Parque Oziel – Eintrag 6: Fotografie und Bildanalyse

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3. Fotografie und Bildanalyse

3.1 Fotografie

In unserer westliche „Wohlstandsstandsgesellschaft“ ist die Fotografie zu etwas Alltäglichem geworden. Fast jeder besitzt einen Fotoapparat – und sei es nur ein Fotohandy. Der Schritt von der normalen Kamera, deren begrenzter Film noch in einem Fotolabor entwickelt werden musste, hin zur Digitalkamera, die eine unbegrenzte Zahl von Fotografien zur Verfügung stellt, die schnell wieder gelöscht, am Computer gespeichert, ausgedruckt und per Mail verschickt werden können, führte zu einer wahren Bilderflut.

In einer Favela wie Parque Oziel ist ein Fotoapparat immer noch etwas Besonderes. Der einzige der dort eine Kamera hatte, war der Fußballtrainer Joao. Es war eine winzige Digitalkamera die fünf Bilder speichern konnte. Kameras und Fotos sind für die Bewohner Parque Oziels ein Luxus, den sich die meisten nicht leisten können.

Was es für diese – ohne Fotografie aufgewachsenen Kinder – bedeutet, ihr Leben, ihr Umfeld und ihre Familie nun mit einer Kamera festzuhalten, kann ich als Außenstehender nur erahnen. Wenn ich hier über die Fotografie schreibe, kann ich das nur aus meiner Betrachtungsweise. Einer Betrachtungsweise, die von klein auf durch Fotografien geprägt wurde: Die ersten Porträtaufnahmen des kleinen Markus – die auf den Wohnzimmerregalen stehend, dem Besucher zeigen, dass hier ein wohlerzogener Junge aufwächst; die Familienfotos, die wie Bordieu schreibt, die Integration der Familiengruppe stärken sollen (vgl. Bordieu, 1965, S. 31); all die Erinnerungsschnappschüsse an die „wichtigen“ Kindheitsereignisse wie Einschulung, Klassenfahrten, Urlaube, Kindergeburtstage usw. Ein ganzes Leben, ordentlich sortiert in Fotoalben, die alle paar Jahre aus dem Schrank gekramt und in melancholischer, leicht wehmütiger Stimmung betrachtet werden.

Ich frage mich, wie meine Erinnerungen an meine Kindheit aussehen würden, wenn ich nicht diese unzähligen Fotos hätte? Erinnerungen, festgehalten durch viele kleine Momentaufnahmen, die mit Hilfe des Gedächtnisses zu einem mehr oder weniger stimmigen Ganzen verknüpft werden.

Das stellt sich mir die Frage, ob die Fotografien die Erinnerungen authentischer machen oder sie eher verfälschen? Bei der Betrachtung der Fotos frage ich mich immer, ob es sich um eine spontane Momentaufnahme oder eine – für den Fotografen – inszenierte Szene handelt?

Pilarczyk und Mietzner bezeichnen eine Fotografie als „eine multiperspektivische Quelle und haben mindestens fünf Perspektiven ausgemacht (Pilarzczyk/Mietzner, 2003, S21f): „
1. Die Fotografenperspektive: Der Blick des Fotografen ist durch die Ausschnittauswahl und die dadurch vorgenommene Bildgestaltung im Bild wirksam.
2. Die Perspektive der Abgebildeten ist in Blickbeziehungen und Körperhaltung fotografisch aufgezeichnet.
3. Die Betrachterperspektive entsteht durch den Blick des Betrachters auf die Fotografie, durch seine Wahrnehmungen und Empfindungen, deren Subjektivität und Emotionalität förderlich oder hinderlich für den Analyseprozess sein können.
4. Gehen in das Bild auch die Perspektiven derjenigen (der Personen oder/und Institutionen) ein, die es verwenden, da dadurch jeweils ein ganz besonderer Aspekt des Fotos hervorgehoben wird.
Schließlich spielt 5. in ganz ähnlicher Weise die Perspektive eventueller Auftraggeber mit hinein, deren Intentionen umgesetzt werden sollen.“

Wie der Titel dieser Arbeit schon sagt, interessiert mich vor allem die Perspektive der Kinder. Die in diesem Fall, vor allem die Fotografen sind. Zum Teil aber auch die Abgebildeten und in unseren Videointerviews auch die Betrachter. Die Rolle der Auftraggeber und der Personen, die das Bild verwenden, fallen meinen Kommilitonen Thomas und Soleilla, aber im Rahmen dieser Diplomarbeit vor allem mir zu.

