Werkstattbericht: Ein Käfig voller Heldenblut

das-blut-der-helden

Aktuell sitze ich mitten in der Übersetzung von Joseph Nassise »Das Blut der Helden«. Der Roman spielt im Ersten Weltkrieg, der 1918 nicht endete. Denn die Deutschen hatten die tolle Idee ihre Truppen mittels Leichengas in Mehrwegsoldaten zu verwandeln, die wie in unserem heutigen Müllkreislauf, erst durch die vollständige Verbrennung ein Ende finden. So lange wollen sie nur eines: fressen – und zwar die Lebenden. Also watscheln diese hirnlosen Untoten über die Schlachtfelder Frankreichs und trachten allem, was noch nicht nach Verwesung müffelt, nach dem Leben.

Nassise Erster Weltkrieg unterscheidet sich deutlich von dem, der wirklich stattgefunden hat. Nicht nur gibt es die sogenannten Watschler (Shambler), sondern auch technische Erfindungen, die ihrer Zeit weit voraus sind, und den Laboren des unvermeidlichen Nikola Tesla entstammen – der vermutlich sämtliche bekannten Inkarnationen des Steampunks und der Alternative History in Buch, Film und Serienform heimsucht.

Wie kann es 1918 mechanische Federwerkshände geben, die so gut wie beim Sechs-Millionen-Dollar-Mann funktionieren?

Nikola Tesla!

Wie kann es Kanonen geben, die elektrische Ladungen verschießen und dampfgetriebene LKW?

Nikola Tesla!

Zum Glück werden diese technischen Spielereien aber wohldosiert eingesetzt, so dass zumindest halbwegs das Gefühl entsteht, dass man sich als Leser tatsächlich durch die schlammigen, blutigen Gräben und das von Stacheldraht gesäumte Niemandsland kämpft.

Für mich als Übersetzer ist es manchmal schwierig herauszufinden, ob es die im Text erwähnten technischen Geräte, Waffen und Flugzeuge damals tatsächlich schon gab. Wenn ja, dann gibt es dafür nämlich auch feststehende deutsche Begriffe, die ich recherchieren muss.

Neben dem Infanteristen Captain Burke, der sich mit seiner Federwerkhand durch die Zombiehorden am Boden kämpft, ist die zweite Hauptfigur das Fliegerass Major Freeman, der sich in einem »Dogfight« mit dem untoten Baron Manfred von Richthofen duelliert. Es gibt also auch einige Flugzeugbezeichnungen und Begriffe aus der Fliegerei. Wer weiß schon aus dem Stegreif, was ein Immelmann ist?

Hinzu kommt, dass die Recherche des Autors teilweise wohl sehr oberflächlich ausgefallen ist. Ca. 90% aller deutschen Begriffe, die er im englischen Text verwendet, sind falsch. Wenn ein deutscher Soldat dem amerikanischen Gefangenen das Kommando »to move« erteilt, steht dort »Verschieben!«. Das passiert, wenn man den erstbesten Begriff aus dem Googletranslator nimmt.
»The secret People« sind »das Geheime Volks«, den der Translator sagt ja, dass »people« »Volk« heißt.  We the people – Wir, das Volk …

Das Buch hätte auch ein gutes Lektorat vertragen können, da Nassise seine Sätze teilweise unnötig umständlich und kompliziert formuliert. Man hätte sie schon im Original kürzer und flüssiger formulieren können, was es für mich schwieriger macht, sie adäquat zu übersetzen. Im Deutschen kommt automatisch noch Text dazu, wodurch die ohnehin schon langen und umständlichen Sätze noch länger und damit fast unlesbar werden. Teilweise muss ich zwei Sätze daraus machen.

Ich bin natürlich nicht der Lektor des Originals, aber ich habe auch den Anspruch einen lesbaren, guten deutschen Text abzuliefern, weshalb ich gelegentlich mal etwas kürzen muss, ohne das aber der Inhalt verändert wird. Der Autor hat die Angewohnheit Sachen, die er gerade erst erklärt hat, oder die offensichtlich sind, kurz darauf noch einmal ausführlich zu erklären, was zu unnötigen Wiederholungen führt.

Ein Beispiel: der Pilot Freeman kämpft in einer Grube voller verwesender Leichen gegen einen mutierten Riesen. Als Waffe schnappt er sich einen spitzen Knochen. Nach dem beschrieben wurde, wie er sich den Knochen greift und hochhebt, wird kurz darauf, als er den Knochen als Waffe benutzt nochmal erwähnt, dass es der Knochen ist, den er in seiner Hand hält, obwohl das durch die Beschreibung von kurz zuvor offensichtlich ist.

Ein anderes Beispiel: He rolled down the sleeve of his wool uniform shirt and got up
from the camp stool he’d been sitting on.

Captain Burke steht aus dem Stuhl auf, in dem er gesessen hat. Aus welchem Stuhl soll er denn sonst aufstehen? Der zweite Teil des Satzes ist überflüssig. Im Englischen kann man das durchaus so formulieren, aber im Deutschen hört sich das holprig an.

Er rollte den Ärmel seines wollenen Uniformhemdes herab und stand aus dem Feldstuhl auf.

Das ist jetzt noch ein einfaches Beispiel mit einem kurzen Satz, aber das Prinzip zieht sich durch den gesamten Text und viele Sätze die, wenn ich sie ganz nah am Original übersetzen würde, oft mehr als 30 Wörter pro Satz haben.

Es ist immer wieder dieses »had«, dass der Autor gerne benutzt. »He swung the stick he had picked up a minute before.« Obwohl im Satz zuvor genau dieses Aufheben des Stocks beschrieben wurde. (Das ist jetzt ein erfundenes Beispiel)

Versteht mich aber nicht falsch, das sind typische Probleme, mit denen sich ein Übersetzer beschäftigen muss. Trotzdem ist »Das Blut der Helden« ein spannendes, unterhaltsames und einfallreiches Buch mit viel Action.

Zombies, Erster Weltkrieg, mechanische Hände, Luftkämpfe mit Doppeldeckern, ein untoter Baron von Richthofen, finstere Experimente in tiefen Verliesen, ein grausiges Gefangenlager, dessen Oberst Klink … äh Schulheim nicht ohne Grund spitz gefeilte Zähne hat.

Einerseits versuche ich dem Stil des Originals treu zu bleiben, andererseits aber auch einen lesbaren deutschen Text abzuliefern. Inhaltlich wird sich natürlich überhaupt nichts ändern. Es gibt nicht die richtige Übersetzung. Mit meiner Übersetzung versuche ich, die gleiche Wirkung des Originaltexts auf dessen Leser auch für den deutschen Leser zu erzeugen. Ob mir das gelingen wird, bleibt abzuwarten.

In meinem nächsten Werkstattbericht wird es einen längeren Textauszug als Beispiel geben.

 

P.S. Gebt mir bitte Bescheid, falls ihr in meinem Blog Werbeanzeigen seht. Das macht WordPress manchmal bei seinem kostenlosen Angebot (kostenlos für mich als Blogbetreiber). Dann muss ich doch ein paar Euro in die werbefreie Version investieren.

Ein Gedanke zu “Werkstattbericht: Ein Käfig voller Heldenblut

  1. Das Buch klingt interessant, sag Bescheid wenn es erscheint….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s