Parque Oziel – Eintrag 10: Wohnungen und Gebäude

Sonntag – Brasilientag. Wie immer hier ein neuer Teil aus meiner Diplomarbeit von 2007. Hier gibt es die vorherigen Teile: https://translateordie.wordpress.com/category/parque-oziel/

5.3 Wohnung

Obwohl die Häuser in Oziel auf uns und auch auf die Brasilianer der Mittel- und Oberschicht ärmlich wirken, und wir uns nicht vorstellen, könnten in einer solchen Behausung zu leben, haben die Kinder keine Hemmungen stolz ihre winzigen Häuser und deren spärliche Möblierung zu zeigen. Sie haben nicht viel, präsentieren aber stolz das Wenige, das sie haben. Was fast alle haben, ist ein

Fernseher

Abb 13Abb. 13
Brasilien ist eine Fernsehnation, die süchtig nach den täglich ausgestrahlten Telenovelas – Seifenopern, die vorwiegend das fiktive Leben der Reichen und Schönen zeigen – ist. Und auch in der Favela darf der Fernseher nicht fehlen. Die hier von dem Fotografen in leichter Schräglage fotografierte Kommode mit dem Fernseher, der Hi-Fi Anlage und dem DVD-Player ist ein typischer Anblick für die Wohnungen in Parque Oziel. Wo diese eigentlich teuren Geräte herkommen, wagte ich nicht zu fragen. Elf unterschiedliche Fernseher wurden von den Kindern fotografiert. Das unterscheidet brasilianische Slums vermutlich von anderen Armenvierteln in der Welt. Ich denke dieses eine Beispiel für Fernseher reicht. Erwähnen sollte ich vielleicht noch, dass man in Brasilien an jeder Straßenecke raubkopierte DVDs billig kaufen kann.

Einrichtung

Die Einrichtung der Wohnungen ist meist spärlich aber durchaus ausreichend. Kühlschrank, Herd, Schränke, Bett oder zumindest Matratzen sind in der Regel vorhanden. Meist sind es natürlich gebrauchte Möbel, die man hier in Deutschland höchstens auf dem Sperrmüll finden würde.

Abb 14Abb. 14

Kühlschränke scheinen für die Kinder wichtig zu sein, wurden sie doch mehrfach als Motiv gewählt. Hier steht der Kühlschrank eingebettet zwischen zwei Schränken, vollgestellt mit Blumen und religiösen Symbolen. Die Wohnungen sind eng, also muss der wenige vorhandene Platz effektiv genutzt werden. Auf dem Schrank steht ein Küchengerät, daneben hängt ein Regenschirm. Der Sommer in Brasilien ist auch Regenzeit. Es regnet alle paar Tage sehr stark, und Regenschirme sind zu dieser Zeit von großem Nutzen.
Die Wand im Hintergrund ist nur zum Teil verputzt. In Brasilien ist es üblich, bereits vor Fertigstellung in die Neubauten einzuziehen, sobald ein oder zwei Zimmer fertig sind. Der Rest wird weitergebaut, wenn Geld oder Material dafür zur Verfügung steht.

Abb 15Abb. 15

Hier ein Beispiel für eine unfertige Wohnung. Der Boden ist nur teilweise gefliest, die Farbe bröckelt ab und die Wände sehen feucht aus. Die kahlen Wohnungen sehen ungemütlich aus, und wenn im Winter die Temperaturen unter 10 Grad sinken, muss es in den unbeheizten Häusern ziemlich kalt werden.

Die Motivwahl auf Abb. 14 lässt darauf schließen, dass das Kind das fotografiert hat, sich der problematischen Wohnsituation bewusst ist. Da das Bett nicht in der Mitte des Bildes ist, wurden wohl auch die Wände und der Boden mit Absicht fotografiert. Das Bett steht nicht ganz gerade, und wurde scheinbar absichtlich nach links verschoben, damit der Boden dahinter sichtbar wird.

Abb. 16 Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

Auf diesem Bild wird der krasse Gegensatz zwischen der Unterhaltungselektronik und dem spärlichen Rest der Wohnung besonders deutlich. Der Junge, der hier genau in der Mitte des Bildes steht und in die Kamera lächelt, scheint seinen ganzen Stolz zu präsentieren. Einen großen Fernseher mit DVD Player und einer Stereoanlage; das alles steht mit zahlreichen CDs in einer ordentlichen Kommode, die wiederum vor einer löchrigen und unprofessionell zusammen gezimmerten Bretterwand steht. Rechts sieht man eine kahle graue Wand in der gleichen Farbe wie der Boden. An den Bildrändern unten rechts und links erkennt man ein großes Sofa, auf dem sicher die ganze Familie vor dem Fernseher Platz nehmen kann.

