Abweichung von der Norm – warum uns der aktuelle Überwachungsskandal alle angeht!

In meinem letzten Blogeintrag ging es um unter anderem um Überwachung, und warum sie jeden von uns angeht. Ich erwähnte, dass man sich schon verdächtig mache, wenn man von der Norm abweiche. Auf diese Abweichung von der Norm möchte ich in diesem Eintrag etwas genauer eingehen.

»Mir ist die Überwachung egal, ich habe nichts zu verbergen.« Das ist ein Totschlagargument, das einem in der aktuellen Diskussion immer wieder begegnet. Und es ist falsch. Denn für die Überwachungsapparate ist es vollkommen irrelevant, ob jemand der Meinung ist, dass er nichts zu verbergen habe. Entscheidend ist, ob Big Brother glaubt, ob man etwas zu verbergen hat. Auch wenn man vollkommen transparent ist, alle scheinbar harmlosen Informationen über sich freiwillig preisgibt, kann man trotzdem ins Visier der Terrorfahnder geraten.

Ich will das mal an einem einfachen, persönlichen Beispiel erklären.

Das hier ist meine Uhr (sehe gerade auf dem Bild, dass sie etwas schmutzig ist).

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Eine Casio F91-W, ein weltweit sehr beliebtes Modell. Ich brauche keine schicke, teure Uhr oder einen dicken Klotz am Handgelenk. Ich will nur eine simple, dezente Uhr, die mir zuverlässig die Uhrzeit anzeigt. Ich will niemanden nach der Uhrzeit fragen, oder mein Handy (das ich fast nie bei mir habe) rauskramen müssen. Ich trage dieses Modell schon seit über 20 Jahren. Die nicht auswechselbare Batterie hält 7 Jahre (das Armband geht manchmal schon vorher kaputt, aber nicht immer), sie kostet aktuell 12.99 Euro, früher waren es mal 5 Euro, und davor 5 DM. Bevor ich nach Brasilien geflogen bin, habe ich mir gleich zwei Exemplare gekauft, für den Fall, dass eine ausfällt. Es kommt also vor, dass ich mehr als ein Exemplar auf einmal kaufe.

Was hat das alles jetzt mit der Überwachungsthematik zu tun? Nun, diese Uhr ist nicht nur bei normalen Leuten beliebt, die einfach die Uhrzeit angezeigt haben wollen, sondern auch unter Terroristen, wie man in diesem Artikel bei Spiegelonline nachlesen kann. Diese Terroristen benutzen die Uhr nicht zur Zeitanzeige, sondern als Zeitzünder beim Bombenbau.

Ich habe nichts zu verbergen, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Ich habe einfach eine Vorliebe für ein bestimmtes Uhrenmodell, und ich kaufe es gerne auf Vorrat. Würde ich mir jetzt bei Amazon mehr als ein Exemplar bestellen, würde ich dann auf einer Terrorliste landen? Würde ich mich verdächtig verhalten und von der Norm abweichen? Wer kauft denn schon mehr als ein Exemplar des gleichen Modells? Niemand trägt die gleiche Uhr in zwei Ausfertigungen an den Handgelenken. Es ist auch keine Uhr, die man jemandem schenken würde. Was will also jemand, mit mehr als einem Exemplar? Die Einzigen, die diese Uhren sonst in Massen kaufen, sind Bombenbauer. Und schon bin ich auf dem Radar der Sicherheitsbehörden. Und wer einmal verdächtig wirkt, der wird diesen Verdacht nie hundertprozentig los. (Nein, bisher habe ich noch keinen Besuch von den Schlapphüten bekommen. Das ist jetzt nur ein hypothetisches Beispiel.)

Wir wissen gar nicht, was die Sicherheitsbehörden alles als verdächtige Aktivitäten ansehen. Und damit kann niemand von uns sagen, dass er nichts zu verbergen und damit auch nichts zu befürchten habe. Ich vermute, dass die meisten Menschen auf dieser Welt, sich gelegentlich auf eine Weise verhalten, die von dem, was die Gesellschaft oder die Behörden als Norm ansehen, abweicht. Es reichen ja schon bestimmte Äußerungen auf Twitter, bestimmte Reizwörter in E-Mails, oder eben Sachen, die man nicht macht.

In den USA (aber auch in anderen Ländern) verbreitet sich zum Beispiel immer mehr die Ansicht, dass jemand der keinen Facebook-Account habe, verdächtig erscheine, dass er etwas zu verbergen habe, denn jeder normale Mensch  sei doch inzwischen bei Facebook. Nur Querulanten, Terroristen und Amokläufer wie Anders Breivik haben so etwas nicht. Unternehmen werden misstrauisch, wenn sie Bewerber nicht bei Facebook finden.

Woran liegt das? Wir leben in den USA aber auch in Deutschland (und vermutlich fast überall) in normativen Gesellschaften. Das sind Gesellschaften, die nach bestimmten Normen und Werten leben, die als allgemein anerkannt gelten (meist geprägt durch Religion und in Europa auch stark durch die Aufklärung). Wer von diesen Normen abweicht, der gilt als Außenseiter. Solche Menschen hatten es in den vergangenen Jahrhunderten schon immer schwer. Rothaarige Frauen wurden als Hexen bezichtigt und verbrannt, Menschen mit körperlichen Entstellungen bzw. Abweichungen wurden in Freakshows begafft, Homosexuelle werden bis heute in vielen autoritären und restriktiven Gesellschaften diskriminiert und verfolgt. Vor nicht allzu langer Zeit musste sie auch bei uns im aufgeklärten Europa ins Gefängnis. Punks hatten sich demonstrativ als Außenseiter gegeben, und die Werte der Gesellschaft abgelehnt.