Auch wenn wir die Kinder frei fotografieren lassen wollten, haben wir ihnen einen Auftrag gegeben: „ Fotografiert was euch gefällt, was euch etwas bedeutet, was in eurem Alltag eine besondere Rolle spielt.“ Dadurch haben wir die Motivwahl der Kinder wahrscheinlich beeinflusst. Wenn ich auch glaube, dass die Vorgaben schnell vergessen waren, nachdem sie die Kameras in den Händen hielten.

Warum gerade Fotografie?

Fotografie ist ein Medium, das ohne Sprache wirkt. Wenn wir ein Bild betrachten, sehen wir, objektiv betrachtet alle dasselbe. Subjektiv gesehen sieht jeder etwas anderes, abhängig von seinem kulturellen Hintergrund, seiner Bildung und seinen persönlichen Erfahrungen. Aber das Lachen eines Kindes erkennt man auf der ganzen Welt.

Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

3.2 Warum Einwegkameras?

Der offensichtlichste Grund ist finanzieller Natur. In dieser Menge (ca. 30 Kameras) konnten wir uns nur Einwegkameras leisten. Zwar haben wir vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) einen Fahrtkostenzuschuss bekommen (ca. 50 % des Flugpreises), alles andere mussten wir uns aber selbst finanzieren. Für 5 Euro pro Stück konnte ich 30 Einwegkameras günstig bei Ebay kaufen. Allerdings waren die ein holländisches „no name“ Produkt und wie sich herausstellte von eher minderer Qualität. Zum einen von der Verarbeitung – in Brasilien angekommen, musste ich einige der Kameras mit Kleber reparieren. Zum anderen von der Bildqualität. Da 30 Kameras zu wenig waren, und zwei nicht mehr zu reparieren waren, musste ich 6 Kameras in Brasilien nachkaufen. Diese Kodakeinwegkameras zeigten eine deutlich bessere Bildqualität. Aber wir waren ja schon froh, dass die holländischen Apparate überhaupt funktionierten und uns der Super-GAU unserer schlimmsten Befürchtungen erspart blieb.

Bevor ich aber überhaupt an die finanzielle Seite dachte, war für mich schon klar, dass ich Einwegkameras verwenden möchte. Wie schon im Kapitel über die Entstehung des Projektes erwähnt, kam mir die Idee durch ein ähnliches Projekt, das im Irak stattgefunden hat, bei dem auch Einwegkameras verwendet wurden. So habe ich von Anfang an gar nicht an eine andere Möglichkeit gedacht. Die Einwegkamera war für mich das perfekte Instrument. Günstig im Preis, einfach in der Bedienung und es wäre nicht schlimm gewesen, wenn einige der Kameras nicht zurückgegeben worden wären. Was aber nicht der Fall war.

Für die Kinder war es natürlich schade, dass sie die Kameras nicht behalten konnten. Die meisten haben uns danach gefragt und waren – verständlicherweise – ein wenig enttäuscht, dass die Kameras nach 26 Bildern unbrauchbar waren.

