Werkstattbericht: vom Hilfsverb und Verb „war“

Ich gehe gerade mit der Suchfunktion sämtliche Sätze durch, in denen das Hilfverb war (also die Vergangenheitsform von sein) vorkommt. Solche Hilfsverben sind natürlich wichtig bei der Bildung bestimmter Zeitformen, wie dem Plusquamperfekt, der in einem solche Roman, der in der dritten Person in der Vergangenheitsform, also dem Perfekt geschrieben ist. Das Plusquamperfekt ist die Vorvergangenheit (oder auch abgeschlossene Vergangenheit), die immer dann zum Einsatz kommt, wenn es um Ereignisse geht, die vor der aktuellen Handlung, die ja im Perfekt beschrieben wird, passiert sind. Da wird dem Verb dann noch das Hilfsverb sein oder haben zur Seite gestellt.

Hier mal ein Beispiel:
Die Männer im Kommunikationsgraben waren zweifellos in Deckung gegangen …

Sie gingen nicht in Deckung, sondern befanden sich bereits dort – also: waren gegangen. Man könnte auch schreiben hatten Deckung gesucht, aber da ist nicht so eindeutig, ob  sie auch Deckung gefunden haben.

Im Englischen heißt das: The men in the communications trench were no doubt hunkered down …

Wobei ich hier jetzt etwas unsicher bin. Die Handlung in Deckung zu gehen, ist ja abgeschlossen, aber sie befinden sich immer noch in Deckung. Vielleicht kann mir da einer der Grammatikexperten weiterhelfen.

Ich könnte wohl auch schreiben: Die Männer befanden sich zweifellos in Deckung. Aber im Deutschen spricht man ja eher von in Deckung gehen. Manchmal verändert sich bei einer Übersetzung auch die grammatikalische Form bzw. die Zeit, weil im Deutschen einfach eine andere Ausdrucksweise für den Vorgang üblich ist.

Aber war taucht nicht nur im Plusquamperfekt auf. Oft (natürlich nicht immer) ist es auch Faulheit oder Schlamperei:

Sein erster Schuss traf den Watschler, der ihm am nächsten war stand, direkt ins Gesicht, schleuderte ihn auf dessen Hintermann und schickte beide zu Boden.

Hier dient das war keiner grammatikalischen Funktion, es wird nicht zu Bildung des Plusquamperfekts benötigt. Es ist kein Hilfsverb sondern ein vollständiges Verb. Es geht einfach um den Watschler (untoter Soldat), der ihm am nächsten ist). War kann vieles bedeuten, stand, saß, lag. Wenn aber aus der Handlung hervorgeht, welche dieser Aktionen gemeint ist, kann man sie auch mit einem präzisen Verb etwas eleganter ausdrücken. Dadurch verringert sich die Anzahl der unzähligen Wortwiederholungen mit war und waren, und die Formulierung bzw. Aussage wird präziser.

Warum darauf achten?

Wortwiederholungen nerven und ermüden den Leser. Ein breiterer Wortschatz sorgt für Abwechslung, liest sich flüssiger und der Leser kann sich die Handlung bildlicher vorstellen.

Bei all dem muss man natürlich darauf achten, dass man dem Original treu bleibt und inhaltlich nichts verändert.

Nachtrag:

Natürlich kann man nicht jedes war als Verb austauschen. Oft ist es auch wichtig, richtig oder hat so gar eine bestimmte Wirkung. Einer der berühmtesten Romananfänge aller Zeiten fängt in der deutschen Übersetzung mit ganz der Wiederholungen des Verbs war an:

Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis. Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns. Wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, die Periode glich der unsrigen so wenig, daß ihre lärmendsten Tonangeber im Guten wie im Bösen nur den Superlativgrad des Vergleichens auf sie angewendet wissen wollten.

Quelle: aus Charles Dickens »Eine Geschichte von zwei Städten«. http://gutenberg.spiegel.de/buch/7038/2

It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair, we had everything before us, we had nothing before us, we were all going direct to Heaven, we were all going direct the other way–in short, the period was so far like the present period, that some of its noisiest authorities insisted on its being received, for good or for evil, in the superlative degree of comparison only.

Quelle: Charles Dickens »A Tale of Two Cities«

Wie man sieht, kommt das englische Verb was im Original viel häufiger vor. In der deutschen Übersetzung hat der Übersetzer es also auch deutlich reduziert, ohne dass der Text seine Wirkung verliert. Wobei die Übersetzung inhaltlich nicht so ganz richtig ist. Das worst of times wird hier zu schönste Zeit gemacht. Damit geht der Gegensatz, der den ganzen Beginn ausmacht bei diesem ersten Beispiel verloren.

Zweiter Nachtrag – hier ist die wesentlich bessere Übersetzung vom Suhrkampverlag:

Es war die beste und die schlimmste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis: es war der Frühling der Hoffnung und der Winter der Verzweiflung; wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, diese Zeit war der unsrigen so ähnlich, dass ihre geräuschvollster Vertreter im guten wie im bösen nur den Superlativ auf sie angewendet wissen wollte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s