Parque Oziel – Eintrag 9: Selbstporträts und Freunde

Hier der neunte Teil aus meiner Diplomarbeit von 2007. Die vorherigen Teile findet Ihr hier: https://translateordie.wordpress.com/category/parque-oziel/

Selbstporträt

Ich habe die Selbstporträts unter dem Punkt Familie eingeordnet, da man ja selbst zu seiner eigenen Familie gehört. 13 der 34 Kinder haben sich selbst fotografiert. Dabei kann man drei Arten unterscheiden. Diejenigen, die die Kamera ungefähr in Kopfhöhe von sich weghalten, die die sich im Spiegel fotografieren und noch eine dritte kreative Art, auf die ich später näher eingehen werde.

Abb. 6 Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.
Abb. 6 ist das gelungenste Selbstporträt. Der Fotograf hat es geschafft, sich selber und vor allem seinen Kopf genau in die Mitte des Bildes zu bekommen. Dabei wird der Oberkörper aber nicht abgeschnitten wie in Abb. 7, sondern ist noch bis zu den Hüften zu sehen. Auch die Arme sind fast bis zu den Ellenbogen zu sehen. Der Kopf wirkt, dadurch, dass er vorgestreckt wird, übergroß und dominiert das Bild eindeutig. Der Gesichtsausdruck ist neutral. Der Fotograf trägt ein ordentliches und sauberes weißes T-Shirt mit Kragen.

Der Hintergrund scheint sorgfältig ausgewählt zu sein. Er zeigt in der unmittelbaren Umgebung des Fotografen einen Bretterzaun und eine Art Verschlag. Der weitere Hintergrund wird von der Farbe Grün dominiert und zeigt zwischen Wiesen und einzelnen Bäumen auch einige Häuser. Der letzte Teil des Hintergrundes, der Horizont, ist eine Mischung aus blauem Himmel und weißen Wolken.

Man kann den Hintergrund in drei Farben aufteilen: Braun, Grün und Blauweiß. Der Kopf des Fotografen schafft, es alle drei Bereiche abzudecken. Auch ihn kann man in drei Farbbereiche einteilen: das Weiß des T-Shirts, das im Kontrast zum braunen Hintergrund steht; das Braun seiner Gesichtsfarbe, das im Kontrast zum grünen Hintergrund steht und das Schwarz seiner Haare, das im Kontrast zum blauweißen Hintergrund steht.

Ohne zu sehen was er fotografiert, ist es dem Fotografen gelungen sich selber genau in die Mitte und in den Vordergrund des Bildes zu setzen, und dabei im perfekten Kontrast zum Hintergrund zu stehen.

Abb. 7 Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

Auch hier hat es der Fotograf geschafft, sich genau in die Mitte des Bildes zu setzen. Anders als in Abb. 6 ist der Oberkörper nur in Schulterhöhe zu sehen; die Arme sind gar nicht zu sehen. Durch die gerade Körperhaltung dominiert der Kopf das Bild nicht so stark wie in Abb. 6. Der Mund ist leicht verzehrt und im rechten Mundwinkel kann man ein Piercing erkennen. Um dessen Inszenierung ging es dem Fotografen wohl hauptsächlich. Er ist der Einzige, der sich selbst mehr als einmal, insgesamt viermal, fotografiert hat. Erstaunlicherweise sind es gerade diese vier Fotografien, die die beste Qualität haben. Denn dieser Fotograf ist der einzige, bei dem mehr als 10 Bilder nichts geworden sind, und auch die, die gelungen sind haben eine unterdurchschnittliche Qualität. Er ist auch der älteste Jugendliche in diesem Projekt und der einzige, der nicht mit einem Computer umgehen konnte.

Auf den anderen drei Selbstporträts (siehe DVD im Anhang) wurde ein neutraler Hintergrund gewählt. Auch auf diesem Bild scheint der Hintergrund nur eine geringe Bedeutung zu haben. Vermutlich hat er sich hier vor seinem Haus fotografiert, auf den anderen Selbstporträts dann im Haus.