Für Familien die im Schnitt drei Kinder haben, sind diese Häuser viel zu klein. Oft müssen alle Familienmitglieder in einem Raum schlafen. Auf Abb. 1 ist eine hochgestellte Matratze zu sehen, dies taucht auf mehreren Bildern auf. Die Bewohner müssen den wenigen Platz effektiv nutzen.

5.4 Gebäude

Die Kinder haben viele Gebäude fotografiert, wobei bestimmte Gebäude immer wieder auftauchen. Vor allem die Schule, das P.A.F. und die Kirche. Wohnhäuser wurden eher selten fotografiert, wenn dann, wie weiter oben gesehen, von innen.
Zum passenden Übergang von den Wohnungen zu den Gebäuden sehen wir nun eine der wenigen Außenaufnahmen der Wohnhäuser.

Wohnhaus

Abb 17Abb. 17

Fast in der Bildmitte steht ein aus unterschiedlichen Holzbrettern zusammen gezimmertes „Haus“. Hier in Deutschland würden wir dieses Haus höchstens – abwertend – als Bruchbude bezeichnen. Ein Teil der Vorderfront ist nur mit gelber Folie abgedeckt. Das Dach besteht aus Wellblech. Das Haus wirkt als könnte es bei dem nächsten kräftigen Sturm einfach fortgeweht werden. Links und rechts davon sehen wir zwei im Bau befindliche Ziegelbauten. Diese aus Stein gemauerten Häuser lösen die behelfsmäßigen Bretterbuden mehr und mehr ab.

Dem Fotografen kam es scheinbar nicht nur auf das Haus alleine an, sondern auch auf seine Umgebung. Die zwei bereits erwähnten Steinhäuser, der Weg und der unebene Platz vor dem Haus, die Stromleitung, der Himmel über der Favela und selbige im Hintergrund. Rechts unterhalb der Eingangstür und links von dem kleinen Baum sitzen – kaum zu erkennen – zwei Kinder.

Wenn man bedenkt, dass viele der Bewohner Oziels vorher gar kein Land und keine Unterkunft hatten, ist ein solches Haus schon ein Fortschritt. Es gibt fließendes Wasser und Strom. Das Land gehört den Bewohnern noch nicht. Lange haben sie es illegal besetzt. Inzwischen bietet die Stadt Campinas ihnen das Land zum Kauf an. Leider zu einem – für die Bewohner – unerschwinglichen Preis.

Schule

Wie schon gesagt, die Wohnhäuser wurden selten fotografiert. Das Gebäude das am häufigsten gewählt wurde, ist die Schule von Parque Oziel.

Abb 18Abb. 18

Die Schule wurde von der Straße aus fotografiert. Dabei hat der Fotograf Wert darauf gelegt, dass der Banner mit dem Namen der Schule genau in die Mitte kommt. Das Bild zeigt ein Kind, das einen selbstgebastelten Drachen steigen lässt – ein typisches Bild für die Favela. Man sieht auch den blauen Zaun, hinter dem die Schule liegt. Die Fenster wirken vergittert. Für uns ist eine solche Schule ein ganz normaler Anblick, doch für die Bewohner von Oziel ist dieses Gebäude etwas Besonderes. Es ist das größte Gebäude in der Favela und sticht aus ihr hervor. Es wurde 2004 fertig gestellt. Vorher wurden die Kinder in Blechcontainern unterrichtet, die sich im Sommer unerträglich aufgeheizt haben und eher an Backöfen erinnerten als an eine Stätte des Lernens.

Abb. 19 Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

Und hier ein Bild, das dem Schriftzug „Escola Viva“ mehr entspricht. Eine typische Pausenszene wie man sie auf fast allen Schulhöfen der Welt findet. Im Gegenteil zu unseren deutschen Schulen tragen die Schüler hier Schuluniformen. Ein weißes Oberteil und eine blaue Hose. Es ist aber nicht so förmliche Kleidung, wie man sie z. B. aus englischen Schulen kennt. Wie man bei dem Jungen in Grün sieht, tragen sie ihre Uniform nicht immer. Vermutlich gibt es nur eine Uniform, und wenn diese gewaschen wird, bleibt den Kindern nichts anderes als Alltagskleidung übrig. Auf diesem Bild tragen alle Kinder Turnschuhe, und nicht die üblichen Flip Flops. Der Junge in der Bildmitte hält eine Tüte mit Süßigkeiten in der Hand. Vor der Schule gibt es übrigens einen Stand, an dem Süßes verkauft wird.
Die Kinder, die bemerken, dass sie fotografiert werden, schauen in die Kamera.  Die beiden Mädchen links auf der Treppe umarmen sich sogar.

