bezeichnet, nennt man die Filme Animes.
Viele Comics werden inzwischen auch als Graphic Novel bezeichnet, weil man hofft, sie damit aus der Schmuddel oder Kinderecke zu bekommen. Dabei handelt es sich eben um Comics mit mehr Tiefgang bzw. literarischem Anspruch, letztendlich sind es aber trotzdem Comics, eine Kunstform, die schon seit Jahrzehnten neben Kindergeschichten auch anspruchsvolle und differenzierte Werke liefert.

Nachtrag: Comicexperte Stefan Pannor hat mich auf eine Fehler in meiner Erklärung hingewiesen.

Comicstrips sind keine Cartoons.

Allgemein meint der Cartoon im Deutschen entweder den Kurztrickfilm oder das Witzbild (also nicht die Karikatur), das ergibt sich aus dem Kontext. Zum Comicstrip ist er in jedem fall deutlich abzugrenzen: das Witzbild ist nicht sequentiell, der Kurztrickfilm kein stehendes Bild. (Und es sind eher drei bis vier Bilder. 5-Bild-WochentagssStrips sind vor dem 2. Weltkrieg weitgehend ausgestorben.)

2 Gedanken zu “Übersetzungsfehler: Als die Comics das Laufen lernten

  1. Ist schon ein skuriller Fehler … ich habe den allerdings auch schon im Alltag gehört. Anlasten würde ich so was weniger der Übersetzung – niemand weiß über alles Bescheid, und in jedem Buch kann man ganz leicht an die Grenzen seiner Sachkompetenz stoßen, ohne es auch nur zu bemerken -, sondern eher dem Lektorat. Dessen Aufgabe ist es eben, alles, was ein bisschen komisch klingt, noch mal abzuchecken. Hier hat das Lektorat entweder geschlampt, oder es fehlte zufällig an genau der gleichen Stelle an Wissen, was mir doch sehr unwahrscheinlich vorkommt.

  2. Sehe ich ähnlich. Ich habe das Buch jetzt durch. Später ist noch davon die Rede, dass jemand „große Anime-Augen“ hat und von jemandem mit einer „Stimme wie ein Cartoon-Schläger“. Beides passt an den Stellen und wurde wohl richtig verwendet.

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