Abb.8 Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

Insgesamt haben sich vier Fotografen im Spiegel selbst fotografiert. Diese ist aber der einzige dem es gelungen ist, auf dem Bild erkannt zu werden. Die andern drei haben die Kamera vor ihr Gesicht gehalten, und sich zu nahe an den Spiegel gestellt. Dadurch blendet der Blitz so grell, dass man kaum etwas erkennen kann. Der Fotograf in Abb.8 hat eine Lösung für dieses Problem gefunden. Sein Abstand zum Spiegel ist groß genug, und dadurch, dass er die Kamera auf Kniehöhe hält, taucht der Blitz nur am unteren Bildrand auf, und man kann den Fotografen erkennen. Auch ein Teil der spärlich eingerichteten Wohnung – wie man sie auch schon von den vorigen Fotos kennt – ist zu sehen.

Die schwarze Box im Hintergrund könnte ein Gitarrenverstärker sein, das ist aber nicht genau zu erkennen. Aber auch das gemalte Bild, auf dem ein Mädchen Panflöte spielt, lässt auf jemand mit musikalischem Interesse deuten. Der Fotograf ist übrigens kein Teilnehmer des Fotoprojektes. Vermutlich ist es ein Bruder.
Der Fotograf betrachtet sich selbst im Spiegel. Es ist aber nicht zu erkennen, ob ihm gefällt was er sieht.

Welches Bild die Kinder von sich selbst haben, kann ich nicht sagen. Aber aus den Berufswünschen in den Steckbriefen (siehe Kapitel „Die Kinder), kann man lesen, dass sie durchaus mit positiv und mit Hoffnung in die Zukunft schauen, wenn auch nicht ganz realistisch. Aber dafür sind sie ja Kinder.

Porträt4Abb.9

Hier noch ein letztes Beispiel für ein kreatives Selbstporträt. Der Fotograf hat den eigenen und den Schatten eines Freundes fotografiert. Wenn man genau hinschaut, kann man die Kamera in der Hand des linken Jungen erkennen.

5.2 Freunde

Es ist meist schwer zu erkennen ob es sich bei den fotografierten Personen um Freunde, Verwandte, Bekannte oder nur zufällig Vorbeikommende handelt. Ich habe vor allem die Bilder der Kategorie Freunde zugeordnet, die andere Kinder innerhalb von Wohnungen und Klassenräumen, beim Sport oder einfach beim Zusammensitzen zeigen. Kinder die dem Fotografen zulachen oder Späße machen. Aufgrund der Deutungsschwierigkeiten werde ich in dieser Kategorie nur einige wenige Bilder behandeln. Ganz weglassen wollte ich sie aber auch nicht, da Freunde im Leben eines jeden Kindes eine wichtige Rolle spielen.

Abb.10 Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

Hier eine Gruppe von Freundinnen, die zusammen vor einem Haus sitzt. Das Mädchen mit dem roten Oberteil, das im Vordergrund (an erster Stelle) sitzt, scheint die Hauptperson (sie ist auch die einzige der vier Mädchen die einzeln fotografiert wurde) dieses Fotos zu sein. Durch die Perspektive wirkt sie größer als die anderen drei Mädchen, die hinter ihr sitzen bzw. stehen. Die Szene scheint nicht gestellt zu sein. Alle vier schauen in unterschiedliche Richtungen; die Hauptperson telefoniert mit einem Handy. Die Mädchen scheinen alle im gleichen Alter zu sein, und die unterschiedliche Hautfarbe lässt darauf deuten, dass sie keine Geschwister sind. Sie scheinen auf der Veranda des Hauses zu sitzen, in der linken Bildecke steht ein (Ess?) Tisch; in dem Raum im Hintergrund steht ein Herd.