In Zeiten von Digitalkameras mit denen unzählige Bilde gemacht werden könne – wir drei Studenten haben alle unsere eigene Digitalkamera mitgebracht und hunderte von Fotos geschossen – kann in dieser Beschränktheit von 26 Bilder auch ein Vorteil liegen. In der „digitalen Fast Food Knipserei“ geht den einzelnen Bildern durch die Beliebigkeit der Masse, der Wert eines einzelnen Bildes leicht verloren. Dadurch, dass die Kinder nur 26 Bilder zur Verfügung hatten, mussten sie sich ihre Motive sorgfältig auswählen. Dem einzelnen Motiv wird mehr Beachtung geschenkt, und ich denke, dass diese Beschränktheit auch die Analyse der Bilder erleichtert. Denn welche Motivation könnte man noch in einem Bild erkennen, das als eines von hunderten einfach wahllos geknipst wurde.

Die analoge Fotografie ist auch besser geeignet um bestimmte Momente genau im richtigen Augenblick festzuhalten, da es bei Digitalkameras meist zu einer Verzögerung zwischen dem Drücken des Auslösers und der eigentlichen Aufnahme kommt.

Ich für meinen Teil bin noch ein Anhänger der altmodischen Fotografie, und hatte neben der Digitalkameras auch noch einen  Fotoapparat mit Film dabei
.
Hier sehen wir eines der Kinder mit einer der holländischen Einwegkameras.

Habe alle Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind gelöscht.

Die Kameras waren einfach zu bedienen. Man musste einfach auf den Auslöser drücken und danach den Film an einem Rädchen weiterdrehen. Je nach den Lichtverhältnissen konnte man auch das Blitzlicht benutzen, das sich nach kurzer Wartezeit aufgeladen hat. Alle Kinder sind – wie wir anhand der Ergebnisse feststellen konnten – gut mit den Kameras zurechtgekommen. Trotz unserer in gebrochenem Portugiesisch vorgetragenen Erklärungen.
Obwohl es qualitative Unterschiede zwischen den in Brasilien und den Deutschland gekauften  Einwegkameras gab, ist die Bildqualität insgesamt besser als wir erwartet hatten.

3.1 Bildanalyse

Bei der Bildanalyse geht man meist nach einem bestimmten Schema vor (vgl. Ehrenspeck, 2003). Dazu gehört die Bestimmung von externen Klassifikationsfaktoren wie der Zeitpunkt der Aufnahme, Ort, auf den sich das Bild bezieht, Autorenschaft (wer ist der Fotograf) und  ursprünglicher Verwendungszweck. Dazu kommen noch Daten, die aus den Bildern selbst gewonnen werden können wie etwa Wahl des Films und der Abzüge, Wahl des Bildausschnitts, Objektiv- und Blendenwahl, Kamerastandort, Unschärfe usw.

All dies sind Faktoren, die bei dieser Arbeit vernachlässigt werden können. Denn alle Bilder wurden mit den gleichen Einwegkameras von den gleichen 34 Kindern innerhalb derselben Woche gemacht. Die „primitive“ Technik der Einwegkameras lässt keine Veränderungen an der Kamera zu.

Die Punkte auf die ich mich in meiner Bildanalyse konzentrieren möchte finden sich auf den Fotografien selber:
·    Bildthema
·    Bildgegenstände
·    Körper – die Blickbeziehungen im Bild erfassen und die Gesten und Mimiken interpretieren.

Aber auch, wie Ehrenspeck es sinngemäß formuliert (vgl. Ehrenspeck, 2003): die Wahrnehmung einer imaginären Dimension bestimmt durch kulturelle Konventionen, Motivgeschichte, Bildtradition und ästhetische Umsetzung.
·    Symbole und Motive
·    Licht und Schatten
·   Imaginäre Bildräume mit Horizontlegung, Fluchtpunkt, symmetrischem oder asymmetrischem, zwei- oder dreidimensionalem Bildaufbau

Ich sehe vor allem in den kulturellen Konventionen eine große Herausforderung, da die Fotografien in einer mir fremden Kultur entstanden sind. Hier wird sich zeigen, inwieweit der kurze Einblick – den ich in diese Kultur bei meinem neunwöchigen Aufenthalt bekommen habe – ausreicht um den Fotografien in meiner Analyse gerecht zu werden.

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