Parque Oziel – Eintrag 8: Was ist fotografiert worden, und warum. Wiederkehrende Motive und ihre Bedeutung

Brasilientag. Leider gleicht das Wetter in Berlin dem brasilianischen Winter.

Hiermit komme ich jetzt zum zentralen Teil meiner Diplomarbeit: den Bildern der Kinder.
Ich habe mich entschieden, alle Bilder aus der Arbeit auch hier im Blog zu verwenden, bei einigen habe ich allerdings die Gesichter unkenntlich gemacht. Vor allem bei Erwachsenen in privaten Situationen. Die Bilder sind jetzt sieben Jahre alt, wer weiß, wo und wie die Menschen heute leben, was sie arbeiten oder tun. Da könnte es eventuell unangenehm werden, wenn sie heute jemand per Google-Bildersuche auf solchen Bildern entdeckt. Bei den Kindern habe ich die Gesichter nicht verfremdet. Die sind inzwischen ein ganzes Stück älter, teilweise schon erwachsen und haben sich stark verändert.

Die Verwendung von solchen Fotografien ist bei einer wissenschaftlichen Arbeit, ebenso wie bei einer fotojournalistischen, eine heikle Angelegenheit, vor allem wenn die Arbeit veröffentlicht wird. Da sollte auf jeden Fall ein Einverständnis der Beteiligten eingeholt werden.

Ich weiß gar nicht, ob überhaupt jemand diese Blogeinträge zu Parque Oziel liest. Dass auf einen Artikel zugegriffen wird, heißt ja nicht, dass er auch gelesen wird. Hier sind jedenfalls die bisherigen Artikel zu Parque Oziel und diesem Projekt zu finden: https://translateordie.wordpress.com/category/parque-oziel/

5. Was ist fotografiert worden, und warum. Wiederkehrende Motive und ihre Bedeutung

Unter den 915 Aufnahmen gibt es bestimmte Motive, die immer wieder bei den verschiedenen Kindern auftauchen. In diesem Kapitel möchte ich mich diesen Motiven widmen, sie analysieren und versuchen zu erklären, warum sie immer wieder auftauchen, und welche Bedeutung sie für das Leben der Kinder haben.
Grob unterteilt, lassen sich folgende Gruppen herausfiltern:
·    Familie (82)
o    Paare
o    Baby/Kinder
o    Selbstportrait
·    Freunde (64)
·    Wohnung (von innen) (69)
o    Fernseher (17)
o    Einrichtung (41)
·    Gebäude (103)
o    Wohnhaus
o    Schule (36)
o    P.A.F (Jugendzentrum) (13)
o    Kirche (7)
·    Parque Oziel (62)
o    Straßenszenen (65)
o    Natur (47)
o    Oziel im Ganzen
·    Sport (44)
·    Religiöse Motive (12)
·    Tiere (43)

Dies sind die Motive, die ich nach Durchsicht der gesamten Aufnahmen herausfiltern konnte. Ich werde auf jeden einzelnen Punkt eingehen und versuchen diese an einigen Beispielaufnahmen zu analysieren und interpretieren. Dabei werde ich mich nicht auf die Beispielfotos alleine beziehen, sondern auch auf mein Wissen und meine Erfahrungen über Brasilien und Parque Oziel.
Wenn ich die Bilder analysiere und interpretiere, werde mich dabei vor allem auf die für die jeweiligen Gruppen wichtigen Punkte konzentrieren. Das heißt, wenn ich ein Bild unter dem Punkt Familie behandele, werde ich mich auf die für die Familie wichtigen Sachen konzentrieren und andere wie zum Beispiel den Zustand der Wohnung oder der Einrichtung weglassen.

Bei vielen Bildern ist es sehr schwierig einzuschätzen, ob die abgebildeten Personen Familienmitglieder, Freunde oder zufällig vorbeikommende Personen sind. Ich gehe vor allem bei „intimeren“ Aufnahmen, also Bildern die innerhalb der Wohnung gemacht worden und oft Erwachsene bei der Hausarbeit, auf dem Sofa oder im Bett zeigen, davon aus, dass es Familienmitglieder sind, die hier abgebildet wurden.

Die Fotografien der Kinder wurden digitalisiert, so dass ich sie mir am Computer in einem größeren Format anschauen konnte, als es in dieser gedruckten Fassung möglich ist. Im Anhang habe ich eine DVD mit sämtlichen 915 Aufnahmen beigelegt. In dem Ordner „Analyse“ sind die 32 Bilder, die ich im Folgenden verwende, gesondert unter ihrer Abbildungsnummer gespeichert. Um die Bilder den einzelnen Kategorien zuzuordnen, habe ich das Bildverwaltungsprogramm „Picopolo“ benutzt, das im Internet kostenlos erhältlich ist.