Alle Mädchen haben lange Haare, wie fast alle Mädchen in Parque Oziel. Ich habe keine Jungen mit längeren Haaren gesehen. Das Mädchen im Vordergrund gähnt; alle vier haben einen fröhlichen und zufriedenen Gesichtsausdruck. Dass nur Mädchen auf dem Bild zu sehen sind, ist ein typischer Anblick für Parque Oziel. Mädchen spielen mit Mädchen und Jungen mit Jungen. Die Jungen spielen Fußball, die Mädchen Volleyball. Die traditionelle Rollenverteilung zeigt sich hier auch bei den Kindern.

Abb.11 Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

Hier ein Beispiel für ein gestelltes Gruppenfoto. Sechs Mädchen stehen nebeneinander, daneben eine etwas ältere Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm. Der einzige Junge auf dem Bild sitzt abseits im Schatten, und wirkt als würde er nicht richtig dazugehören.
Als Erstes fallen mir die Beine der Mädchen auf, die fast alle nur sehr knappe Röcke tragen. Drei lachen richtig und zeigen ihre Zähne; drei haben ein angedeutetes Lächeln und nur zwei haben einen neutralen Gesichtsausdruck.

Das blonde hellhäutige Mädchen steht im krassen Kontrast zu den Anderen und sticht aus diesem Bild auffallend hervor. Blonde Haare sieht man in Brasilien selten, und in der Favela noch viel seltener. Nur das Mädchen mit dem hellblauen Oberteil und die Frau schauen direkt in die Kamera. Alle anderen blicken in unterschiedliche Richtungen. Sie tragen alle die typischen Flip Flops und sind bunt gekleidet – eine für Brasilien typische bunte Bekleidung, die die brasilianische Lebensfreude widerspiegelt. Typisch für die Favela ist auch, dass nur ein Erwachsener und viele Kinder auf dem Bild sind, was für den Kinderreichtum Brasiliens steht.
Der Hintergrund ist eine graue – für die Favela untypisch – verputzte Mauer. Die Gruppe steht genau in der Mitte des Bildes. Nur der Junge fällt aus dem Rahmen.

Abb.12 Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

Dieses Bild zeigt die einzige halbwegs asphaltierte Straße in Oziel (und das auch nur für ein kurzes Stück). Die einzige Straße, auf der es möglich ist, mit einem solchen Roller zu fahren. Man sieht diese Roller auch nicht sehr oft in der Favela, so dass sich mehrere Kinder mit einem vergnügen müssen. Was, wie man auf dem Foto sieht, auch gelingt. Zwar ist nur ein Kind auf dem Roller, doch die anderen drei Jungen laufen mit und haben dabei sichtbar Spaß. Zwei der Junge halten sich an dem Jungen auf dem Roller fest und stützen ihn dabei. Alle vier sind barfuß. Wenn ich da an die ganzen Abwässer und den Müll denke, der auf den Straßen liegt, sträuben sich mir dabei alle Nackenhaare. In Deutschland würde kaum ein Kind auf die Idee kommen, ohne Schuhe auf der Straße Roller zu fahren. Die Straße ist übrigens die Hauptstraße, die auch der Linienbus entlang fährt. Insgesamt ist sie aber nicht stark frequentiert. Autos kommen nur gelegentlich vorbei. Einem freien Spielen steht also nichts im Wege.

Die Kinder in Oziel haben kein eigenes Zimmer und wenig Spielzeug. Die Möglichkeiten sich mit sich selber zu beschäftigen sind sehr gering. Zum Vergleich: Ich selber hatte als Kind nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern noch ein extra Spielzimmer, in dem ich mein zahlreiches Spielzeug unterbringen konnte. Ich konnte stundenlang alleine spielen, ohne mich zu langweilen. Trotzdem habe ich auch viel Zeit mit Freunden auf den Straßen unsers Dorfes verbracht.
Richtige Spielplätze gibt es in der Favela nicht und die Mitgliedschaft im P.A.F. kostet 3 Reais (ca. 1 Euro) im Monat – viel Geld für diese Familien. Es liegt also nahe, mit anderen Kindern Freundschaft zu schließen, und das Wenige, das die Favela zum Spielen hergibt, zu teilen.

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