Die Schule ist ein enormer Fortschritt für die Bewohner Oziels und wird von den Kindern – größtenteils – begeistert angenommen. Es gibt Stimmen, die sagen, dass viele Kinder nur wegen des Essens kommen. In der Schulkantine gibt es für viele von ihnen die einzige richtige Mahlzeit am Tag. Ich kann diese Aussage nicht beurteilen. Vor allem bei den Mädchen habe ich aber Begeisterung für die Schule gespürt. Das spiegelt sich auch in den Steckbriefen wieder, in denen als Berufswunsch „Lehrer“ eingetragen wurde.

Obwohl die Schule von außen „groß“ wirkt, gibt es nicht genügend Klassenräume, so dass die Kinder zu unterschiedlichen Zeiten Unterricht haben. Manche müssen morgens in die Schule, andere nachmittags oder abends. Die Ausstattung der Schule wirkte sehr antiquiert. Mir ist da ein Kopierer in Erinnerung geblieben, der von Hand gekurbelt wird und mit Alkohol funktioniert. Die Lehrer die wir kennengelernt haben, wirkten sehr engagiert. Das müssen sie wohl auch sein, um in der Favela zu arbeiten. Viele Lehrer würden den Schritt in eine solche Schule nicht wagen.
Wenn ich mir die Bilder von der Schule anschaue, sehe ich vor allem Hoffnung, und sei sie auch noch so gering. Hoffnung für eine bessere Zukunft dieser intelligenten und netten Kinder, die mit Sicherheit das Potenzial haben, es im Leben weit zu bringen. Ich hoffe nur, dass dieses Potenzial nicht ungenutzt bleibt.

Die Kinder sind aber nicht die einzigen, die in diese Schule gehen.

Ein Abend in der Schule

So langsam kam ich ins Schwitzen und wurde immer nervöser. Der Raum füllte sich. Mehr und mehr Leute holten noch Stühle aus den Nachbarklassen. Es war in illustre Gesellschaft die uns in dem völlig überfüllten Klassenzimmer erwartungsfroh anstarrte. Männer und Frauen im Alter von 17 bis 77. Sie tuschelten miteinander, blickten in unsere Richtung und kicherten. Verzweifelt schaute ich zu Thomas und Soleilla denen es auch nicht besser ging als mir. Eleida lächelte uns dabei fröhlich zu.

Eleida ist eine der Schwestern der Familie Campos. Der Gastfamilie von Soleilla und mir. Sie hat uns das ganze eingebrockt. Eleida unterrichtet abends an der Schule von Parque Oziel eine Alphabetisierungsklasse, dass heißt sie bringt den Bewohnern von Oziel lesen  und schreiben bei. Als die Klasse hörte, dass Eleida Besuch aus Deutschland bekommt, waren sie ganz neugierig darauf uns kennen zu lernen, um mehr über Deutschland zu erfahren. Also bereitete Eleida mit ihnen Fragen vor und lud uns zu nächsten Stunde ein. Nur waren es insgesamt vier Klassen, von denen uns nun jeweils zwei in einer Stunde „verhören“ sollten.
Zumindest fühlte ich mich wie bei einem Verhör. Zu dritt vor der Tafel stehend, von Blicken durchlöchert und keiner Ahnung, wie wir die Fragen auf Portugiesisch überhaupt verstehen sollten.

Als endlich los ging, war der Bann schnell gebrochen. Die Menge durchlöcherte uns mit Fragen über das Leben in Deutschland, Eleida half dabei uns die Fragen verständlich zu erklären wir bekamen es irgendwie auf die Reihe alles zu beantwortet und hatten dabei – wider Erwarten – auch noch Spaß. Als ich auf die Frage, ob wir den Freundinnen hätten, mit nein antwortete, erklärte sich die ganze Klasse bereit mir eine auf der Straße zu suchen. In diesem lockeren Ton gestaltete sich das ganze Interview. Einzig bei einer Frage wurde es etwas heikel. „Ob wir den religiös seien?“, wollten sie wissen. Thomas wich der Frage geschickt aus. Soleilla antwortete so lange bis keiner mehr verstand was sie eigentlich erzählte. Nur ich setzte mich ins Fettnäpfchen. „Ich bin Atheist“, antwortete ich ehrlich. Thomas meinte vor der Fragestunde, die streng religiösen und einfachen Menschen von Oziel könnten bei einer solchen Antwort beleidigt sein. Doch ich bestand darauf, ehrlich zu antworten. Als Reaktion auf meine Antwort sprang ein älterer Mann auf und rief, mich solle Gott auf der Stelle mit einem Blitz erschlagen.

Im Nachhinein muss ich Thomas Recht geben. Eine diplomatischere Antwort meinerseits wäre wohl angebrachter gewesen.

Insgesamt war es aber eine tolle Erfahrung. Die Neugierde dieser illustren Klasse hat mich sehr beeindruckt und fasziniert. Auch ihr Wille, noch im teilweise hohen Alter Lesen und Schreiben zu lernen.

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