Serienempfehlung: Person of Interest

Der ehemalige Soldat und Spion John Reese (Jim Cavizel) streift als bärtiger Obdachloser durch New York, ohne Ziel und ohne großen Lebenswillen. Da entdeckt ihn der mysteriöse Computerexperte und Milliardär Harold Finch (Michael Emerson). Finch hat eine Maschine entwickelt, die Verbrechen voraussehen kann. Genau genommen kann sie nur voraussagen, welche Person in ein Verbrechen verwickelt sein wird. Ob sie dabei Opfer oder Täter (»victim or perpetrator«) sein wird, bleibt offen. Finch erhält eine Sozialversicherungsnummer, Reese beginnt mit der Beschattung dieser Person. Ziel ist es, das Verbrechen zu verhindern.

Die Serie fängt mit klassischen Fall-der-Woche-Folgen an, beginnt aber ca. ab der fünften Episode damit, folgen- und staffelübergreifende Handlungsbögen einzuführen. Die Fälle der Woche sind ausgesprochen clever und abwechslungsreich konstruiert, so dass bei ihnen keine Langeweile aufkommt, und es nur sehr wenige Füller-Folgen gibt.

Der eigentliche Reiz der Serie liegt aber an den vielen unterschiedlichen Handlungsfäden, die jeweils den einzelnen Serienfiguren zugeordnet sind, die mit ihren Vergangenheiten zu tun haben und die diese Figuren in der Gegenwart einholen. Dabei jonglieren die Serienmacher virtuos mit den vielen Handlungssträngen, lassen sie sich immer wieder überschneiden, führen sei teilweise zusammen und lösen manche von ihnen in der zweiten Staffel spektakulär auf.

Was diese Handlungsstränge so interessant macht, sind vor allem die vielschichtigen Serienfiguren, die auf den ersten Blick ganz anders wirken, als sie eigentlich sind. Da ist z. B. Detective Fusco (Kevin Chapman) ein »dirty cop«, ein korrupter Polizist, der von John Reese zur Mitarbeit gezwungen wird (nachdem Fusco Reesse eigentlich umlegen soll). Fusco wird zum Ansprechpartner des Duos Reese und Finch bei der Polizei, bleibt aber nicht der einzige. Auch die alleinerziehende Mutter und Ex-Soldatin Detective Carter, die Reese in der ersten Folge auf dem Revier sitzen hatte und seitdem hinter dem mysteriösen »The Man in the suit«, dem Mann im Anzug, hinterher ist.

Um zu zeigen, wie viele Handlungsstränge es gibt, liste ich sie hier alle auf:

  • HR – ist eine korrupte Organisation innerhalb der Polizei, die bis in die höchsten Ebenen reicht und wie die Mafia kriminellen Geschäften nachgeht. Fusco hat für sie gearbeitet und steckt immer noch bis zum Hals in deren Machenschaften mit drin.
  • Elias – ist ein Mafiaboss und hochintelligenter Geschäftsmann, der aus Rache alle anderen Familien und Konkurrenten ausschaltet. Reese kommt seinen Geschäften immer wieder in die Quere, und doch steht Elias in Johns Schuld
  • Johns CIA-Vergangenheit – es gibt immer wieder Rückblenden, in denen Johns schmutzige Arbeit für den Geheimdienst zu sehen ist. Diese Vergangenheit holt ihn in Form zweier undurchsichtiger und skrupelloser Agenten ein, die Detective Carter benutzen, um an John ranzukommen.
  • Harold Finchs Vergangenheit – wird auch in viele Rückblenden präsentiert. Er hat die mächtige Maschine mit einem Geschäftspartner und Freund zusammen entwickelt. Dann ist die Maschine aber in die Hände der Regierung gelangt und Harold (von dessen Existenz wohl niemand weiß) ist untergetaucht. Warum? Man weiß es nicht.
  • FBI – Das FBI ist hinter dem Mann im Anzug her, weil sie ihn für den Täter in all den Verbrechen halten, die er zu verhindern versucht. Carter soll den Bundesagenten dabei helfen.
  • Root – eine eiskalte und geniale Hackerin, die großes Interesse an der Maschine hat, und dabei auch über Leichen geht.
  • Eine Person aus Reese Vergangenheit, über die ich hier nicht zuviel verraten möchte.
  • Mehrere Verschwörer, die in der Regierung sitzen, die Maschine schützen, für ihre Zwecke benutzen und alle Spuren darauf (also auch Menschen) beseitigen.

Ich belasse es mal bei diesen acht wichtigsten Handlungssträngen. Dazu kommen noch immer wieder auftauchende Figuren, die entweder Reese und Finch helfen, oder ihnen Ärger bereiten.

Das sind aber nicht unabhängig voneinander laufende Handlungsstränge. Sie überschneiden sich immer wieder. Root legt sich mit den Regierungsverschwörern an, die korrupten Bullen des HR kommen dem FBI in die Quere, Elias hilft Reese bei Schwierigkeiten mit den Verschwörern, Fusco und Carter bekommen es sowieso mit allen Parteien zu tun usw.

Hier wird so kunstvoll und rasant mit den einzelnen Fäden jongliert, dass es einem schwindlig werden kann. Aber trotzdem entgleiten den Autoren niemals die Fäden und den Zuschauern nicht der Überblick.