5.1 Familie
Hier werde ich mich mit einigen Aufnahmen, die offensichtlich Familienmitglieder zeigen beschäftigen, und versuchen, anhand dieser Aufnahmen den Stellenwert der Familie in Brasilien und in der Favela im Besonderen zu erklären.

Paare

Abbildung 1
Abbildung 1
Das Bild zeigt zwei junge Menschen, einen Mann und eine Frau, die zentral in der Mitte der Aufnahme sitzen; in einer umarmenden Position, die demonstrieren soll, dass es sich um ein Paar handelt. Beide schauen mit geöffneten Mündern, ein leichtes Lachen andeutend,  in die Kamera. So wie der Mann die Frau mit beiden Armen fest umschließt, zeigt er, dass er seine Besitzansprüche an der Frau deutlich machen will. Der eng um den Hals geschlossene Arm wirkt, als wenn er der Frau ein wenig die Luft abdrückt. Einen Ehering tragen die beiden nicht, was aber aus finanziellen Gründen in Oziel nicht ungewöhnlich ist.

Die Kleidung ist leger aber ordentlich und sauber, und zeigt das die Bewohner Oziels Wert auf Sauberkeit und gutes Aussehen legen – trotz der ärmlichen Wohnverhältnisse, die auch auf diesem Bild deutlich werden – auf die ich aber erst im Punkt Wohnung eingehen werde.
Ich vermute, dass es sich bei den Beiden um die Eltern des fotografierenden Kindes handelt. Die Menschen in Oziel heiraten sehr jung und bekommen auch sehr jung schon Kinder. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein vierzehnjähriges Mädchen bereits verheiratet wird. Der Mann sorgt für das Einkommen, die Frau kümmert sich um den Haushalt und die Kinder.

Dass die Eltern – für unser deutsches Verständnis – sehr jung sind, bestätigte sich auch auf der Fotoausstellung, zu der viele junge Elternpaare gekommen sind. Wie zuvor schon erwähnt ist die Favela Parque Oziel erst zehn Jahre alt. Die meisten Bewohner sind aus dem armen Nordosten Brasiliens gekommen, um in Campinas eine bessere Zukunft zu finden. Meist sind dies junge Leute, die die älteren Teile ihrer Familie zurückgelassen haben. Das ist einer der Gründe, warum die Bevölkerung im Durchschnitt sehr jung ist. Die Familien, die unter einem Dach leben, sind für brasilianische Verhältnisse sehr klein. (Hier gibt es natürlich auch Ausnahmen. Es gibt auch ältere Menschen in Parque Oziel, doch das Straßenbild wird von den Jungen dominiert.)

Abb 2
Abb. 2
Hier sehen wir eine ähnliche Pose wie auf Abbildung 1. Ein junges Paar; der Mann hält die Frau von hinten eng umschlungen, wenn auch nicht so erdrückend wie auf dem vorigen Bild. Auch hier ist Kleidung ordentlich und sauber und steht im Kontrast zur ärmlichen Umgebung. Beide schauen diesmal nicht in die Kamera, sondern in unterschiedliche Richtungen. Hier vermute ich, dass es sich eher um ein Geschwisterteil – mit Partner- des fotografierenden Kindes handeln könnte. Auffällig ist noch, dass die Frau eine Brille trägt, was in der Favela auch eher selten vorkommt. Von allen Kindern im P.A.F. z. B. hat nur ein einziges Kind eine Brille getragen.

Abb 3
Abb. 3
Hier ein weiteres Beispiel für einen privaten Einblick, den wir als Außenstehende anders nie bekommen hätten. Ein weiteres Paar in einem praktisch eingerichteten Zimmer; auf einem Bett, der Mann sitzend, die Frau liegend; der Arm aus Zuneigung aber auch besitzanzeigend auf die Frau gelegt. Beide sind leicht bekleidet. Alle Aufnahmen entstanden im Hochsommer. Beide schauen in die Kamera; der Mann trägt einen Ehering. Beide sind älter als die Personen aus den ersten beiden Abbildungen. Da es in Parque Oziel keine Fitnessstudios gibt, gehe ich davon aus, dass der muskulös gebaute Körper des Mannes von körperlicher Arbeit herrührt. Der Mann lächelt, die Frau scheint auch einen freundlichen Gesichtsausdruck zu machen.
Das Kreuz rechts über dem Kopf des Mannes deutet auf eine religiöse Familie hin. Der Banner in der linken Bildecke enthält auch eine religiöse Aussage (aber dazu mehr unter den Punkten Kirche und religiöse Motive).