Bis heute ist es in unserer ach so aufgeklärten und liberalen Zeit so, wer von der gesellschaftlichen Norm abweicht, gilt als anders, als sonderbar, als verdächtig. Die konservativen Wertevorstellungen einer normativen Gesellschaft sind immer noch tief in vielen von uns verankert, oft auch ganz unbewusst.

Das hat viel mit Vorurteilen zu tun. In der Evolutionsgeschichte der Menschheit spielen Vorurteile eine wichtige Rolle. Sie waren zeitweise überlebenswichtig, denn sie sorgten für Vorsicht. Wie aber auch in der aktuellen Sicherheitsdebatte neigen Menschen dazu, ihre Positionen und Ansichten bis ins Irrationale zu übertreiben. Aus gesunder Vorsicht werden übertriebene und unbegründete, zum Teil sogar widerlegte Vorurteile. Und zwar allem gegenüber, was anders ist, als man selbst. Die eigene Lebensweise wird oft als der einzig Wahre angesehen, wie man zum Beispiel an der aktuellen Debatte über das Adoptionsrecht für Homosexuelle sieht. »Zwei Väter für ein Kind, das ist doch nicht Normal. So bin ich nicht aufgewachsen, und ich hatte doch eine schöne und behütete Kindheit, mit Vater und Mutter. Alles andere kann dann doch nicht funktionieren.«

Durch den starken Einfluss von Religion, Tradition und homogener Gesellschaftsstrukturen aus den letzten Jahrhunderten haben sich diese normativen Ansichten bis heute gehalten. Erst ganz langsam verbreiten sich Diversität und Individualismus. Auch wenn unsere heutige Gesellschaft als vom Individualismus geprägt gilt, und einige darin den Untergang des Abendlandes sehen.

Dieses normative Gesellschaftsbild prägt leider auch das Denken vieler Politiker und der Sicherheitsbehörden. Dort wird mit Parametern festgelegt, was als normal und damit als ungefährlich gilt. Alles, was von diesen Parametern abweicht, gilt als potenziell verdächtig. Es ist eine Eigenschaft von Überwachungsstaaten, dass man Individualismus unterdrücken will. Alle sollen sich gleich verhalten und nach den gleichen Werten und Ansichten leben. Das bedeutet für den Staat vermeintliche Stabilität, Berechenbarkeit und Sicherheit.

Diese Sicherheit streben die Geheimdienste und Behörden zurzeit an. Um sie zu erreichen, verwandeln sie unsere Gesellschaft immer mehr in einen Überwachungsstaat, in dem die demokratischen Strukturen erodieren. Und wie die Geschichte gezeigt hat, ist in einem Überwachungsstaat jeder verdächtig, jeder wird bespitzelt und niemand ist sicher. Auch wenn er nichts zu verbergen hat.

Ich möchte mit diesem Beitrag keine Paranoia schüren, sondern einfach zum Nachdenken anregen. Demnächst ist Bundestagswahl, und bevor man seine Stimme abgibt, sollte man sich die Positionen unserer Parteien zu dieser Thematik genau anschauen. Welche Partei tritt uneingeschränkt für die Verteidigung unserer Grundrechte und gegen eine staatliche Überwachungskultur ein?

Aber was ist mit Euch? Habt Ihr etwas zu verbergen? Wie steht Ihr zum aktuellen Überwachungsskandal?

Hier ein passendes Video von Tom Waits aus dem Jahr 1999:

3 Gedanken zu “Abweichung von der Norm – warum uns der aktuelle Überwachungsskandal alle angeht!

  1. Gelungenes Beispiel mit der Uhr!

  2. Guter Text!

    Im Kern geht es um die Unterwanderung des Unschuldsverdachts. Dieser ist zusammen mit der U-Haft-Einschränkung (nicht länger als eine kl. Anzahl Stunden in U-Haft festhaltbar sein) m.E. ein Grundpfeiler einer freien Gesellschaft – solange mir nichts Gegenteiliges bewiesen wurde, bin ich autom. unschuldig. Basta.

    In den Spät-Neunzigern hatte ich viel mit Ausländern und ihren Problemen in Kiel zu tun. Zu dieser „aufgeklärten“ Zeit war es dort völlig normal, dass das Ausländeramt/Ordnungsamt Nachbarn eines „gemischten“ Ehepaares (ein dt. Partner, ein ausländischer ohne dt. Staatsbürgerschaft) dazu aufforderte, dieses Paar zu beobachten, und Verhalten entspr. einer Scheinehe zu melden! Ich konnte nicht glauben, dass das im modernen Deutschland noch möglich war!

    P.S.: In meinem engl. Blog habe ich genau 1 Tag nach dir auch das Thema „Normalisierung“ und die Folgen, allerdings etwas frivoler. Reiner Zufall bzw. Synchronizität! 😀 (Keine Überwachung! ;-))

    • Danke Yipi! Deinen Blogeintrag kann ich auch nur zustimmen. Ich gehe zum Beispiel fast immer ohne Handy aus dem Haus (schwer verdächtig), und auch wenn ich schon mal Filme über ITunes ausleihe, gehe ich immer noch gerne in die Videothek. Ins Kino gehe ich gerne alleine, zu Zeiten, an denen es möglichst leer und ruhig ist.

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