Für J.J. Abrams Firma Bad Robot  wurde die Serie von Jonathan Nolan entwickelt, der mit seinem Bruder Christopher schon an den Drehbüchern der neuen Batman-Trilogie gearbeitet hat. Und irgendwie erinnert »Person of Interest« auch an Batman. Reese trägt zwar kein Kostüm mit spitzen Ohren, aber dafür einen schwarzen Anzug, der ihm sogar eine Art Superheldenamen (»The Man in a Suit«) eingebracht hat. Wie Batman agiert er aus dem Verborgenen heraus, schreitet aber physisch ein, wenn es notwendig ist. Seine Kampfkünste stehen dem Dunklen Ritter in nichts nach. Harold Finch ist für den Bruce-Wayne-Teil zuständig. Er ist der Milliardär mit den großen technischen Fähigkeiten. Zusammen ergeben sie ein unschlagbares dynamisches Duo.

Das Herz der Serie ist die Beziehung zwischen Reese und Finch. Sie sorgt unter anderem für den Humoranteil, der vor allem aus trockenen Sprüchen und (meist) subtiler Situationskomik besteht. Aber auch Fusco sorgt als »comical sidekick« für einige Lacher, z. B. wenn er als romantischer Retter das Supermodel XXX retten muss. In Staffel zwei taucht ein belgischer Schäferhund auf, der vom Militär ausgebildet wurde und von Reese vor Nazis »gerettet« wird. Wie Finch mit seinem unverhofften neuen Mitbewohner umgeht, ist urkomisch.

Der Actionanteil der Serie ist sehr hoch. Autoverfolgungsjagden, Autounfälle, Schießereien, brutale Nahkämpfe, Explosionen usw. sorgen für eine Menge spannende Unterhaltung. Trotzdem nimmt sich die Serie viel Zeit, um sich mit ihren Figuren (auch den Nebenfiguren) zu beschäftigen, ihnen wirkliches Leben einzuhauchen und ihnen charakterliche Tiefe zu geben. Alle Figuren machen im Laufe der ersten beiden Staffeln gravierende Entwicklungen durch. Es werden Eigenschaften an ihnen enthüllt, die man nicht vermutet hätte und die sie plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Trotz der ganzen Action ist »Person of Interest« ein hervorragendes Charakterdrama.

Obwohl man als Zuschauer viel Sympathien für die »Helden« der Serie entwickelt, kann deren Handeln aber zwiespältige Gefühle hervorrufen. John Reese ist eine Art gewalttätiger Rächer, der als ungekrönter König im Kniescheibenschießen nicht gerade zimperlich vorgeht und im Prinzip ständig Selbstjustiz ausübt. Das wird aber durch die Prämisse der Serie relativiert. Denn wie Michael Emmerson im Vorspann sagt, kann die Maschine die Verbrechen voraussagen, aber alles, was nicht mit Terrorismus und Ähnlichem zu tun hat, wird als irrelevant angesehen. Hier versagt der Staat bei der Vorbeugung von Verbrechen, weil sie ihm einfach egal sind. In diese Lücke treten Reese und Finch. Finch, weil er die Maschine gebaut hat, und sich deshalb in der Verantwortung sieht, ihr Potenzial auch auszuschöpfen. Reese, weil er zuvor Verbrechen im Auftrag der Regierung begonnen hat, und hier die Möglichkeit sieht, eine Art Wiedergutmachung zu leisten.

Das zweite zwiespältige Gefühl ruft die Maschine hervor, die im Prinzip ein totaler und perfekter Überwachungsapparat ist, der einen überall und zu jeder Zeit beobachtet. »Big Brother« in seiner ausgereiftesten Form. Nur, dass sich die Regierung für nichts anderes als Terrorismus interessiert. Die Serie geht aber durchaus ambivalent mit der Maschine um, und zeigt, dass nicht sie selbst das Problem ist, sondern der Anwender und was er daraus macht. Es ist auch eines der Grundprinzipien von Krimiserien wie »NCIS« oder »24«, das wir als Zuschauer in ihnen Maßnahmen und Methoden gutheißen, die uns im realen Leben protestierend auf die Straße treiben.

So, der Artikel ist schon viel zu lang geworden. Hier noch ein kurzes Fazit:
»Person of Interest« ist die beste Networkserie der letzten Jahre. Hier werden rasante Action, spannende Verschwörungsgeschichten, Überwachungsparanoia, clever konstruierte Fälle der Woche und eine intelligente Rahmenhandlung, die aus zahlreichen Handlungssträngen besteht, kunstvoll zu einem menschlichen und humorvollen Drama der Extraklasse verwoben.

In den USA läuft die Serie auf CBS, aktuell endet dort gerade die zweite Staffel, eine dritte wurde vom Sender bereits geordert. In Deutschland lief die erste Staffel auf RTL, direkt nach »Alarm für Cobra 11«, was trotz zahlreicher Explosionen und Verfolgungsjagden in »Person of Interest« eine schlechte Wahl war, da die Serie für die Zuschauer von »Cobra 11« vermutlich zu komplex und intelligent gemacht ist. Nicht dass die doof wären, aber sie haben vermutlich die falschen Erwartungen an eine solche Serie. Die zweite Staffel ist für den Spartensender RTL Crime angekündigt. Mir persönlich gefällt die deutsche Synchronisation in diesem Fall überhaupt nicht. Den genialen Michael Emmerson muss man einfach im Original hören und der trocken-coole Flüsterton von Reese geht in der deutschen Fassung auch ganz verloren.

Hier noch ein Trailer:

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