Babys/Kinder

 

Abb. 4 (habe ich gelöscht, da immer wieder Leute mit Suchanfragen nach nackten oder halbnackten Kinder auf meine Blog kommen)

 

Neben den Eltern sind es vor allem die Geschwister, die auf den Fotos stolz präsentiert werden. Während die älteren Geschwister meist zusammen aber ohne die Eltern gezeigt werden (siehe Abbildung 5) werden die Babys, wie hier auf Abbildung 4 von der Mutter präsentiert.

Das nackte Baby wird von der Mutter genau in der Bildmitte gehalten. Sie selber biegt ihren Körper ein wenig zur Seite und betrachtet stolz und freudig das „stehende“ und lachende Baby. Das Baby selber ist nackt und streckt die Arme, vor allem den rechten, in Richtung Kamera aus. Die Brust glänzt ein wenig vor Nässe, was vermuten lässt, dass das Baby gerade gewaschen wurde.

Das Bild steht stellvertretend dafür, wie stolz die Bewohner Oziels ihre Kinder präsentieren. Dies zeigt, welch hohen Stellenwert Kinder dort haben. Wie ich bereits im Kapitel „Parque Oziel“ erwähnte, sind die Straßen der Favela voller Kinder. 3-4 Kinder pro Familie sind hier die Regel. (Statistische Belege habe ich dafür nicht. Es handelt sich dabei vielmehr um eine Schätzung aufgrund meiner gewonnen Eindrücke.)
Abb. 5 Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

Hier sehen wir ein Beispiel für ein für ein etwas älteres Geschwisterpaar. Beide hocken auf dem Boden – wie der Fotograf scheinbar auch. Das Mädchen hat die Ellenbogen auf die Knie und das Kinn auf die Hände gestützt und lächelt in die Kamera – die in dieser Haltung wohl bequemste Stellung. Der Junge, ein gelbes Fußballtrikot tragend, blickt mit „coolem“ Geschichtsausdruck in die Kamera. Seine Hand zeigt, zu einer Pistole geformt auf den Fotografen. Eine machohafte Geste, die durchaus dem männlichen Selbstverständnis in Brasilien entspricht. Wenn man um die Gewalt und die hohen Anteile an Schusswaffen in brasilianischen Favelas weiß und auch, dass es dort üblich ist, dass Kinder im Alter dieses Jungen mit Pistolen bewaffnet als Fußsoldaten der Gangster agieren, dann wirkt diese Geste gar nicht so lässig, als wenn ein deutsches Kind einen Cowboy imitiert.

Beide Kinder tragen Flip Flops, die in der Favela übliche Fußbekleidung. Fast jeder läuft dort mit diesen brasilianischen Sandalen herum. Beide wirken ungefähr gleich alt und hocken dicht beisammen – die Füße berühren sich sogar – was den engen Zusammenhalt und die Solidarität von Geschwistern untereinander demonstriert.

Familie
Die Familie hat in Brasilien einen noch höheren Stellenwert als bei uns. Es ist üblich, dass die gesamte Familie, in einer Großfamilie –sprich Großeltern, Eltern und  Kinder – in einem Haus wohnen. Das war auch in unseren beiden Gastfamilien der Fall. Thomas wohnte in einer Familie der oberen Mittelschicht zusammen mit der Großmutter, dem Vater, der Mutter und den drei Kindern in einem Haus. Soleilla und ich in einer Familie der unteren Mittelschicht. Es wohnten ca. 10 Familienmitglieder aus vier Generationen in diesem Haus. Wer alles ständig oder nur teilweise in diesem Haus wohnte, hat sich mir auch nach neun Wochen nicht ganz erschlossen.
In Parque Oziel bestehen die Familien in der Regel nur aus zwei Generationen, da die Favela erst zehn Jahre alt ist und die jungen Leute oft ohne ihre Eltern und Großeltern aus den ärmlichen Regionen Brasiliens nach Campinas kamen. Das wird sich im Laufe der kommenden Jahre ändern, da die Bewohner Oziels weiter Kinder kriegen. Dementsprechend wird auch der Wohnraum enger werden (mehr dazu unter dem Punkt Wohnung).

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